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Im Lichte des „Supermonds“.

Erzählungen

Träume bis ans Ende der Alp

  • vonJürgen Verdofsky
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Licht, Zwielicht, Dunkelheit: „Wenn es dunkel wird“, neue Erzählungen von Peter Stamm.

Die Angst ist die Möglichkeit der Freiheit“, hieß es bei Peter Stamm vor zwanzig Jahren im Roman „Ungefähre Landschaft“. Der Schweizer Autor erzählt schon länger die verschatteten Geschichten der vom Leben Befleckten oder gar an ihm Verunglückten. Sie werden nicht von ihren Möglichkeiten, sondern von ihren Schwächen unabsehbar verbraucht, verzehrt vom Alltag. Erdrückt von der Einsamkeit als Moment, an dem Abwesenheit und Leid zusammentreffen. Wir sind in der Moderne der Austauschbarkeit, Beziehungsleere und orientierungslosen Glückssuche. Ursache und Ausdruck liegen weit auseinander, münden aber in der Gewissheit bedroht zu sein.

Auch in dem neuen Erzählband „Wenn es dunkel wird“ durchzieht eine unbestimmte Sinnsuche alles. Die Ausbrüche und das Kreiseln sind hier kein übersteigerter Individualismus oder Eskapaden inszenierter Lebensgier, das ist reine Lebensnot. In milderen Fällen wird die Wirklichkeit durch eine Täuschung aufgebessert. Ja, manchmal gelingt es den Suchenden auch, mit dem Angstschweiß davonzukommen, sogar bis zur Selbstbehauptung aus eigenem Recht.

Menschen gehen verloren, und weil das so ist, hat eine Zehnjährige beschlossen, Polizistin zu werden. Behutsamer als in der Titelerzählung „Wenn es dunkel wird“ lässt sich die Gleichzeitigkeit von erstickter Wahrheit und verschüttetem Gefühl kaum erzählen. Die Narbe vom Verlust eines Menschen. Ein Leben, sei es noch so kurz, hat es für immer gegeben. Es ist so wenig ungeschehen, wie der darauf folgende Schmerz. Stamm unterläuft das Reale, bewahrt es und zieht es zugleich tiefer ins Magische. Aber eine Anspielung auf seinen Roman „Weit über das Land“, die Eintragung im Gipfelbuch unter „Steinpyramiden wie stille Wächter“, wirkt wie eine Entlastung vom Absoluten. Der Rest ist Karst, Alp und eine verschlüsselte Hütte der offenen Türen.

Zum Erziehungsstück wird „Der erste Schnee“. Auf dem Weg in die Weihnachtsferien hält ein beruflicher Anruf alles auf. Der Mann wird an einer Raststätte zurückgelassen. So ausgewildert, „allein und ohne Ziel“, könnte alles auch zu einer großen Freiheit wie in „Weit über das Land“ werden. Es bleibt aber eine sehr kurze Suche nach Zeitlosigkeit und Ungefähr, nichts wiederholt sich. Über den Umweg erlösender Worte einer dauerhaft erziehenden Lehrerin wird der Familie nachgefahren. Die zeitlose Lehrerin gibt dem Ganzen Gewicht. Das Motto: mehr Denkzettel als Strafe.

Für Sabine und Adrian wird die Lektion turbulenter. Er ist frisch entlassen von einer Geschäftsleitung, der auch seine Partnerin angehört. Das ist schwer genug, bis eine einzige Ungewissheit zu viel wird. In einer abgefangenen Mail ist „Dietrichs Knie“ am falschen Platz. An die Stelle der Zweisamkeit tritt die Abrechnung, verschlimmert durch List: Vorgetäuschte Mails eines mutmaßlichen Verehrers als Treueprüfung. Warten ist hier Angst haben. Die Auflösung gehört dagegen in die gute alte Schlagerparade.

Das Buch:

Peter Stamm: Wenn es dunkel wird. Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2020. 191 Seiten, 21 Euro.

Auch anderes hält nicht immer die Erzählhöhe: Als müssten surreale Aufschwünge gemildert werden, gibt es mit der Erfüllungsgeschichte „Das schönste Kleid“ einen durchsichtigen Stoff, trivial wie eine Parodie wirklicher Erfüllung.

Glückswille hinter der Leere, die nicht zu füllen ist, bedrängt Sabrina. Sie steht Modell, wird gescannt, ein Austausch der Identität, schnell und verborgen. Die Reproduktion „Sabrina 2019“ ist beängstigend, in dieser Überdeutlichkeit des Unscheinbaren wird sie sich selber fremd. Aber als ein Sammler die Skulptur in seinen schützenden Wohlstand stellt, ist es für die Krankenschwester Sabrina, „als nehme die Statue den Platz ein, der eigentlich ihr zustünde“. Sie blickte dann auf See und Berge im Licht und Dunkel der Jahreszeiten. Nur ein Lächeln gelänge nicht mehr.

Identität sucht auch „Die Frau im grünen Mantel“. Als Simulantin hält sie ein Krankenhaus auf Trab. Die Ärzte sind sich sicher: „Ihr fehlt nichts, aber sie hat etwas.“ Ein Arzt beobachtet noch Jahre nach seinem Berufsleben die lange Laufbahn der professionell eingebildeten Kranken: Krankheit als Möglichkeit der Freiheit.

Unerklärliche Wechsel durchlebt ein biederer Angestellter kurz vor der Rente. Seine Bedeutungslosigkeit rutscht unter die Wahrnehmungsschwelle. Er wird nicht mehr gesehen. Ein Abschied in Sang- und Klanglosigkeit, ein Leben im Verschwinden. Die Beziehung zu allen wirklichen Vorgängen verliert sich im „Supermond“-Licht, außerhalb oder oberhalb der Realität, fein abgetönt surrealistisch.

Schwerelos durch „Schiffbruch“ ist auch der Anwalt Richard. Spekulation hat sein Vermögen vernichtet: 80 Millionen auf einen Streich. „Die Freiheit der Bettler hatte ihn immer beunruhigt.“ Der Bankrotteur verbarrikadiert sich in seinem Hotelzimmer, liest „Robinson Crusoe“ und sieht auf den Zürichsee, als käme ein rettendes Schiff.

Als Umschlagmotiv rahmt die „Herrschaft des Lichts“ von René Magritte diesen Band, es ist keine originelle Einladung. Peter Stamms Erzählkunst reicht weiter als bis zur Verkehrung von Licht und Dunkelheit. Seine Geschichten haben häufig einen Kern der Veränderung, im Moment der Entstehung nicht gleich erkennbar. Dazu gehört, in wenigen Sätzen ein Leben in falscher Richtung zu fassen, mit einem zwischen den Zeilen rauschenden Schweigen vor lauter Lebenshunger. Entschiedene Lakonik eines erfahrenen Erzählers, leichthin kunstvoll, das beeindruckt.

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