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Der Pharaonenkopf

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Von: Arno Widmann

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Fotografien und Dokumente aus dem Archiv der Schauspielerin Jean Seberg, die die Heilige Johanna wie auch "Außer Atem" war.

Der Film ist eine Frauen-, eine Schauspielerinnenkunst“, so schrieb François Truffaut im Jahr 1958.

1957 war Jean Seberg (1938 – 1979) des großen Hollywood-Regisseurs Otto Preminger „Heilige Johanna“. Preminger hatte sie aus 18 000 Bewerberinnen ausgewählt. Niemals sah eine Frau in Rüstung so sexy aus wie sie. Seitdem sah ich jeden Film mit ihr. Dachte ich. Doch jetzt erfahre ich, dass sie 37 Filme gedreht hat. Nicht einmal ein Drittel sah ich. In der Heiligen Johanna sah sie so modern aus! Das war ihr Reiz. Glamour war es nicht und auch nicht ein tiefes Dekolleté. Sie sah heutig aus.

Jean-Luc Godard hat Jean Seberg und dem jungen Jean-Paul Belmondo 1960 ein Denkmal gesetzt mit „Außer Atem“. Das war der Film einer Generation. Die Glorifizierung des Scheiterns einer Fluchtbewegung. Ja, das war wichtig. Man übte sich in den frühen sechziger Jahren in einer Kultur der Niederlage. Man begriff sie und propagierte sie als Aufbruch. Das Scheitern wurde so schön ausgemalt, dass es dazu animierte, es auch einmal damit zu versuchen. Das kann sich heute kaum jemand vorstellen. Wir denken, es gebe nur positive Motivation. Damals war das anders. Wer der jüngeren Generation die Aufbauleistungen nach dem Zweiten Weltkrieg besang, der erntete gähnende Langeweile. Die damalige Jugend war scharf auf den Ausstieg und aufs Scheitern dabei.

Eines der Gesichter dieser Jugend war das von Jean Seberg, die die USA verließ und vor allem in Frankreich, in Paris lebte. Einer ihrer schlechtesten Filme, so sagen mir Filmkritiker, war „Vögel sterben in Peru“. Es war einer der Filme, die mich am meisten beeindruckten. Ich war 22, als er in die Kinos kam, und konnte ihn kaum sehen, so sehr nahm er mich mit. Es ist, wenn ich mich recht erinnere, die Geschichte einer Frau, die ihrem Mann nicht treu bleiben kann. Weil jeder – oder doch fast jeder – andere Mann sie auch reizt. Regisseur des Films war Romain Gary, der damit einen seiner Romane verfilmte. Er war damals auch der Ehemann von Jean Seberg.

Ein tieftrauriger Film

„Vögel sterben in Peru“ war ein tieftrauriger Film. Er war noch einmal trauriger, weil er so offen autobiographisch war. Das Ehepaar, das seine Geschichte der Welt erzählte. Ohne die Hoffnung, dadurch aus ihr herauszukommen. Es war zu viel für mich. Ich hatte noch immer das Gemütsleben eines Jungen in der Pubertät. Ich ertrug den Liebesverrat nicht. Nicht einmal im Film. Ich wusste: Ich hätte sie umgebracht. Ich sah mich, wie ich mich noch nie gesehen hatte und wie ich mich nicht sehen wollte. Nie wieder habe ich mir diesen Film angesehen.

Von dieser Seite Jean Sebergs erzählt das Buch nichts, und auch von ihrem politischen Engagement zum Beispiel für die Black Panthers – eine Gewalt predigende und praktizierende Widerstandsbewegung der Schwarzen in den USA – ist nur an einer einzigen Stelle die Rede. Dabei spielten sicher nicht nur persönliche Gesichtspunkte, sondern auch das politische Klima in den USA und ihre Verfolgung durch das FBI eine Rolle für Jean Sebergs Entscheidung, in Europa zu leben. Neben den Fotos sind in dem Buch auch Briefe von Jean Seberg an ihre Eltern in den USA zu finden. Ein sehr ausführlicher über eine Einladung beim Präsidenten der Vereinigten Staaten, John F. Kennedy, der „Außer Atem“ gesehen hatte, ist auch darunter.

Eine Liebeserklärung

Am Schönsten aber ist eine Passage aus einer Besprechung François Truffauts von „Bonjour Tristesse“, der Verfilmung des Romans von Françoise Sagan. Es ist eine sehr genaue Charakteristik der Filme Truffauts – bevor er auch nur einen einzigen gedreht hatte – und eine Liebeserklärung an Jean Seberg:

„Der Film ist eine Frauen-, eine Schauspielerinnenkunst. Die Arbeit des Regisseurs besteht darin, hübsche Frauen hübsche Dinge machen zu lassen…. Immer, wenn Jean Seberg auf der Leinwand ist, das heißt den ganzen Film über, hat man nur Blicke für sie, so graziös ist sie noch in der beiläufigsten Bewegung, so genau in jedem Blick. Die Form ihres Kopfes, die Silhouette, der Gang, alles an ihr ist vollkommen, und neu auf der Leinwand ist ihre Art von Sex Appeal, sie ist auf den Millimeter genau geleitet, kontrolliert und geführt von ihrem Regisseur, der auch ihr Verlobter sein soll, was nicht überraschen würde, denn für eine solche Genauigkeit im Ausdruck braucht es einfach Liebe. In blauen, seitlich geschlitzten Shorts, in weiten Hosen, im Rock, im Abendkleid, im Badeanzug, im Männerhemd mit wehenden Schößen, im Männerhemd, die Schöße über dem Bauch verknotet … – so trägt Jean Seberg, kurzes aschblondes Haar auf dem Pharaonenkopf, die blauen Augen weit geöffnet, aufblitzend in jungenhaftem Schalk, auf ihren schmalen Schultern den ganzen Film, der im Übrigen ein einziges Liebesgedicht ist, von Otto Preminger ihr gewidmet…“.

Man beachte, wie sehr hier zur Liebe gehört, dass die Frau vom Mann millimetergenau „geleitet, kontrolliert und geführt“ wird. Da war dann „Vögel sterben in Peru“ deutlich ein Fortschritt.

Jean Seberg: Photographien und Dokumente aus dem Familienarchiv. Mit einem Text von Antoine de Baecque, übersetzt von Sophia Marzolff. Schirmer/Mosel, München 2014, 200 S., 245 Abbildungen, 39,80 Euro.

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