+
Antonio Vivaldi, Komponist, Violinist und nur ungern Priester.  

Musik

Peter Schneider „Vivaldi und seine Töchter“: Diese Gier nach neuer Musik

  • schließen

Schriftsteller und Geigenspieler Peter Schneider über Vivaldi und das Opern-Schlaraffenland Venedig.

Peter Schneiders Buch „Vivaldi und seine Töchter“ ist nur insofern ein „Roman“, als der Autor sich die Freiheit nimmt, Dialoge zu schreiben und Szenen auszumalen. Spekulationen hingegen – und rund um Antonio Vivaldi (1678–1741) gibt es manches zu spekulieren – oder gar reinste Erfindungen – etwa die zeitlich denkbare, aber räumlich knapp unmögliche Begegnung Vivaldis mit Rousseau – legt er fast immer als solche offen.

Es sind einleuchtende Dialoge, die Menschen werden gewiss mit Vivaldi gesprochen haben und er wird um Antworten nicht verlegen gewesen sein. Und malt Schneider Szenen aus, so malt er nach der Natur, und es ist ein Vergnügen, sich Papst Benedikt XIII. vorzustellen, wie er nach dem sanktionierten Konzert des Wundergeigers im Vatikan mit den Pantoffeln auf den Boden trommelt. Um ihn her die sich schnäuzenden und hüstelnden katholischen Würdenträger, denn mit den Händen zu klatschen, setzte sich erst später als gängigste Beifallsbekundung durch – dies eine von hundertundeiner Einzelheit, die Schneider aufgeschrieben hat.

Zugleich ist die Pantoffel-Szene ein hervorragendes Beispiel dafür, dass ihm ursprünglich eine visuelle Umsetzung vorschwebte: „Vivaldi und seine Töchter“, schreibt Schneider, wurde von dem mit ihm befreundeten großen Kameramann Michael Ballhaus angeregt, der ihn um ein dann nach seinem Tod 2017 nicht mehr realisiertes Drehbuch bat.

Tatsächlich zeigen sich etliche wirksame Szenen aus einem nicht gedrehten Film: Die Schlaglichter gehören dazu, die Schneider auf die selbstverständliche, hier von keinem hinterfragte Kinderarbeit wirft (die Achtjährige, die gerade eingelernt wird und nur nach langer Anstrengung die Nadel durch das Segeltuch stechen kann), auf den bizarren Heiratsmarkt, der im frommen Mädchenwaisenhaus regelmäßig veranstaltet wird, oder auf die straffe Hierarchie in Vivaldis Heimatstadt: Der venezianische Patrizier hat auch einem Priester gegenüber stets das Vortrittsrecht. Vivaldi weicht ungerne aus, jede Begegnung auf schmaler Gasse eine Machtprobe, deren Gewinner schon feststeht.

Ein Buch mit Making-of also: Am Ende hätte der Film stehen sollen, am Anfang steht der jugendliche Geiger Peter Schneider, der die Arpeggios eines Vivaldi’schen Violinkonzerts spielt und sich nicht anmerken lässt, dass er die Zuhörerinnen vor dem Fenster sehr wohl gesehen hat. „Andere hatten ihre ersten Erfolge, weil sie gute Fußballspieler waren; ich hatte sie mit Vivaldi.“

Dass Schneider, der im April seinen 80. Geburtstag feiert, ernsthaft etwas von Musik versteht, ist ein großer Vorteil sowohl bei der Beschreibung von Werken als auch bei der Einschätzung der musikalischen Praxis der Zeit. Dass sein eigener Vater als Pfarrerssohn durch früh ausgeprägte Musikalität eine Dirigentenlaufbahn einschlagen konnte, gehört zu den reizvollen Verbindungen, die es Schneider vielleicht noch leichter machen, Vivaldi zu verstehen: Dieser, seinerseits Sohn eines Musikers, hätte sich nur zu gerne ganz der Musik gewidmet, wurde aber durch ein Wenn-wir-das überleben-dann-Gelübde der Mutter (im Zuge eines allerdings nicht nachweisbaren Erdbebens während ihrer Schwangerschaft) ins Priesteramt gezwungen. Aus der Spannung einerseits zwischen diesem Amt und seinen Minimalverpflichtungen – offenbar ist das alles ganz anders organisiert als heute – und den wachsenden Erfolgen als Musiker und Komponist andererseits ergibt sich ein lebenslanges Konfliktthema. Es ist Schneider zufolge nicht zuletzt die Angst vor der Inquisition, die Vivaldi aus Italien nach Wien vertreiben wird (wo ihm, so Schneider, fünfzig Jahre vor Mozart ein Armenbegräbnis bevorsteht).

Ein besonders lebendiger Teil des Buches betrifft so auch das unklare Verhältnis zu der weit jüngeren Sopranistin Anna Girò. Gerade weil Schneider von der naheliegenden Möglichkeit einer Romanze weitgehend absieht, entsteht das prickelnde Bild einer Lehrer-Schülerin- und bald Komponist-Diva-Beziehung, in der nicht immer alles manierlich abläuft (Anna Girò war offenbar recht nervtötend), aber es geht eben vornehmlich um Musik, Opernproduktionen und Karriereplanung: um wirklich interessante Dinge.

