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Der Schriftsteller Peter Schneider.

Peter Schneider

Peter Schneider 80: Wozu man schreibt, wozu man liest

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Ein Grußwort, ein Dank an Peter Schneider, der heute 80 wird.

Peter Schneider wird heute achtzig Jahre alt. Er ist für viele immer wieder ein Spiegel gewesen. Er war es schon, als er 1965 Wahlkampf für Willy Brandt machte. Er war es, als er nur zwei Jahre später das Springer-Tribunal betrieb; er war es, als er als Hilfsarbeiter in einen Betrieb ging und eine linksradikale Partei aufbaute; er war es, als er Lehrer werden wollte und er war es, als die Schulverwaltung ihm die Anstellung verwehrte. Er war es für Tausende, für Zehntausende. Ein 68er, winken jetzt viele ab. Peter Schneider war auch ein 68er, als er brach mit den Ideen von 68.

Schneider war und ist immer auch Schriftsteller gewesen. Oder besser: Er war immer in erster Linie Autor. Auch da war er Spiegel. Sein „Lenz“, eine Erzählung aus dem Jahr 1973, war ein Abschied von der Revolution. Viele erkannten sich und ihre eigenen Gedanken darin besser wieder, als sie es ohne ihn getan hatten. In Wikipedia steht, es sei ein „Kultbuch“ gewesen.

„Der Mauerspringer“ von 1982 war womöglich wieder eines. Werner Herzog schrieb im „Spiegel“: „Es ist die endgültige Beschreibung dieses Bauwerks; darüber hinaus ist keine Beschreibung mehr nötig und, fast möchte man meinen, ist es die Mauer durch diese Beschreibung selbst nicht mehr.“ Das war nicht ganz richtig, kam aber der Wahrheit sehr nahe. Wir im Westen hatten gut spielen mit der Mauer. Wir konnten sie bemalen und wir konnten sie überspringen – in unseren Köpfen. Peter Schneider machte uns das klar. Auf der anderen Seite der Mauer war daran nicht einmal zu denken.

Mit Begeisterung las ich sein Buch „Die Lieben meiner Mutter“. Es war wieder Schneiders Mut, der mich überzeugte. Andreas Kilb schrieb damals: „Der Sohn entdeckt, gut sechzig Jahre später, die Tragödie seiner Mutter. Und darin eingeschlossen die Geschichte seiner Kindheit. Der gut siebzigjährige Peter Schneider trifft auf den Knaben, der er einst war, und der Spiegel, in dem beide einander betrachten, sind die Briefe seiner Mutter.“

In diesem Spiegel sieht er, was er damals nicht sah: die verzweifelte Liebe seiner Mutter zum besten Freund seines Vaters. Er konnte es nicht sehen. Er war acht Jahre alt, als seine Mutter starb. Im Nachhinein erkennen wir Menschen, Dinge, Konstellationen. Wir erkennen sie oft erst, wenn andere sie beschreiben, wir die Chance haben, uns selbst und unsere Lage durch die Augen eines anderen zu sehen.

Wie wir, um räumlich sehen zu können, zwei Augen brauchen, so brauchen wir einen zweiten Verstand, um unsere Lage zu begreifen. Peter Schneider hat uns immer wieder einen zweiten Verstand zur Verfügung gestellt. Manchmal wehrten wir uns mit Händen und Füßen dagegen. Man will viel zu selten aus seiner Haut. Aber wozu liest man, wozu schreibt man sonst?

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