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Joachim C. Fest wurde der Chef des „halblinken“ FAZ-Feuilletons.

70 Jahre FAZ

Peter Hoeres FAZ-Porträt: Meinungsbetrieb und Mentalitätsspiegel

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Die Zeitung als Sensationsorgan und Ort diskursiver Binnenspannung: Zu ihrem 70-jährigen Bestehen porträtiert Peter Hoeres die FAZ.

Als am 1. November 1949 zum Preis von 20 Pfennig die erste Ausgabe der FAZ erschien, war vieles an ihrer ökonomischen und geistigen Existenz noch ungeklärt, doch eines sollte keinem Zweifel unterliegen – die Traditionsbindung an die große, fast ein Jahrhundert alte „Frankfurter Zeitung“. Freilich musste die Neugründung im verwüsteten Nachkriegsdeutschland unter völlig veränderten Bedingungen erfolgen.

Peter Hoeres schildert detailliert die politische, ökonomische und publizistische Aufbauentwicklung um die frühen Autoritäten Erich Welter und Paul Sethe, den Siegeszug des ordoliberalen Denkens und die kritische Orientierung an der Bonner Regierungspolitik, die recht großzügige Altlastenregelung bei der personellen Ausstattung der Redaktionen, die Debatten um das Problem der deutschen Nazi-Vergangenheit, um die Nürnberger und die Auschwitz-Prozesse, nicht zuletzt die Meinungskämpfe um die Frage der Westbindung, der Wiederbewaffnung und des Antikommunismus, schließlich des Berliner Mauerbaus und der Wiedervereinigung.

Spätestens mit den Haltungskonflikten gegenüber der 68er Studentenrevolte habe die FAZ ihre Identität gefunden – ein publizistisches Erscheinungsbild, das von einer nicht selten autoritären Herausgeber-Oligarchie befehligt, aber mehr noch durch das Ensemble selbstbewusster und debattierfreudiger Fachressorts geprägt worden sei.

Als 1973 unter schweren Konflikten Joachim Fest als Herausgeber und Marcel Reich-Ranicki als Literaturchef dem inner circle der FAZ nahetreten, gerät die Zeitung in ihre womöglich aufregendste und produktivste Entwicklungsphase. Schon in den Jahren zuvor waren hier der studentische Radikalismus und der linke mainstream in der Bundesrepublik heftig umstritten gewesen, aber von einer einhelligen Argumentationsfront aller Mitarbeiter gegen politische Libertät und mehr Demokratiewagnis könne die Rede nicht sein, so Peter Hoeres.

Immer wieder prägten die Bekenntnisfronten und Meinungsscharmützel der Bundesrepublik demnach auch die redaktionellen Fraktionsbildungen und Auffassungskonflikte. Der Autor dokumentiert diese diskursive Binnenspannung in oft interessanten Details, die Zeitung sei allemal ein lebendiges Abbild der Mentalitätsströme des an seiner politischen Identitätssuche laborierenden Landes gewesen. Vor allem aber sollte von nun an das „halblinke“ Feuilleton, dirigiert von einem beargwöhnten Joachim Fest und einem wenig beliebten Marcel Reich-Ranicki, Furore machen. Und dennoch sollten mit Fest und Reich-Ranicki für die Kultur- und Literaturkritik in der FAZ luxurierende Zeiten beginnen. Fest, obgleich von konservativer Grundüberzeugung und nicht illiberal, setzt ein populäres Feuilleton mit mehr „Verführungsmöglichkeiten“ durch, er sorgt für seine verstärkte Politisierung und hebt zunehmend die klassischen Disziplinen Geschichte und Philosophie ins Blatt.

Das Buch
Peter Hoeres: Zeitung für Deutschland. Die Geschichte der FAZ. Benevento, Salzburg 2019. 596 S., 28 Euro.

Reich-Ranicki, konfliktreich verbandelt mit der „Gruppe 47“ und auf dem Weg zum Literaturpapst, sollte sich mehr und mehr als Machtpolitiker und Störfaktor innerhalb des FAZ-Meinungsbetriebs erweisen. Seit 1977 ist er nur noch seinem Herausgeber unterstellt und gebietet herrisch über die Berichterstattung zu Literatur und literarischem Leben.

