Peter Handke.
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Peter Handke.

Theaterstück

„Zdenek Adamec“ – Das Zarte, Harte, Irreparable

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Peter Handkes neues Buch und Theaterstück „Zdenek Adamec“. Hier erzählt eine Figur, wie es ihr früher erging, wenn sie „das Abendfernsehen über die im Lauf des Tages überall in der Welt abgehackten Köpfe, durchgeschnittenen Kehlen, aufgeschlitzten Bäuche, herausgerissenen Herzen, vergasten Lungenflügel informiert hat.

So verabscheuungswürdig die Gewalt gegen andere Leben ist, so rätselhaft ist der Anschlag, der sich ausschließlich gegen sich selbst richtet. Hier erzählt eine Figur, wie es ihr früher erging, wenn sie „das Abendfernsehen über die im Lauf des Tages überall in der Welt abgehackten Köpfe, durchgeschnittenen Kehlen, aufgeschlitzten Bäuche, herausgerissenen Herzen, vergasten Lungenflügel informiert hat“: Dass sie sich dann „auf der Stelle selbst, mit den eigenen Händen, den Kopf abhacken, und so weiter, wollte ... .“ Jetzt sei das nicht mehr so?, fragt ein anderer. „Jetzt immer noch, und zeitweise schnellt diese Wut, mich selbst abzuschaffen, nicht als Protest, als bloßer Reflex oder Impuls – aber was für welcher! – sofort!, sogar noch bedrohlicher los als früher – überwältigend – in dem Sinn: Jetzt tu ich’s.“

Eine größere Gewalt aber, ein größerer Schrecken als die Selbstverbrennung lässt sich aus vielerlei Gründen kaum denken, lässt sich überhaupt nicht denken. Es ist der Fall des 18 Jahre alten tschechischen Studenten Zdenek Adamec, den Peter Handke in seinem gleichnamigen neuen Buch und Theaterstück aufgreift und vielstimmig umkreist, einkreist. Am Morgen des 6. März 2003 zündete sich Adamec, nachdem er mit einem Überlandbus aus seinem ländlich gelegenen Heimatort Humpolec in der Hauptstadt Prag eingetroffen war, auf dem Wenzelsplatz vor dem Nationalmuseum an. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus.  

In einem Abschiedsbrief beklagte er Kriege und Umweltverschmutzung und schrieb: „Ich bin ein weiteres Opfer des sogenannten demokratischen Systems, in dem aber nicht die Menschen entscheiden, sondern Geld und Macht.“ Die Behörden sprachen von „persönlichen Problemen“, auch brodelte die Gerüchteküche. Es gab etliche Nachahmer, innerhalb von vier Monaten, liest man, starben dabei mindestens fünf Menschen, drei wurden schwer verletzt, bevor Adamec und sie wie irgendwann das meiste auf der Welt wieder aus dem Blick gerieten.

Das Buch

Peter Handke: Zdenek Adamec. Eine Szene. Suhrkamp, Berlin 2020. 70 Seiten, 20 Euro.

Selbstverbrennungen haben in der tschechischen Welt eine eigene Geschichte. Bevor sich der 19 Jahre alte Student Jan Palach 1969 aus Protest gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes ebenfalls auf dem Wenzelsplatz verbrannte, berief er sich auf das Schicksal des böhmischen Reformators Jan Hus, der 1415 in Konstanz auf einem Scheiterhaufen starb. Hus war um das versprochene freie Geleit betrogen worden. Zum Widerruf war er nicht bereit. Kein Suizident, aber beinhart in der Sache.

„Zdenek Adamec“, merkwürdigerweise gerade indem er vom Unerbittlichen jedes Suizids handelt, vom Suizid als Ende sämtlicher Diskussion – man denkt natürlich ständig    an „Wunschloses Unglück“, Handkes Buch über den Freitod seiner Mutter –, ist aber ein sanfter, schillernder, durchtriebener Text. Die Sprechenden, die sich hier an einem unbestimmten Ort gleichsam im Vorübergehen treffen, die teils monologisieren, teils informieren, teils ins Gespräch kommen, teils zum Plaudern und zu Scherzen aufgelegt sind, wirken nicht verbittert, einige sind richtig entspannt.

Überdruss ja, Überdruss ist ein Thema. Aber selbst der eingangs zitierte Wütende hat es ja nicht getan, sofern es sich nicht um Gespenster handelt – bei Handke ist mit allem zu rechnen, aber dann wären es höchst lebhafte Gespenster. Versöhnlich ist der Vorbehalt gegen den Journalismus („Zwischendurch ist Journalismus almost alright“), Witz hat die Bildung, die die Figuren flugs einschieben müssen („– typisch dorisch!“) und hat der Seitenhieb gegen den, der sich hier mit Adamec befasst hat („– Recherchen, du? Ganz was Neues!“). Auf der Bühne mag das robust werden, Explosiönchen und Bosheiten, beim Lesen ist es ein flirrendes, auch ein melancholisches Vergnügen.

Und wenn es doch ein wenig bitter wird, wenn in einer kleinen Geschichte ein altgewordenes Tanzkleid nach tausend Flickereien auf einen Schlag zerbröselt, und man schon begreift, dass das Tanzkleid nicht bloß ein Tanzkleid ist, dann belässt es Handke für dieses Mal doch bei einem einzigen „Rtsch“, zart und irreparabel.

Zur bevorstehenden Uraufführung von „Zdenek Adamec“ bei den Salzburger Festspielen hat – wie immer bei großen öffentlichen Ereignissen mit Handke – eine Delegation der „Mütter von Srebrenica“ Protest angekündigt. Dabei ist es  schwierig,, den Autor von „Zdenek Adamec“ mit einem Mann in Verbindung zu bringen, der nicht längst eine von vielen Gelegenheiten ergriffen hat, diese Kränkung von Menschen  zu beenden, durch Worte aufzulösen.

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