+
Peter Handke - umstrittener Literatur-Nobelpreisgewinner. 

Literaturnobelpreis

Stellvertreterdebatte über Peter Handke oder - die verdrängte europäische Geschichte

  • schließen

Die Debatte über den Literaturnobelpreis für Peter Handke offenbart das Dilemma zwischen Kunst und Moral.

Die Liste der Vorwürfe ist lang. Seit die Schwedische Akademie Anfang Oktober die Vergabe des Literaturnobelpreises 2019 an Peter Handke bekanntgegeben hat, verging keine Woche, in der nicht weitere Fakten und Indizien über den österreichischen Schriftsteller zusammengetragen wurden. Der Fall Handke als politisches Déja-vu.

Peter Handke - Demagoge pro-serbischer Positionen

Im Kontext der Jugoslawienkriege der 90er Jahre erschien der Suhrkamp-Autor in wiederkehrenden Wellen als zwielichtiger Demagoge pro-serbischer Positionen. Er habe sich nicht nur mit fragwürdigen Nationalisten eingelassen, sondern auch die ihre Kinder als Opfer beklagenden „Mütter von Srebrenica“ verhöhnt. Als markantestes Merkmal seiner Verfehlungen wird die Grabrede auf den in Den Haag schuldig gesprochenen Diktator Slobodan Milosevic angesehen. Und während ihn einige Kritiker weiter beharrlich als Genozid-Leugner bezeichnen, steht Handkes spätere Äußerung, Srebrenica sei „das schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, das in Europa nach dem Krieg begangen wurde, in dem Verdacht, der bloßen Abwehr lästiger Nachfragen zu dienen.

Eine Kosovo-Albanerin vor einem Monument in Pristina mit den Namen der Opfer des Krieges.

Peter Handke hat es seinen Kritikern oft erstaunlich leicht gemacht. Er tritt als widersprüchlicher Solitär auf, der, wenn er erst einmal angegriffen wird, in bizarrem Zorn retourniert. Als er kürzlich bei einem Besuch in Österreich auf die harschen Vorwürfe des Buchpreisträgers Saša Stanišic angesprochen wurde, kündigte er wütend an, nie wieder mit Journalisten reden zu wollen. Tat es hernach aber umso ausführlicher, etwa in Interviews mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ), der „Zeit“ und der „Kleinen Zeitung“ aus Österreich, in denen er entschieden den Erkenntnisprozess für sich in Anspruch nahm, der aus dem Verirren hervorgeht.

Peter Handke in theatralischer Pose

Die Gereiztheit, mit der Handke kürzlich auf ihn wartende Journalisten zurechtwies, ließ ihn indes als lächerliche Figur erscheinen. „Ich bin ein Schriftsteller, komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes, lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen“, schleuderte er den Presseleuten in theatralischer Pose entgegen, die die Szene irritiert, aber wohl auch beglückt über die seltene Beute registriert haben dürften. Sie wurden so leibhaftige Zeugen einer Mischung aus künstlerischer Verletzlichkeit und Größenwahn.

Viele Texte Peter Handkes, insbesondere dessen jugoslawische Reiseberichte, sind von Kritikern akribisch auf Unwahrheiten, Verfälschungen und einseitige Darstellungen abgesucht worden. Peter Handke ist eine Art semantischer Prozess gemacht worden, und die vom Suhrkamp-Verlag in englischer Sprache auf 25 Seiten zusammengestellten „Clarifications“, in denen die am häufigsten genannten Vorwürfe im jeweiligen Kontext aufgelistet sind, vermochten letztlich weder zur Versachlichung der Debatte noch zur Entlastung des Autors beizutragen.

Peter Handke macht Literatur - wenn auch schlechte

Dabei förderte es nicht gerade die Glaubwürdigkeit Handkes, dass er sich einer argumentativen Auseinandersetzung mit seinen Reiseerzählungen demonstrativ entzieht. „Kein einziges Wort von dem, was ich über Jugoslawien geschrieben habe, ist denunzierbar“, so Handke kürzlich im „Zeit“-Interview, „kein einziges. Das ist Literatur.“

Allerdings schlechte. Handkes 1995 zunächst in der „Süddeutschen Zeitung“ und später als „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ bei Suhrkamp erschienener Text ist vor allem eine Suada gegen die Darstellung des Jugoslawienkonflikts in den Medien, der Handke in Form unentwegter rhetorischer Fragen und konjunktivischen Satzkonstruktionen Einseitigkeit und politische Instrumentalisierung unterstellt. Ein schwer zu lesender Text, der den ihm vorgehaltenen manipulativen Charakter, für eine andere Sicht der Dinge zu werben, gut verbirgt. Mehr jedenfalls als eine verblendete Sicht auf den historischen Konflikt und dessen verheerende Folgen ist die „Winterliche Reise“ ein Wutdokument, in dem Handke mit der politischen Wirklichkeit und deren medialer Darstellung abrechnet. An vielen Stellen des Textes ist man heute geneigt, zum Geschriebenen die Vokabel Lügenpresse zu assoziieren.

Literaturnobelpreis - eine Moralische Integrität

Peter Handke wird gewiss keine Auszeichnung für moralische Integrität beanspruchen können. Ein Teil des Dilemmas besteht aber wohl darin, dass insbesondere der Literaturnobelpreis als solche angesehen wird. Die gesteigerte Aufmerksamkeit für die politische Rolle des Autors während und nach den Jugoslawienkriegen wirkt sich inzwischen geradezu zerstörerisch auf die Wahrnehmung von Handkes literarischem Schaffen aus.

Wer den Versuch unternimmt, den Wortkünstler, Andersformulierer, Sprachfinder und -erfinder Handke gegen den politischen Hasardeur zu verteidigen, läuft Gefahr, als jemand dazustehen, der abwiegelt und verharmlost. In der aufgeheizten Atmosphäre politischer Debatten wirkt das Beharren auf eine Unterscheidung zwischen Künstler und Werk längst wie ein leicht zu durchschauendes Ablenkungsmanöver oder eine unzulässige Ausflucht. Angesichts der literarischen Bedeutung, die Handke seit über 50 Jahren auf vielfältige Weise, nicht zuletzt auch als Übersetzer vernachlässigter oder vergessener Autoren, erlangt hat, ist die Frage, ob Handke denn überhaupt preiswürdig sei, eine ästhetische und kulturpolitische Bankrotterklärung.

Streit um Peter Handke - Stellvertreterdebatte

Der Streit um Peter Handke hat den Charakter einer Stellvertreterdebatte angenommen, die nicht zuletzt auf ein verdrängtes Kapitel der jüngeren europäischen Geschichte verweist. Ganz ähnlich scheint es auch der in Zagreb geborene serbische Schriftsteller Bora Cosic zu sehen, obwohl gerade er sich wiederholt als scharfer Antipode Handkes artikuliert hat. 

Sein Bedürfnis nach einer ehrlichen Aufarbeitung weist jedoch weit über Handke hinaus, wenn er in der Wochenzeitung „Die Zeit“ der auch von Handke häufig herangezogenen Verschwörungstheorie widerspricht, „unser tragischer Konflikt sei von den finsteren Mächten einer internationalen Verschwörung angezettelt worden“. Tatsächlich, so fährt Cosic fort, „entzündete er sich an hausgemachten Aggressionen und dem infernalischen Streben nach Macht. Dazu kam dann noch der fraglos in jedem Menschen schlummernde und nur auf seine Chance lauernde Hang zur Gewalttätigkeit. Was wir bräuchten, wäre ein unaufgeregter Austausch über diese Dinge, in aller Ruhe, ohne pathetische Rhetorik, dafür aber, wenn möglich, mit einem Körnchen Wahrheitsliebe.“

Die Diskursbedingungen, nach denen Cosic sich sehnt, waren im Fall Handke bislang nicht gegeben. Schon möglich, dass die traditionellen Nobelpreisreden, die am Samstag gehalten werden sollen, neuen Zündstoff enthalten. Vielleicht sollte man angesichts der unerbittlichen Fixierung auf das Tun und Lassen Peter Handkes die noch verfügbaren Aufmerksamkeitsressourcen auf Olga Tokarczuk lenken. Die Preisträgerin von 2018 blickt in ihren Werken auf ein anderes Kapitel der europäischen Geschichte und sucht dabei auf ihre Art mit großer Intensität nach dem Wahrheitsanspruch des Schreibens.

Von Harry Nutt

Die Diskussion um Peter Handke nimmt kein Ende. Jetzt kommt es sogar zum Eklat wegen Peter Handke: Ein langjähriges Akademiemitglied boykottiert Nobelwoche.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion