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Scheinbar abwegig, aber in Gottes Welt ohne weiteres möglich: Ganz oben der himmlische Schwertmann, die Burg und das Heer über Straßburg von 1531, darunter das Tiber-Monster von 1496.
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Scheinbar abwegig, aber in Gottes Welt ohne weiteres möglich: Ganz oben der himmlische Schwertmann, die Burg und das Heer über Straßburg von 1531, darunter das Tiber-Monster von 1496.

Wunderzeichenbuch

Phantomzeichnungen zur Lösung der Welträtsel

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Mitte des 16. Jahrhunderts in Augsburg: Unbekannte versuchen sich und den Zeitgenossen vorzustellen, was von der Sintflut bis zu Drachen und Luftreitern alles der Fall ist.

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Mit der Sintflut beginnt das Buch und es endet mit dem Engel aus der Offenbarung des Johannes, der den Untergang Babylons verkündet. Dazwischen immer schön chronologisch nacheinander Kometen, Missgeburten, Erdbeben, Sonnenfinsternisse, Überschwemmungen, Hagel, aber auch goldene Kugeln, die vom Himmel kommen und wieder dorthin verschwinden oder auch Drachen.

Das Wunderzeichenbuch entstand Mitte des 16. Jahrhunderts in Augsburg und tauchte erst vor wenigen Jahren im Kunsthandel auf. Es sind 167 farbige Gouachen und Aquarelle, unter denen jeweils ein kurzer Text steht, der das abgebildete Geschehen erläutert und meist auch datiert und lokalisiert. Das gibt den Blättern etwas von einer Zeitung. Einer allerdings, die sich auf Katastrophenmeldungen spezialisiert hat.

Auffällig ist die Diskrepanz zwischen dem Trieb, den Wunderzeichen nachzugehen, sie quer durch die Jahrhunderte aus zig Vorlagen in einem einzigen Band zusammenzustellen, und dem Desinteresse an jeder theologisch-moralischen Deutung. Da hat jemand Wunder gesammelt, ohne an sie zu glauben, aber auch ohne sie in Frage zu stellen? Nein, denn es sind keine Wunder abgebildet, sondern Naturphänomene. Sie werden auch nicht als Zeichen genommen. Sie stehen nicht für etwas anderes. Das Erdbeben ist nicht eine Strafe Gottes. Es weist auf nichts hin. Aber es hat Begleiterscheinungen.

Veranschaulichung von Erzählungen

Unter einem Drachenbild steht zum Beispiel: „Im 1533. Jahr, im Oktober, hat man in Böhmen und dem Vogtland, auch im Ascher Ländchen fliegende Drachen gesehen, auf dem Kopf eine Krone, ein Rüssel wie ein Schwein, und auch zwei Flügel. Es dauerte dann etliche Tage an, dass jeden Tag von ihnen mehr als vierhundert miteinander geflogen sind, sowohl große als auch kleine, wie hier gemalt ist.“ Das sind Protokollsätze. Hier werden Beobachtungen festgehalten. Sie sind überprüfbar. Die Zeitgenossen konnten Leute fragen, die im Oktober 1533 im Vogtland waren, ob sie Drachen gesehen hatten. Sie hätten das Bild nehmen und den Vogtländern zeigen können, wie ein „Tatort“-Kommissar die Nachbarn mit dem Foto eines Verdächtigen konfrontiert.

Bei den neueren Ereignissen wird tatsächlich oft auf das Bild über dem Text Bezug genommen wie auf eine Fotografie. Also: „1550 Jahre nach Christi Geburt ist eine solche Taube in einem Dorf namens Rickatshofen, bei Lindau gelegen, gefunden worden, wie hier gemalt ist, mit 4 Füßen und zwei Hinterteilen.“ Unter einem Bild mit drei Sonnen und einem Schwert über einer weiten Landschaft steht: „1551 Jahre nach Christi Geburt, im Monat März, hat man solches Ereignis im Schwabenland bei hellem Tag mehr als einmal gesehen.“ Niemals allerdings hat man den Eindruck, der Autor des Textes nehme die Bilder als Dokument oder biete sie gar dem Betrachter als solches an. Die Bilder, das ist immer klar, bilden nicht etwas ab, das der Maler gesehen, sondern sie veranschaulichen, was man ihm erzählt hat. Es sind, um noch einmal einen Begriff aus unserer Sonntagabend-„Tatort“-Welt zu bringen, Phantomzeichnungen.