Der allerlebendigste Teil aber ist die Schilderung von Vivaldis Arbeit am Ospedale della Pietà, einem Waisenhaus für Mädchen in Venedig. Hier, macht Schneider klar, verbrachte Vivaldi die längste Zeit seines Wirkens und schrieb einen guten Teil seiner Instrumentalkompositionen somit für Musikerinnen. Die Einrichtung habe über „das erste weibliche Orchester in Europa“ verfügt: „Die als typisch männlich geltenden Instrumente wie Trompete, Horn, Pauke, Trommel und Kontrabass wurden von Musikerinnen gespielt. Die Tenor- und Bass-Stimmen der Vokalwerke wurden ebenfalls von Mädchen oder Frauen gesungen. Da die Familiennamen der Musikantinnen unbekannt waren bzw. streng geheim gehalten wurden, benannte man sie nach ihrem musikalischen Fach. Anastasia del Soprano, Cattarina del Violo, Madalena del Violin, Maria della Tromba.“

Unsentimental und gerade darum eindrucksvoll entwirft Schneider ein Bild vom Verhältnis der Mädchen zu ihrem Lehrer, eine erstaunliche, innige Zusammenarbeit, die Chancen für alle Seiten eröffnete: Während sich Venedig zu Vivaldis Lebzeiten in ein musikalisches Schlaraffenland mit sieben Opernhäusern entwickelte, gab die musikalische Ausbildung den Frauen zum Teil eine berufliche Perspektive jenseits harter körperlicher Arbeit und der auch im frommen Waisenhaus lauernden Prostitution (wie Schneider in bösen kleinen Szenen deutlich macht). Vivaldi wiederum hatte eine auf ihn eingeschworene Truppe um sich herum, mit der er etwa auch das Oratorium „Juditha triumphans“ aufführen konnte – ein ungemein erfolgreiches Unterfangen, auch wenn die Heimleiterin im Roman hier für ihren Geschmack zu viel Oper hört. Für ein anständiges Oratorium gehört es sich freilich auch so.

Zum Teil ist die musikalische Formfindung noch in vollem Gange, zum Teil schon wieder festgefahren, wie sich zeigt, wenn Vivaldi – auf diesem Gebiet noch ein ziemlicher Anfänger – erklärt bekommt, was für eine Oper erwartet wird. Nicht nur gilt es, eine genaue Abfolge und Anzahl von Arien für das Ensemble einzuhalten, auch betont der Herr Intendant: „Für meine Bühnenmaschinen brauche ich eine Oper mit allen Effekten – Blitz, Donner, Feuerbrünste, Erdbeben!“

Vivaldi will es in 14 Tagen schaffen, was nicht funktioniert, aber umso besser funktioniert Schneiders kenntnisreiche und anregende Beschreibung der venezianischen Musikproduktion: Eine Welt, in der die Gier nach neuen Opern schier unstillbar ist. Die Uraufführungen kommen praktisch vom Fließband: Erfolgreiche Libretti werden immer wieder vertont, Nummern geklaut, und wenn zu viel geklaut worden ist, dann heißt es eben nicht mehr Oper, sondern „Pasticcio“. Es gibt schon 13-, 14-jährige Solistinnen, zu groß der Bedarf. Was die Beschleunigung und Überhitzung eines Marktes, was die Kapitalisierung von Kunst und Unterhaltung betrifft, hält die Barockzeit jeden Vergleich mit unseren Tagen problemlos aus. Das ergibt sich in „Vivaldi und seine Töchter“ aber von selbst – keiner verkappten Biografie, eher dem vielfältigen Langessay eines Vivaldi-Hörers und -Kenners mit romanhaften Passagen.

Kaum zu fassen, dass das Werk Vivaldis, schon zu Lebzeiten wieder in den Hintergrund rückend, nach dem Tod des Komponisten fast zweihundert Jahre lang völlig in Vergessenheit geriet. Erst der Zufallsfund eines großen Konvoluts von Partituren, das aus einem Kloster an die Nationalbibliothek in Turin gegeben wurde, leitete 1926 (!) die Wende ein, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg (!!) Wirkung zeitigte.

Schneider lässt den Abt des Klosters, das sich für den Verkaufswert interessiert, fragen: „Vivaldi? Wer ist das? Muss man den kennen?“ Keiner kenne ihn, wird dem Abt erklärt, bloß durch diesen Deutschen, Giovanni Sebastiano Bach, der Vivaldi-Partituren für Orgel transponiert habe, sei der Name Experten im Hinterkopf. Das sind Momente des kleinen Schreckens darüber, wie sehr alle immer davon ausgehen, dass sich das Wesentliche notfalls von selbst durchsetzen wird.

Und, ja, der Perfektionist Bach schätzte Vivaldi sogar sehr, dem Kritiker Schluderei beim Kontrapunkt nachsagten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion