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Der Literaturnobelpreis für Peter Handke stößt auf viel Ablehnung.

Peter Handke

Auf welche Seite stellen sich Autoren im Syrien-Krieg? Peter Handkes Verklärungen werfen neue Frage auf

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Die Kritik des Buchpreisträgers Saša Stanišic an dem Literaturnobelpreisträger Peter Handke verweist auf einen weiterhin nicht abgeschlossenen Konflikt.

Was für eine Koinzidenz! Nur vier Tage nach der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises für Peter Handke geht der Deutsche Buchpreis 2019 an Saša Stanišic für dessen Buch „Herkunft“. In seiner Dankesrede mochte Stanišic sich am Montagabend jedoch kaum über die Auszeichnung freuen. Vielmehr kritisierte er die Vergabe des Nobelpreises auch deshalb, „weil ich das Glück hatte, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt“.

Es sei „komisch, dass man sich die Wirklichkeit so zurecht legt, dass sie nur noch aus Lüge besteht“. Lüge, das Zurechtlegen der Wirklichkeit. Im literarischen Kontext sind das starke Worte, aber wer, wenn nicht Saša Stanišic wäre legitimiert, sie zu artikulieren. Er wurde 1978 in Višegrad, einer Stadt im östlichen Bosnien als Sohn einer Bosniakin und eines Serben geboren. 1992, nach der Besetzung des Ortes durch bosnisch-serbische Truppen, flüchtete er mit seinen Eltern nach Deutschland.

Saša Stanišic hat sich auf seine Einlassungen zu Peter Handke gut vorbereitet

Saša Stanišic hat sich auf seine Einlassungen gut vorbereitet. In den Tagen zwischen Nobelpreis und Deutschem Buchpreis hat er immer wieder zur Causa Handke getwittert und die Texte von Kollegen gepostet, unter anderem einen Essay des Literaturwissenschaftlers Jürgen Brokoff aus dem Jahre 2010, in dem dieser bemüht ist, Peter Handke als serbischen Nationalisten zu dechiffrieren. 

In seinen Jugoslawien-Texten, so Brokoffs Urteil, sei Handke ein Erzähler, der sich nicht nur für die symbolischen Aktionen interessiere, sondern vor allem selbst symbolisch tätig sei. „Handkes zur nächtlichen Stunde am Fenster seines Hotelzimmers stehender Erzähler schaut auf die von Menschen verlassene Brücke über die Drina und wird von ‚Bedenken der Berichte über Tötungen in der hiesigen Muslimgemeinde‘ getragen.“

Saša Stanišic, einer der Großkritiker Handkes.

Handkes Bedenken stehen schlimme Menschenrechtsverletzungen gegenüber. Nach Schätzungen des Research and Documentation Center in Sarajevo und des Haager Kriegsverbrechertribunals wurden während des Bosnien-Krieges etwa 1500 bis 3000 muslimische Zivilisten ermordet. Saša Stanišics Intervention gegen Handke erhält durch die traumatische Erfahrung seiner Familie unverkennbar ein besonderes Gewicht.

Saša Stanišic macht deutlich, dass Peter Handkes Verklärungen für viele sehr schmerzhaft waren

Aber ist es eine angemessene Debatte für die gerade eröffnete Frankfurter Buchmesse? In der Bitterkeit und Schärfe, die Stanišic angeschlagen hat, ist es deutlich ein Konflikt von 1996, das Jahr, in dem Handke sein umstrittenes Buch „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ veröffentlichte. Bei aller ideologischen Verbohrtheit hat Handke selbst später wiederholt eine sehr viel nachdenklichere Haltung eingenommen. Dessen umstrittene Jugoslawientexte waren ja ihrerseits eine verbitterte Reaktion auf den vermeintlichen Gleichklang einer veröffentlichten Meinung, mit dem Handke sich konfrontiert sah.

Ein schon beruhigt scheinender Streit brandet wieder auf, und es wäre zu hoffen, dass von der Frankfurter Buchmesse der Impuls ausgeht, einen neuen Blick auf die für das europäische Selbstverständnis verheerenden Jugoslawienkriege zu richten. Saša Stanišic hat deutlich gemacht, dass Peter Handkes Verklärungen der 90er Jahre für viele sehr schmerzhaft waren. Angesichts eines sich dramatisch zuspitzenden Kriegsgeschehens im Norden Syriens sollte jedoch gefragt werden, welche Antworten die Schriftsteller heute geben können.

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