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Eine Militärparade anno 1896.
Eine Militärparade anno 1896. © Getty Images

Der Begriff "Militarismus" hat eine komplexe Geschichte: Wolfram Wette zeichnet ihn von Bismark bis zur großen Koalition in seinem Buch "Militarismus in Deutschland" nach. Von Rudolf Walther

Von RUDOLF WALTHER

Zusammen mit Manfred Messerschmidt, Volker R. Berghahn und Stig Förster gehört Wolfram Wette zu einer kleinen Gruppe von deutschen Militärhistorikern, die sich ihre kritische Haltung bewahrt haben. Wettes neues, brillant geschriebenes Buch beschäftigt sich mit einem Strukturelement von Kriegen: dem Militarismus.

Der Begriff "Militarismus" hat eine komplexe Geschichte, die Wette kenntnisreich nachzeichnet. Der Begriff kam in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts im Kontext der Bismarckschen Reichsgründung mit "Blut und Eisen" auf. Er war ein politischer Kampfbegriff derjenigen, die gegen die militärische Reichseinigung von oben waren. Dazu gehörten liberal gebliebene Alt-48er ebenso wie Jesuiten.

Einer von ihnen, Georg Michael Pachtler, gebrauchte den Begriff Militarismus erstmals in dem 1876 unter dem Pseudonym Annuarius Osseg veröffentlichten Buch "Der europäische Militarismus". Im Namen des Friedens protestierte er gegen Bismarcks Umbau des Staates in eine "große Kriegsmaschine". Pazifistische Autoren, vor allem aber die oppositionelle SPD unter August Bebels politischer und Karl Kautskys theoretischer Führung übernahmen den Begriff nach 1890.

Es dauerte aber noch bis in die Zeit der Weimarer Republik, bis die Geschichtswissenschaft aus dem politischen Kampfbegriff ein Instrument formte, mit dem der Aufstieg Preußens von einer armen Regionalmacht zu einer Großmacht beschrieben werden konnte.

Zu den Pionieren gehörte Eckart Kehr, einer der wenigen nicht im wilhelminischen Machtstaatsdenken befangenen Historiker in den 20er Jahren.

Erst nach 1945 konnten amerikanische und deutsche Historiker zeigen, wie sinnvoll und fruchtbar es ist, den Militarismus als Strukturelement der preußischen und später preußisch-deutschen Geschichte in den Mittelpunkt zu rücken.

Wette analysiert detailliert die "kriegerische Kultur" von der militaristischen Massenmobilisierung im Ersten Weltkrieg bis zum "Hypermilitarismus", der im "Dritten Reich" Staat, Gesellschaft und Individuen gleichermaßen imprägnierte. Zur schonungslosen Aufklärung trugen auch die Alliierten bei, die im Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 die Ausrottung des deutschen "Militarismus und Nazismus" versprachen. Die Programme zur Entmilitarisierung, Entnazifizierung, Demokratisierung und Re-Education waren im Großen und Ganzen erfolgreich.

Außerhalb der Geschichtswissenschaft wurde "Militarismus" allerdings im Kalten Krieg wieder zum politischen Kampfbegriff. Von der DDR aus wurde gegen die "Wiederbewaffnung" - zunächst schamlos als "neue Wehrmacht", ab 1956 dann als "Bundeswehr" bezeichnet - eine Kampagne unter der Parole gegen "Militarismus und Revanchismus" geführt.

Wolfram Wettes Buch ist Pflichtlektüre für alle, die sich "von der Normalisierung des Militärischen als Mittel der deutschen Außenpolitik" (Wette) durch die rot-grüne Regierung und die große Koalition nicht blenden lassen wollen.

Wolfram Wette:

Militarismus in Deutschland.

Geschichte einer

kriegerischen Kultur. Primus Verlag,

309 S., 24,90 Euro.

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