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Philippe Jaccottet, hier 1986.
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Philippe Jaccottet, hier 1986.

Philippe Jaccottet

Philippe Jaccottet: „Clarté Notre-Dame“ – Für immer das Netz in die Tiefen werden

  • VonEberhard Geisler
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Letzte Aufzeichnungen von Philippe Jaccottet.

Der Rezensent ist versucht, angesichts der letzten Gedichte und Prosastücke, die der 95-jährige Philippe Jaccottet vor seinem Tod im Februar dieses Jahres noch abzuschließen in der Lage war, Ernst Jünger zu zitieren, einen Autor, den Jaccottet ganz bestimmt nicht geschätzt haben dürfte. Die Stelle lautet: „So suchen auch die Götter gern den Körper alter und sehr alter Menschen auf. Die Wohnung ist behaglicher geworden, sie fühlen sich in ihr wohl. Sie rasten dann noch eine Weile, dann geben sie sich zu erkennen und ziehen mit dem Wirt davon.“

Es ist das Büchlein eines langjährigen Abschieds geworden, in dem sich der Dichter noch einmal dessen vergewissert, was ihm Dichtung bedeutet hat. Es setzt ein mit der Beschreibung einer Reise zum Begräbnis seines Freundes André du Bouchet, eines Lyrikers ebenfalls und Übersetzers von Hölderlin. Aus dem traurigen Anlass entsteht ein Geflecht literarischer Reminiszenzen, die beide einst miteinander verbunden haben und jetzt Trost spenden können.

Neben Zitaten von Hölderlin fallen Jaccottet solche von San Juan de la Cruz, Emily Dickinson, aus Büchners „Lenz“ oder Étienne Pivert de Senancours „Obermann“ ein, einem Briefroman, der im Schweizer Jura spielte – Jaccottet selbst war ja in einem Ort im französischsprachigen Kanton Waadt zur Welt gekommen -, und der ein wichtiger Beitrag zur europäischen Romantik gewesen war. „Ein Netz, ja, genau das war es, und die Gewissheit würde noch stärker, je länger ich nachdächte über diese lange und zumeist stillschweigende Freundschaft.“ Überwältigt von diesen Reminiszenzen, die sich im Gedenken an den verstorbenen Freund unwillkürlich einstellen, gewinnt der Dichter den Eindruck, „dass es keine Leere gab, keine Abwesenheit“.

Das Buch

Philippe Jaccottet: Clarté Notre-Dame. Gedichte und Prosa. A. d. Franz. v. E. Edl / W. Matz. Wallstein 2021. 111 Seiten, 20 Euro.

Seine eigenen Gedichte und kurzen Texte schwanken zwischen Ratlosigkeit und Zuversicht. Was soll er angesichts des herannahenden eigenen Todes empfinden, wie kann er weitermachen, ohne sich von der Vergeblichkeit seines Tuns überzeugen zu müssen, wie kann er dem Schreiben noch Sinnhaftigkeit abgewinnen? „Ratlos, niedergeschlagen, manchmal angewidert, doch mit einem letzten Rest von Hartnäckigkeit“.

Die reifen Sterne ganz nah

Tage, in denen er spürt, „in der Tiefe“ und auf einen „Mittelpunkt“ ausgerichtet gewesen zu sein, wechseln ab mit Tagen, an denen er erschöpft ist und sein Schreibhandwerk schnell wieder aufgibt. Er hört Musik von Claudio Monteverdi und hat die Vision von einer Nacht, „wo jeder nur noch leicht die Hand ausstrecken muss, / um sich zu sättigen an reifen Sternen“. Auch in die umgekehrte Richtung zielt weiterhin die poetische Sehnsucht: „Werfen für immer das Netz in die Tiefen“.

Eine besondere Rolle spielt für den Dichter die kleine Vesperglocke der Kirche Clarté Notre-Dame, eines alten Dominikanerinnen-Klosters, das in der Nähe des südfranzösischen Ortes Grignan gelegen ist, wo er seit 1953 gewohnt hatte. Ihr reiner Klang fasziniert ihn und erscheint ihm als „etwas wie ein Wort, Ruf oder Ermahnung“. Ein Vers von Hölderlin fällt ihm ein, in dem ebenfalls von einer Glocke die Rede ist.

Der Idee der Helligkeit ist damit ein Denkmal gesetzt, und Jaccottet erreicht Helligkeit selbst, indem er die Schrift bemerkenswerterweise sich selbst zurücknehmen, sie fast verschwinden lässt, bis an dieser Grenze Transparenz erreicht ist. Eine letzte Erinnerung an Freunde und Lektüren noch; so könnte auch im Fischernetz etwas bleiben. Ernst Jünger, mythisch raunend, erscheint dagegen eher beklemmend. Jaccottet schreibt romanischer, leichter.

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