Die Texte bestehen, wie gesagt, aus Protokollsätzen. Es werden Beobachtungen zu Papier gebracht, keine Theorien entwickelt. Die Frage nach dem Warum wird systematisch ausgelassen. Allenfalls heißt es einmal, dass ein Erdbeben in Italien so stark war, dass noch in Konstantinopel die Häuser einfielen. Hier wird keine Ursachen- und keine Wirkungsforschung betrieben und schon gar nicht wird eine Weltanschauung illustriert. Es wird festgehalten, dass man 1533 in Böhmen einen Reiter hoch in den Lüften auf einem Pferd gesehen hat. Aber wie es dazu kam, interessiert niemanden. Es ist ein ostentativer Empirismus. Wir übersehen das nur so leicht, weil wir den meisten dieser angeblichen Beobachtungen misstrauen. Wir glauben nicht, dass im Oktober 1533 Drachen über dem Vogtland unterwegs waren. Wir halten es auch für ausgeschlossen, dass eine riesige Fackel vom Himmel fällt. Die Verfasser dieses Buches hegen diese Vorbehalte nicht. Sie stellen fest: Das wird erzählt. Diese Erzählungen sammeln sie und sie stellen sie dar. Sie achten sehr darauf, dass die Ereignisse räumlich und zeitlich klar definiert sind, aber sie werten sie nicht. Sie unterscheiden nicht zwischen Wahr und Falsch und sie unterscheiden nicht zwischen Gut und Böse.

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Im Lukasevangelium verkündet der Engel Maria, dass sie schwanger sei. Maria sagt: „Wie soll das zugehen, da ich von keinem Manne weiß?“ Der Engel antwortet Maria mit den Worten, die wir aus den Advents-Gottesdiensten kennen: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ Eine Welt, die diesen Satz ernst nahm, ihn glaubte, wunderte sich nicht über fliegende Drachen am Himmel oder Luftbilder, die einen blutroten Schwertkämpfer zeigen. Warum sollte es dem allmächtigen Gott unmöglich sein, ein hausgroßes Schwert in den Himmel zu stellen? Der Zweifel an der Sache konnte schnell umschlagen in den Zweifel an Gottes Fähigkeiten. Im Augsburger Wunderzeichenbuch scheint auch alles möglich zu sein. Die Autoren aber verzichten auf den, bei dem kein Ding unmöglich ist.

Gott spielt in dem Buch, hat man erst einmal die Geschichten aus dem Alten Testament und also die ersten 15 Blätter hinter sich, keine Rolle mehr. Er kommt nicht mehr vor. Bis zum Blatt 171. Von dort bis zum letzten – also 192 – werden Abschnitte aus der Offenbarung des Johannes zitiert und illustriert. Das sind keine Protokollsätze von Beobachtungen, sondern von Visionen.

Auftragsgeber und Maler sind unbekannt

Das größte Wunder der Weltgeschichte kommt nicht vor. Die Niederkunft Gottes, Christi Geburt, ist Künstlern und Auftraggeber nicht eine Notiz wert. Allerdings fehlt das Blatt 25. Das liegt zwischen einem, das sich mit einem Ereignis „im Jahr vor Christi Geburt“ beschäftigt und einem, das einen Tag nach der Ermordung Julius Cäsars spielt. Die Hersteller des Wunderzeichenbuchs waren nicht immer taktfest in der Chronologie. Die Wahrheit ist: Das ist kein Wunderzeichenbuch. Es ist eine Materialsammlung für jemanden, der versucht, sich erst einmal klar zu machen, was war, ohne nach Ursachen oder Folgen, geschweige denn solchen moralischer Art, zu fragen. Thomas S. Kuhn beschrieb in seinem 1962 erschienenen Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“, dass diese nicht durch neue Beobachtungen ausgelöst werden, sondern durch einen Paradigmenwechsel, der die bekannten Beobachtungen in einen neuen Zusammenhang stellt. Das Wunderzeichenbuch – wenn es denn echt ist – ist ein Dokument aus diesem Prozess des Paradigmenwechsels. Der Gott, bei dem alles möglich ist, wird nicht mehr herangezogen, um das Mögliche zu begründen. Dieses Paradigma ist verschwunden. Ein Neues ist nicht in Sicht. Die alten Beobachtungen stehen alleingelassen herum wie Kinder, die auf dem Rummelplatz nach ihren Eltern Ausschau halten.

Man weiß nicht, wer das Buch in Auftrag gab. Man kennt auch die Maler nicht. Der Vorbesitzer hielt es für eine Arbeit des 17. Jahrhunderts. James Faber vom Londoner Kunsthaus Day & Faber ließ das Papier untersuchen und siehe da: Wasserzeichen datierten es ins Augsburg des 16. Jahrhunderts. Der Wert wuchs deutlich. Heute gehört es einem amerikanischen Sammler, der es dem Taschen-Verlag zur Herstellung einer Faksimile-Ausgabe zur Verfügung stellte. Der in Hamburg geborene Kurator der Sammlungen des Groeningemuseums in Brügge, Till-Holger Borchert, und der US-Amerikaner Joshua P. Waterman, Mitarbeiter am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, geben den Band heraus und haben erläuternde Aufsätze zum Umkreis geschrieben. Also zum Beispiel über die Tradition der Wunderzeichen von der Antike bis zur Renaissance, aber auch sehr akribisch über die Bild- und Textquellen, auf die die Hersteller der Handschrift zurückgriffen. So entstand eines der schönsten Bücher des Jahres.

Till-Holger Borchert, Joshua P. Waterman (Hrsg.): Das Wunderzeichenbuch. Taschen-Verlag, Köln 2013, Faksimileband, 560 Seiten, 99,98 Euro.

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