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Aber wer ist dieses Ich? Sicher nicht Peter Handke.

Erzählung

Peter Handke: „Das zweite Schwert“ – Der Mann, der hasst, bis er nicht mehr hasst

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Peter Handkes überschäumende und auch sehr witzige Erzählung „Das zweite Schwert“.

Sagte ich etwas über den Titel, ich verriete das Ende. Das ist zwar selbst keine Überraschung, aber wie es entsteht, das muss man lesen. 158 Seiten hat die Erzählung. Lektüre für ein Wochenende und man hat noch Zeit, sich darüber zu streiten. Das wird nicht ausbleiben. Wem immer ich vom Anfang der Geschichte berichtete, winkte ab. Er oder sie wollte nicht mehr davon hören.

„‚Das also ist das Gesicht eines Rächers‘, sagte ich zu mir...“, ist der erste Satz. Ein bisschen angestrengt um Aufmerksamkeit werbend. Aber das „sagte ich zu mir“, das zunächst gar nicht auffallen muss, erweist sich dann als genial. Der Mann, so bekommt man im Laufe der Erzählung mit, möchte sich rächen an einer Frau, die vor vielen Jahren einmal von seiner Mutter behauptet hatte, sie habe mit den Nazis sympathisiert. Er werde jetzt, schreibt der Ich-Erzähler „nach vielen Jahren des Zögerns, des Aufschiebens, in den Zwischenzeiten auch des Vergessens, aus dem Haus gehen und die längst fällige Rache exekutieren“.

Der Mann steigert sich in immer neuen Spiralen in immer groteskere Sätze: „angetan hat die Person etwas, und mehr als nur Unrecht, meiner seligen, meiner heiligen Mutter!... Wer meine Mutter beleidigt hat, und dazu in Worten, womit ihr alle Ehre abgesprochen wurde, muss aus der Welt geschafft werden.“ Es gibt im christlichen Abendland nur eine einzige heilige Mutter. Das ist die Muttergottes. Ihr Sohn ist Jesus Christus. Wir haben es bei dem Ich-Erzähler Peter Handkes mit einer Wiedergeburt von Gerhart Hauptmann Narren in Christo Emanuel Quint zu tun. Einer freilich, die nicht auszieht, um zu predigen, sondern um zu richten.

Der Mann ist verrückt. Daran gibt es keinen Zweifel. Nicht nur an den Stellen, da er ein wenig sehr gewaltig in die Registratur der christlichen Diskussion über die Wiederkehr Christi, die Parusie, greift, sondern womöglich noch mehr, wenn er davon spricht, dass die Zeitungen „auf dem Erdkreis das größte Unheil“ anrichteten. Das hat angesichts der tatsächlich stattfindenden Verheerungen etwas Groteskes.

Hier schreit jemand auf, dem alles durcheinander geraten ist, der zwischen Worten und Taten nicht mehr unterscheidet. Weil er nur schreibt und nichts tut, will man, jetzt selbst aggressiv werdend, ihm über den Mund fahren. Aber wer ist er? Wer ist dieses Ich?

Peter Handke ist es sicher nicht. Seine Mutter Maria nahm sich 1972 das Leben. Handke schrieb darüber eines seiner erfolgreichsten Bücher „Wunschloses Unglück“. Dieses Ich ist der Ich-Erzähler. Er hat vieles von Handke und Handke hat womöglich das eine oder das andere auch von ihm.

Das Buch

Peter Handke: Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 160 Seiten, 20 Euro.

„Das Zweite Schwert“ ist auch ein komisches Buch, ein witziges sogar. Handke spielt mit absurden Übertreibungen. Die Erzählung beginnt mit einem zu seiner Bluttat ausziehenden Terroristen. Sie endet fast wie ein Fellini-Film mit einer Festgesellschaft.

Dazwischen werden die Gewaltfantasien des einsamen Mannes, sein Hass auf sich in der Öffentlichkeit artikulierende Frauen ausgebreitet. Man begreift, wie er sich immer tiefer einspinnt in die Vorstellung, diese lange zurückliegende Beleidigung, die er selbst schon vergessen hatte, endlich rächen zu müssen. Mit einem Mal denkt man an die Schlacht auf dem Amselfeld im Jahre 1389, und wie Slobodan Milosevic in seiner Amselfeld-Rede 1989 sie nutzte für eine Wiederbelebung des serbischen Nationalismus.

Von Handkes Begeisterung für die serbische Sache ist hier nichts zu merken. Der Ich-Erzähler geht in die Falle seiner eigenen Geschichte. Er macht sich auf, Rache zu nehmen für „das größte Unheil“. Er weiß, wo er sein Opfer findet. Aber er setzt sich nicht ins Auto und fährt zu ihr.

Er nutzt den öffentlichen Nahverkehr. Der Erzähler nutzt ihn ebenfalls. Jeder Mitfahrende wird beschrieben. Man liest das zunächst als Handkes Trick, Spannung zu erzeugen. Aber in Wahrheit ist es so, dass sich auch für den Protagonisten immer neue Menschen zwischen ihn und sein Opfer stellen. Auch ein Blick aus dem Fenster absorbiert ihn.

Dann steigt er – wie er es schon oft tat – einem Mitfahrenden nach, lässt sich von ihm hinauslocken in ein anderes Leben. Er hat die Fahrtrichtung geändert, jagt nicht mehr seinem Opfer entgegen, sondern entspannt sich. Er schaut nicht mehr in den Spiegel und sieht sein Rächergesicht. Er schaut in die Gesichter der anderen, erfindet sich Geschichten zu ihnen. Der einsame Rächer befindet sich mit einem Male in Gesellschaft. In der falschen. Nicht in einer Mörderbande, sondern im Alltag.

Dann kommt der Hunger. Er weiß, wo er essen möchte. Ein Taxi. Jetzt ist die Humanisierung des Rächers durch den öffentlichen Nahverkehr schon so weit fortgeschritten, dass er zusammen mit dem Taxifahrer, der einmal ein bekannter Sänger gewesen ist, Eric Burdons „I believed in fellow men, ... when I was young“ hinaus in die Welt singt.

Auf dem Fest, in das er gerät, sieht er die „Übeltäterin“ im Fernsehen und beschließt, dass es in keiner seiner Geschichten einen Platz für sie geben darf. Das Schweigen ist das zweite Schwert. Das ist seine Rache. Er will kein Alleinspieler mehr sein.

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