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Philosophie als Experiment

Zwei Bände mit Aufsätzen von John Dewey fordern auf, den amerikanischen Theoretiker des Pragmatismus zu entdecken

Von MARTIN HARTMANN

Richard Rorty wird nicht müde zu wiederholen, John Dewey gehöre neben Wittgenstein und Heidegger zu den drei bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Aber wer kennt hierzulande John Dewey (1859 - 1952)? Natürlich ist sein Name in der Philosophie geläufig. Viele dürften ohne Zögern einzelne Hauptwerke Deweys benennen können: Erfahrung und Natur, Die Suche nach Gewissheit, Die Öffentlichkeit und ihre Probleme, Kunst als Erfahrung. Erziehungswissenschaftler wiederum kennen Deweys wichtigste pädagogische Schrift, Demokratie und Erziehung, die bald nach dem Zweiten Weltkrieg als eines der Schlüsselwerke der Bemühungen um einen Neuanfang im deutschen Bildungswesen galt. Schließlich gibt es natürlich auch die eine oder andere Dissertation, die sich Dewey widmet, gibt es den einen oder anderen Verweis in einschlägigen wissenschaftlichen Kontexten.

Und doch: Vergleicht man die philosophische Breitenwirkung, die Autoren wie Heidegger oder Wittgenstein entfaltet haben, dann wird man zweifelsfrei feststellen können, dass das Werk John Deweys - die amerikanische Gesamtausgabe umfasst 37 Bände - im deutschsprachigen Raum nach wie vor zu entdecken ist. Man kann darüber spekulieren, warum ein Autor, der zu Lebzeiten schnell in den Rang eines Klassikers aufstieg und der vor dem Siegeszug der sprachanalytischen Philosophie die wesentliche intellektuelle Stimme der Vereinigten Staaten war, im deutschsprachigen Raum nur schleppend rezipiert wird.

Vielleicht fehlt es einfach an Werken oder Theorieentwürfen, die in erkennbarer Weise in ihrem Kern von Kategorien Deweys geprägt werden. Jürgen Habermas hat zwar einige Versuche unternommen, den Rang Deweys kenntlich zu machen, aber wenn man sieht, in welchem Maße etwa Deweys zeitweiliger Kollege und pragmatistische Mitstreiter George Herbert Mead nicht nur auf Habermas, sondern auch auf eine ganze sozialwissenschaftliche Schule gewirkt hat, dann wird deutlich, wie gering die philosophische Wirkung Deweys zu veranschlagen ist.

Dabei hat Dewey viel stärker als Mead den Versuch unternommen, die Schulbezeichnung "Pragmatismus", der Autoren wie William James, Charles Sanders Peirce oder eben Dewey und Mead zugerechnet werden, in der ganzen Fülle ihrer Bedeutungen auszubuchstabieren. Dewey ist letztlich der Pragmatist par excellence, wenn man unter Pragmatismus eine mehr oder weniger konsistente philosophische Perspektive versteht, die in unterschiedlichen Gegenstandsfeldern Anwendung findet.

So muss an die hiesige Philosophenzunft die klare Aufforderung ergehen: Bitte mehr Dewey lesen! Mit Philosophie und Zivilisation und Erfahrung, Erkenntnis und Wert liegen nun zwei Bände vor, die sich gut eignen, um Deweys Werk in seiner ganzen Breite kennen zu lernen. Die Aufsätze, die in Philosophie und Zivilisation enthalten sind, hat Dewey 1931 selbst für eine repräsentative Auswahl seiner Texte zusammengestellt. Neben erkenntnistheoretischen Aufsätzen finden sich in diesem Band Texte zur Philosophie der Psychologie und Stellungnahmen zu Problemen der modernen Zivilisation.

Modelle menschlichen Verhaltens

Hervorzuheben ist allerdings ein Aufsatz von 1896, der in der Übersetzung den unscheinbaren Titel "Die Elementareinheit des Verhaltens" trägt. Dewey kritisiert in diesem zu Recht berühmt gewordenen Text ein zu seiner Zeit weit verbreitetes Modell der Erklärung menschlichen Verhaltens, das die wesentlichen Einheiten dieses Verhaltens in dem Bild eines "Reflexbogens" beschreibt. Folgt man diesem Modell, dann lässt sich menschliches Verhalten mit den Begriffen des sensorischen Reizes, des registrierenden Elements und der motorischen Entladung hinreichend erklären. Wir hören ein lautes Geräusch im Wald (Reiz), das unsere Aufmerksamkeit erregt (registrierendes Element) und laufen weg (motorische Entladung).

