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Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) in einer zeitgenössischen Darstellung. 

Hegel

Philosoph Hegel: Der Geist ist absolut alles

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Klaus Viewegs so monumentale wie unbedingt lohnende Biografie über Georg Wilhelm Friedrich Hegel.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dessen 250. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, war ein Spätentwickler. Als ältestes von drei Kindern einer schwäbischen Beamtenfamilie behielt er den Status, der Älteste zu sein, lange bei: Während des Studiums der Theologie am Tübinger Stift, wo er sich mit Schelling und Hölderlin anfreundete, verpasste man ihm den Spitznamen „der Alte“, und auch später als Professor der Philosophie waren die meisten seiner Kollegen deutlich jünger als er. Hegel glich dieses Manko durch zähe Beharrlichkeit aus; seine Stärke war, dass man ihn gerne unterschätzte.

Kein anderer Philosoph hat es gewagt, die Welt derart rigoros in Gedanken zu pressen, und bei keinem anderen Philosophen liegt das Großartige, das Gewaltige so nah am Gemütlichen wie bei Hegel. Zwei Seelen, könnte man sagen, wohnten in seiner Brust, woraus sich, bedenkt man in diesem Zusammenhang noch Hegels regelmäßigen Weinkonsum, der ihm nicht nur Wohlbehagen, sondern auch Magen- und Darmprobleme bescherte, eine gewagte These ableiten ließe: Es gab womöglich zwei Hegel in einem, den Abenteurer des Geistes und den Bürger, der sich zufrieden im Ruhm einhauste; ein Hegel & Hegel also, der seine Dialektik verinnerlichte und in Wirklichkeit überführte.

Im übrigen konnte Hegel, dessen Schriften nicht gerade spannend sind, bei guter Tagesform auch die knappe, pointierte Form bedienen; dann gelangen ihm Einsichten wie „Erkennen wollen, ehe man erkenne, ist ebenso ungereimt wie schwimmen zu lernen, ehe man sich ins Wasser wage“ oder die feine Rede vom „Zerfließen der wirklichkeitslosen schönen Seele … in sehnsüchtiger Schwindsucht“.

Klaus Vieweg:  Hegel. Der Philosoph der Freiheit.

Wer den ganzen Hegel haben will und dabei auf mokante Untertöne verzichten kann, sei auf ein sehr zu lobendes Buch verwiesen, an dem der Autor mehr als fünf Jahre gearbeitet hat: Die Ende 2019 erschienene Hegel-Biografie des Jenenser Philosophen Klaus Vieweg ist 824 Seiten stark, was ja an sich schon eine bemerkenswerte Leistung darstellt, zumal Hegel, wie wir zu wissen meinen, vordergründig kein so ganz aufregendes Leben geführt hat, das zudem durchweg Geduld einforderte.

Dennoch oder gerade deswegen wurde er zum „Philosophen der Freiheit“, wie Vieweg nicht müde wird zu betonen: „Hegel soll jedes Jahr am 14. Juli, dem Tag des Beginns der Französischen Revolution, ein Glas Champagner genossen haben. Diese Revolution war das prägende historische Ereignis seines Lebens und Denkens. Der Philosoph Hegel war stets ein politicus , ein sich zu politischen Fragen öffentlich positionierender Mensch, der sein ganzes Leben hindurch als vehementer Verteidiger der Grundgedanken der Französischen Revolution auftrat. Er feierte die Revolution als ‚herrlichen Sonnenaufgang‘ der modernen Welt, als ‚Morgenröte‘ freier Existenz. Das Denken der Freiheit durchzieht als Grundmotiv sein gesamtes Leben.“

Viewegs opulente Biografie setzt Maßstäbe und wird womöglich auf Jahre unerreicht bleiben. Allerdings geht auch ein Leben, das, auf freiem Terrain und unter selbstausgeheckten Vorgaben, weitaus mehr erreichte, als zu erwarten gewesen war, einmal zu Ende, damals wie heute; wenn man fällig ist, ist man fällig: „Hegel war 1830 auf dem Höhepunkt seiner Berühmtheit angekommen. Es gab vielstimmige Kritik und manch Angriff voller ‚unintelligenter Wut‘, doch die von Zeitgenossen formulierten Superlative reihen sich: erster Denker seines Zeitalters, neuer Aristoteles, König im Reich des Gedankens, ein Stern erster Größe, ein Generationenereignis ...“

Das Buch

Klaus Vieweg:  Hegel. Der Philosoph der Freiheit. C.H. Beck 2019. 824 S., 34 Euro.

Hegels Tod, wie könnte es anders sein, war nicht sehr feierlich, und so gibt sich Vieweg zu guter Letzt recht wortkarg: „Bald nach Beginn des Wintersemesters 1831“ wird der Philosoph „plötzlich schwer krank und verstirbt am 14. November um fünf Uhr am Nachmittag. (…) Gemäß seines schon 1819 ausgesprochenen Wunsches erhält er sein Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof neben Fichte und Solger. Die von seinem Anhänger David Friedrich Strauß notierten letzten Worte der letzten Vorlesung lauten: ‚Freyheit ist das Innerste, und aus ihr ist es, daß der ganze Bau der geistigen Welt hervorsteigt‘“.

Den leibhaftigen Hegel, eine der besitzergreifenden, inzwischen schon wieder gern verkannten Erinnerungsgestalten der guten alten Philosophie, bringt uns Klaus Viewegs Buch nicht zurück, aber das muss auszuhalten sein, werden wir doch eines fernen oder sogar nahen Tages selbst jenem Zeitabsonderlichen überstellt, das Hegel, ausnahmsweise ein wenig ratlos, als „schlechte Ewigkeit“ bezeichnete.

Wie es dort zugeht, wissen wir nicht und wollen es auch nicht wissen. Vermutlich ist nicht viel los in dieser Ewigkeit; alles zieht sich, ist entschärft, wurde längst bedacht und zur Ablage befördert, so dass vor allem der Wunsch bleibt, es möge, bitteschön, endlich das wahre Ende gesetzt werden, von dem garantiert kein Widerruf mehr und schon gar keine Erweckung nebst Auferstehung zu erwarten ist. Keine Ewigkeit also, sondern nur noch: Feierabend.

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