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Philipp Felsch: „Wie Nietzsche aus der Kälte kam“ – Rekonstruktion einer Krankheit

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Von: Wilhelm v. Sternburg

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Friedrich Nietzsche, um 1867.
Friedrich Nietzsche, um 1867. © akg-images

Ein Stück Geistes- und auch DDR-Geschichte: Philipp Felsch arbeitet in seinem Buch „Wie Nietzsche aus der Kälte kam“ auf, wie die Italiener Giorgio Colli und Mazzino Montinari Nietzsches Handschriften entzifferten.

Ein wenig pathetisch gedacht stimmt es: Friedrich Nietzsche war ein Zertrümmerer. Er hinterließ kein geschlossenes philosophisches Werk, wie es etwa Hegel oder Schopenhauer von ihren Schriften behaupteten, sondern vorrangig tausende von Aphorismen, geschrieben in einer unbestechlichen, wütenden, klugen, das Publikum meist überwältigenden Sprache.

Als er schon im Wahn dahindämmerte, entdeckte ihn die geistige Welt der europäischen Dekadenz und der Vorkriegsmoderne. Sigmund Freud, die Brüder Heinrich und Thomas Mann, der sensible Sprachartist Hugo von Hofmannsthal, die Dichter des grellen Expressionismus, der dunkle Seins-Deuter Martin Heidegger, dann aber auch Jean-Paul Sartre, die Kultfigur des Existenzialismus – seit den Frühtagen des 20. Jahrhunderts gab und gibt es nicht allzu viele, die dichteten und dachten und diesem glänzenden Essayisten und Wortefinder nicht verfallen waren und noch sind. Der Nietzsche-Verehrer Gottfried Benn hält bei seiner Rede zum 50. Todestag des „gefährlichen Denkers“ fest: „Eigentlich hat alles, was meine Generation diskutierte, innerlich sich auseinander dachte, man kann sagen: erlitt, man kann auch sagen: breittrat – alles das hatte sich bereits bei Nietzsche ausgesprochen und erschöpft, definitive Formulierung gefunden, alles weitere war Exegese. (...) Er ist, wie immer deutlicher wird, der weitreichende Gigant der nachgoetheschen Epoche.“

Sie haben ihn vielfach missbraucht, die Mächtigen und die Oberflächlichen dieser Welt, sein Werk in Verkürzungen und Fälschungen ihren eigenen Herrschafts- und Ideologieansprüchen angepasst. Schöpfer des germanischen Übermenschen sei er gewesen, plärrten die Gefolgsleute der Nationalsozialisten, ein Gottesmörder, tönte es von den Kanzeln oder in den kirchentreuen Pamphleten. Der „real existierende Sozialismus“ verurteilte oder schwieg, der westliche Nachkriegskapitalismus rätselte verlegen, was mit diesem oft so widersprüchlichen Werk anzufangen sei.

Nietzsche ahnte, was die Welt aus seinem Werk machen würde. 1884 schrieb er an die Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, dass er mit Schrecken daran denke, wer sich alles einmal unberechtigterweise auf seine Autorität berufen werde. Seit diese Verwalterin seines Erbes später in dem nachgelassenen Werk des Bruders herumpfuschte, es in zahllosen Passagen durch Weglassungen oder fälschende Einfügungen den rechten Ideologen andiente und Ausgaben edierte, die allen wissenschaftlichen Prinzipien widersprachen, brauchte es viele Jahrzehnte, bis sich der Weg zu einer philologisch vertretbaren Neuausgabe von Nietzsches Werk auftat.

Der Berliner Kulturhistoriker und Hochschullehrer Philipp Felsch hat in einem spannend und informativ geschriebenen Buch von dem Weg berichtet, der zur „Rehabilitierung“ des Denkers Friedrich Nietzsche geführt hat. Es waren zwei italienische Literaturwissenschaftler, die seit den späten 1950er Jahren zehntausende von kaum leserlichen Seiten des Nietzsche-Nachlasses entzifferten. Felsch nennt diese philologische Tat die „Geschichte einer Rettung“. Giorgio Colli (1917-1979) und Mazzino Montinari (1928-1986) fanden sich in Florenz, wo sie forschten und lehrten. Es verband sie ihre antifaschistische Haltung während der Mussolini-Jahre, ihr Bekenntnis zur Kommunistische Partei Italiens und ihre wachsende Nietzsche-Begeisterung.

Das Buch

Philipp Felsch: Wie Nietzsche aus der Kälte kam. Geschichte einer Rettung. C. H. Beck. München 2022. 287 S., 26 Euro.

„Keine Spur von Gängelung“

Montinari lebt viele Jahre in der DDR, um im Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv, in dem sich Nietzsches Nachlass befindet, das schwierige Abenteuer der Schriftentzifferung zu bestehen. Felsch zerstört dabei die Legende, die von der Nietzsche-Forschung in der Bonner Republik verbreitet wurde: Die DDR halte das Archiv des Zarathustra-Erzählers für die Forschung aus ideologischen Gründen verschlossen. Montinari erlebt „keine Spur von Sekretierung, Überwachung oder weltanschaulicher Gängelung“. Dem in Italien weilenden Partner schreibt er: „Ich habe hier sehr freundliche Leute angetroffen. Sie haben mir nicht nur das gesamte Material zur Verfügung gestellt, (...) sondern sich auch darum gekümmert, mich viel besser unterzubringen (...).“ Einen gewagten, aber bemerkenswerten Aphorismus in „Menschliches, Allzumenschliches“ haben die westlichen Nietzsche-Forscher offensichtlich in ihrer ideologischen Selbstgewissheit überlesen: „Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.“ Spöttisch fragt Felsch: „Ob es Nietzsche gefallen hätte, in die Hände von Kalten Kriegern zu fallen?“

Ein Lebenswerk haben die beiden Italiener mit ihrer schließlich 15-bändigen Studienausgabe geschaffen. Besonders Mazzino Montinari diente ihm bis zur physischen und psychischen Erschöpfung. „Nietzsche ist eine Krankheit. Jedes Wort, jeder Begriff, jeder Versuch von ihm finden in mir ein persönliches Echo“, notiert er 1963. Aber am Ende dieses mühsamen, verzehrenden Weges steht eine philologische Großtat. „(...) die Buchstabentreue von Colli und Montinari (ist) von dem Bedürfnis getrieben, Nietzsche endlich selbst zu Wort kommen zu lassen, bevor man sein Werk erneut zur Interpretation freigibt“, schreibt Felsch. Colli wird mit Blick auf die Diskussionen um die uferlosen Nietzsche-Interpretationen sagen: „Man braucht ihm bloß Gehör zu schenken.“

Für die Angeekelten

Nietzsches Abgesänge auf die Menschheit – wen sollte die Schärfe seiner Sprache unberührt lassen? – geben dem Einwurf Thomas Manns, Nietzsche müsse sich gefallen lassen „ein Humanist genannt zu werden“, ein besonderes Gewicht. Und Felsch zitiert Colli mit dem heftigen Bekenntnis, allen „von unserem Jahrhundert abgestoßenen, angeekelten“ Menschen gebe „dieser Autor etwas Wertvolles an die Hand“: eine rückhaltlose Verachtung der modernen Welt. Wer Nietzsche liest, wird rasch erkennen, dass dieser Denker selbst zu jener Moderne gehört, die ihm so viel Unbehagen und Skrupel bereitet.

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