Dewey reibt sich an diesem Modell, weil es in seinen Augen einzelne Elemente isoliert, die doch nur im Rahmen einer zusammenhängenden Handlungskoordination erläutert werden können. Ob wir beispielsweise ein lautes Geräusch als bedrohlichen Lärm empfinden, hängt davon ab, in welchem Zusammenhang uns das Geräusch begegnet: "Wenn man ein Buch liest, wenn man jagt, wenn man in einer einsamen Nacht an einem dunklen Ort Wache hält, wenn man ein chemisches Experiment durchführt, hat das Geräusch in jedem Falle einen ganz verschiedenen geistigen Wert."Es gibt folglich nicht einfach unabhängige Reize, die auf vorhersehbare Weise bestimmte Reaktionen nach sich ziehen. Mehr noch, die Reaktion selbst interpretiert den Reiz, sie "konstituiert" ihn. Mit anderen Worten, erst mit meiner Flucht wird aus dem Reiz ein bedrohlicher Reiz. Unabhängig von dieser Reaktion bleibt der Reiz gleichsam neutral oder kann noch gar nicht als Reiz bestimmt werden.

Es mag nicht gleich ersichtlich sein, was an dieser Korrektur einfacher Reiz-Reaktions-Modelle des menschlichen Verhaltens originell ist. Genau genommen aber nimmt Dewey mit seinem Aufsatz die Kritik am Behaviorismus vorweg, der für lange Zeit die wissenschaftliche Psychologie beherrschen sollte. Selbst die gegenwärtig dominierende kognitionswissenschaftliche Orientierung der Psychologie ist nicht immer frei von Bezügen auf Reiz-Reaktions-Modelle, so dass Deweys Text auch in diesem Kontext durchaus eine gewisse Aktualität besitzt. Verhalten lässt sich, folgt man Dewey, nur unter Bezug auf praktische Handlungskontexte erklären, in denen verschiedene, miteinander koordinierte Elemente zusammen wirken. Weder lässt sich Verhalten aus solchen Handlungskontexten herauslösen, noch können die verhaltensrelevanten Elemente isoliert betrachtet werden.

Der - im Übrigen ungleich besser edierte - Band Erfahrung, Erkenntnis und Wert enthält Aufsätze, die sein Herausgeber Martin Suhr zusammengestellt hat. Darunter finden sich so wichtige Texte wie "Ein allgemeiner Glaube", Deweys wesentlicher religionsphilosophischer Beitrag, und die "Theorie der Wertschätzung", die nicht nur danach fragt, was Werte sind, sondern auch danach, was sie in unserem praktischen Verhalten bewirken. In dem einleitenden Essay "Vom Absolutismus zum Experimentalismus", verfasst im Jahre 1930, blickt Dewey auf seine eigene Entwicklung zurück und beleuchtet die zentralen Weichenstellungen seiner intellektuellen Karriere.

Auffällig ist in diesem Zusammenhang die Selbstverständlichkeit, mit der Dewey sich Zeit seines Lebens den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zuwendet. Ein Vorwurf, mit dem sich die Philosophie des Pragmatismus lange auseinander setzen musste, ist der der allzu starken Anlehnung an die Methoden der harten Wissenschaften. Wer die Aufsätze der vorliegenden Bände liest, wird schnell eines Besseren belehrt. Dewey ist sich sehr wohl darüber im Klaren, dass es Unterschiede zwischen menschlichen und atomaren Zusammenhängen gibt. Wenn er seine eigene Methode dennoch gelegentlich als "Experimentalismus" bezeichnet, dann vor allem, um auf den ergebnisoffenen Charakter auch des philosophischen Forschens hinzuweisen. Es gibt, anders gesagt, keine Garantie, die richtigen oder alleingültigen Antworten auf die drängenden Probleme der Gegenwart zu finden. "Das Ergebnis", so Dewey in seinem Religionsaufsatz, "liegt nicht bei uns, selbst wenn wir uns noch so viel Mühe geben."

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