Nach dem Konzept der modernitätsbewussten Kultur- und Literaturkritik Karl Heinz Bohrers hat sich mit Reich-Ranickis retrograder Kunstauffassung im FAZ-Feuilleton ein eher diffuses, nicht selten geschmäcklerisches Urteilsspektrum durchgesetzt, allerdings sei es immer wieder dadurch aufgewertet worden, dass junge, teils konservative, teils linke und linksliberale Redakteure und Autoren ihre Qualitätsstandards hätten durchsetzen können: „Das Feuilleton blieb pluralistisch mit halblinker Tendenz“, schreibt Hoeres. Selbst die von Kanzler Kohl versprochene geistig-moralische Wende habe in der Zeitung keineswegs nur Zustimmung und Förderer gefunden, sondern ebenso sehr auch Kritik und Enttäuschung.

Das soll nicht weniger für die jahrzehntelange Beschäftigung der FAZ mit dem Problem der deutschen Teilung, bzw. Wiedervereinigung gelten. Schon 1979 hatte Bohrer gegen den Begriff des Verfassungspatriotismus polemisiert, um für die historische Kategorie Nation zu plädieren, auch später noch kritisierte er den linken Widerwillen gegen die Einheit des Landes als unhistorisch und unpolitisch. Während des deutschen Historikerstreits in den achtziger Jahren ist die FAZ von Jürgen Habermas und Hans-Ulrich Wehler zu einem Sprachrohr des erzkonservativen Lagers erklärt worden, das der Holocaust-Relativierung Ernst Noltes Schützenhilfe leiste, doch für Hoeres beweist ein genauerer Blick auf die heftige interne Meinungsbildung und Publizistik des Blattes, dass man sich damals sehr um die Distanzierung gegenüber dem Historiker und seinen Thesen bemüht habe.

Pikanterweise fällt in diese Jahre das laute und nachhaltige Zerwürfnis zwischen Fest und Reich-Ranicki, aus dem der geschickt zwischen den Fronten agierende, bald seinerseits hochumstrittene Frank Schirrmacher als Herausgeber für das Feuilleton hervorgehen sollte. Dessen „Debatten- und Zukunftsfeuilleton“ gewann zunehmend prognostischen und alarmistischen Charakter, schreibt Peter Hoeres, Schirrmachers „unstetes, aufbrausendes Temperament, seine Maßlosigkeit und Rachsucht, seine Lügen und Hochstapeleien“ hätten allerdings so sehr den Betriebsfrieden der Redaktionen malträtiert, wie sie der Zeitung insgesamt an Renommee zuführen konnten.

Nicht nur die Geisteswissenschaften treten damals in ein schärferes Licht, vielmehr sollte der Agenda-Setter Schirrmacher Furore machen mit gleißenden publizistischen Themeninszenierungen zu naturwissenschaftlichen Problemen, der Hirnforschung, der Genom-Entschlüsselung und der künstlichen Intelligenz. Und es hagelt spektakuläre Kampagnen, etwa der Coup einer vermeintlichen Entlarvung des Waffen-SS-Mitglieds Günter Grass, oder die Enttarnung des angeblich verkappten Antisemiten Martin Walser.

Die Zeitung als Sensationsorgan – zu Beginn des neuen Jahrtausends schien dergleichen allein aus ökonomischen und medientechnischen Gründen dringend notwendig. Als die FAZ in der digitalen Medienmoderne ankommt, ist die allgemeine Krise auch bei ihr unübersehbar. Ungewiss aber scheint nur die Frage nach der künftigen medialen Form ihrer Existenz, hingegen ist für den sympathisierenden Chronisten Peter Hoeres evident, dass die oft als versteift und abgeklärt kritisierte FAZ ihre intellektuelle Überlebenschance behaupten werde. Dem Risiko gegenüber den Herausforderungen ihrer intellektuell und stilistisch so unterschiedlich temperierten Mitarbeiter sei sie niemals ausgewichen.

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