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Peter Kurzeck: „Und wo mein Haus?“ – Die Gespenster, die der Krieg hinterlässt

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Peter Kurzeck im Café, hier in Friedberg 2010.
Peter Kurzeck im Café, hier in Friedberg 2010. © Monika Müller

Von den Überlebenden, von der Heimatlosigkeit: Peter Kurzecks Romanfragment „Und wo mein Haus?“ ist ergreifend und sehr aktuell.

Er fehlt sehr. Manchmal in diesem Sommer, der nie zu enden schien und jetzt doch abgebrochen ist, war es, als säße er wieder im Straßencafé am Schweizer Platz in Frankfurt, in seiner zerknitterten weißen Leinenjacke, der silbergraue Haarschopf weithin leuchtend. Wir wären gewiss sofort in ein langes, mäanderndes Gespräch geraten.

Doch Peter Kurzeck ist tot, gestorben mit gerade einmal 70 vor bald neun Jahren. Seine Welt aber ist nicht zu Ende erzählt, es erscheinen noch Texte aus dem Nachlass, wie nun das Roman-Fragment „Und wo mein Haus?“, im Schöffling Verlag, der das Erbe pflegt. Der Text fand sich in einer blauen Mappe in seiner Wohnung im südfranzösischen Uzès, wo der Schriftsteller seit 1993 immer mehr Zeit verbrachte, 40 Kilometer von Avignon entfernt. Hier schrieb er, arbeitete an vielen Manuskripten, die unvollendet blieben. Es ist das Verdienst von Rudi Deuble, des jahrzehntelangen Kurzeck-Lektors beim Stroemfeld Verlag, dass das Fragment publiziert wird, als achter Band der Chronik „Das alte Jahrhundert“.

Geschlossen wird eine biografische Leerstelle: Die Nachkriegszeit, als der Fünfjährige und seine Mutter als Flüchtlinge aus dem Sudetenland in Staufenberg bei Gießen gestrandet waren. Und es spiegeln sich auch die Jahre von 1961 bis 1971, als Kurzeck dort im US-Army-Depot arbeitete, dem größten in Europa. Dort lernte er viele Displaced Persons kennen, die den Horror des Krieges und des Holocaust überlebt hatten, ohne Angehörige, ohne Ziel, ohne Heimat, ohne Zukunft. Dieses Gefühl der Heimatlosigkeit, das der junge Mann gut kannte, greift der Titel des Fragments auf.

Das hört sich alles fein säuberlich geordnet an. Doch so erzählt Kurzeck selbstverständlich nicht. Es entwickelt sich wie stets bei ihm ein wilder Strom von sehr genauen Beobachtungen, Reflexionen. Der mit reißender Geschwindigkeit fließt, sich staut, wieder Fahrt aufnimmt. Oft die Vergänglichkeit beklagt, den Verlust von Werten. Zum Beispiel die Achtung, die Zeitungen und Butterbrotpapier früher von Bahnreisenden erfuhren, die mitgenommen, aufgehoben, wieder gelesen und verwendet wurden. „Jetzt morgens die Züge voll mit Abfall, Resten und Zeitungen. Fing mit der Bildzeitung an. Inzwischen alle möglichen Gratisblättchen und Beilagen. Aber auch der Gießener Anzeiger und die Gießener Allgemeine. Zeitungen aus Marburg, aus Wetzlar, aus Biedenkopf. Die HNA, die Alsfelder Zeitung, die Frankfurter Neue Presse und sogar die Rundschau. Liegen auf allen Plätzen. Daneben und auf dem Fußboden leere Frühstücksbrottüten, Zigarettenschachteln, Kippen, Chips, Krümel, Kaugummipapierchen, Papierservietten, Pappbecher, Trinkkartons, Trinkstrohhalme, Flaschen, Büchsen, Dosen, Schokoriegelfolie und Erdnussvakuumverpackungshüllen.“

Nie lässt Kurzeck einen Zweifel daran, dass er auf der Seite der Verlierer, der Verliererinnen steht. „Und in Scharen die Arbeiter. Stumm, grau, enterbt und untröstlich. Thermosflasche, Zeitung und Schicksal.“ Wir tauchen ein in die „Ruinen und Trümmerfelder“ der Stadt Gießen, in der die Menschen in halbzerstörten Häusern irgendwie überleben. Und der Text setzt den „Hilfsamis“ ein Denkmal, eben den Zivilangestellten der US-Army, „die nicht in ihr altes Land zurückgingen, nicht konnten, nicht wollten, keins hatten“.

Das Buch

Peter Kurzeck: Und wo mein Haus? Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2022. 176 Seiten, 24 Euro.

Immer wieder mahnt sich Kurzeck: „Wollen uns da nicht so hineinvertiefen ... Selbst ja zehn lange unbegreifliche Jahre bei der US Army gewesen.“ Jahre, die ihn erinnern an „Knast und Fremdenlegion“. Einige schaffen den Ausstieg aus dieser Welt, „nicht in den Abgrund, ins Bürgerliche“. Nein, als Tankstellenpächter oder Gastwirt. „Aber dann nach wieder zehn Jahren steht so einer in der Zeitung als Amokläufer. Die Frau, die Nachbarn, Kollegen, Kunden, ein ganzer Behördenflur ... . Alle umgelegt.“

In den 60er Jahren werden die Überlebenden des Krieges, des Grauens, immer weniger. Sie werden „nach und nach unsichtbar ... Die Stadt braucht sie nicht.“ Das Deutschland des Wirtschaftswunders will vergessen.

Was geht uns das alles heute noch an? Sehr viel. Gewiss, schreibt Kurzeck ironisch: „Jeder Krieg ist der letzte Krieg.“ Wir erfahren gerade, dass das nicht stimmt. Schon jetzt sind wieder Überlebende eines Krieges unter uns. „Gespenster“, wie Kurzeck sie nennt. Damals, nach dem Zweiten Weltkrieg, gab es „Firmen, die wenig zahlen und mit diesen Ostflüchtlingen, die neu sind und sich noch nicht auskennen, als billigen Arbeitskräften rechnen.“ Und heute? Ist es genauso.

Kurzeck will, dass wir nicht vergessen. So hat er sein Schreiben stets verstanden: Als Arbeit gegen die Vergänglichkeit. Er wisse, dass das sinnlos sei, sagte er mir bei einem Treffen wenige Monate vor seinem Tod. Und könne es doch nicht lassen. Damit ihm genug Zeit blieb zum Schreiben, hat er sich dem Literaturbetrieb weitgehend verweigert. Er legte keinen Wert auf bürgerliche Wohnverhältnisse, wenn er Frankfurt besuchte, lebte er bei Freunden. Er hasste alle Verpflichtungen, die der Staat an ihn herantrug: „Ich bin nicht Euer Aktenzeichen, das sich beizeiten krümmt, und auch nicht der Untergebene ihres Computers“, schrieb er in seinem Roman „Das schwarze Buch“ (1982). Peter Kurzeck fehlt.

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