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2019: Peter Handke, fast als Obstgärtner.
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2019: Peter Handke, fast als Obstgärtner.

Erzählung

Peter Handke: „Mein Tag im anderen Land“ – Der Gute Zuschauer

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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In „Mein Tag im anderen Land“ wird ein Besessener erlöst und wendet sich Peter Handke friedfertig dem Luftschlossbau zu.

Wer oder was aber bringt dem von Dämonen gequälten Künstler die Erlösung? Es ist der „Gute Zuschauer“ und sein „Zuschauen, ein rein mitgehendes, selbstlos teilnehmendes, freundschaftliches“. „Im Nu“ ist der Besessene befreit, geheilt, und noch einmal heißt es, denn es ist ja auch wirklich überraschend und unerwartet: „Was hieß da ,Guter Zuschauer‘? – Es hieß, zum Beispiel, folgendes: Sein Zuschauen war zugleich auch ein Hinschauen und sein Hören ein Hinhören, auch wenn es gar nichts mehr zu hören gab. – Und der Gute Zuschauer erwartete, so anders als viele der aktuellen und auch organisierten Zuschauerschaften, für sein Zuschauen weder Lob noch Lohn, und er übte sein Zuschauen, vor allem, nicht aus im Interesse eines Markts oder, bewahre!, der Macht – jedenfalls keiner käuflichen, oder institutionalisierten.“

Und siehe, in der Erlösung liegt doch bereits der Keim für die nächste Schimpftirade, vielleicht fühlt sich aber auch nur die Theaterkritikerin angefasst oder soll sich so fühlen. Denn eigentlich wendet sich gerade alles zum österlich Guten, ohne Ostern.

Der Wahn des Obstgärtners

Nun ist es eine Unterstellung, dass es sich beim Besessenen in Peter Handkes „Dämonengeschichte“ „Mein Tag im anderen Land“ überhaupt um einen Künstler handelt, zum Beispiel ein Dichter und Dramatiker. Er ist tatsächlich Obstgärtner und der Band eine schillernde und zugleich nach frommer Art einfache Parabel, deren Zauber über weite Strecken darin liegt, dass sie weder verdruckst noch selbstmitleidig noch vorwurfsvoll wirkt – die „aktuellen und auch organisierten Zuschauerschaften“ gehören zu den wenigen nebulösen Elementen, die wohl „verstanden“ werden wollen. Stattdessen weht Offenherzigkeit durch das Buch, kecke Harmlosigkeit, eine nicht schlechte Laune.

Es gibt drei größere Handlungsabschnitte. Der Obstgärtner erzählt zunächst von einem Jahrzehnte zurückliegenden Wahnzustand, an den er sich selbst, wie er versichert, nicht im geringsten erinnert. Was er berichtet, weiß er von seiner Schwester und anderen, ein vor-zügliches Instrument der Distan-zierung. Der „Besessene“ beunruhigt seine Umgebung mit einer täglichen „Ortsdurchquerungssuada“ und kampiert schließlich auf einem aufgelassenen Friedhof.

Das Buch

Peter Handke: Mein Tag im anderen Land. Eine Dämonengeschichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 94 Seiten, 18 Euro.

„Jede noch so kleine Einzelheit, und dazu noch deren Gegenteil!, sei mir zum Ärgernis geworden“, erfahren wir mit Interesse. „Nieder mit der Schöpfung!“, wird zum steten Abschluss seiner Tiraden. Poetischer Tiraden. „Klee, stärk deine Stengel, damit du einmal aufrecht stehst unter dem Gewicht einer Hummel! Und all die immergleichen langgezogenen Pferdeschädel in der Landschaft. Und all die unabänderlichen Bahnen der Schmetterlinge. Und die je nach Windstille oder -stärke berechenbaren Spiralen des fallenden Laubs. Und die ewigen Zickzackflüge der Schwalben. Und das Glühen der Glühwürmchen. Und das Hochzeitsschnaufen der Igel. Und aus dem Bild mit euch Schwanenhälsen, euch Wespentaillen, euch Löwenmähnen, euch Gemsensprüngen.“ Wütende können hier noch etwas lernen, was die sprachlichen Anforderungen an Wut betrifft. Aber es stimmt: Diesem Mann scheint nicht zu helfen zu sein.

Dafür wird er allmählich zum „Orakel“. „Ich sagte, heißt es, demjenigen jeweils einfach ins Gesicht, wie es um ihn bestellt sei, und was es mit ihm auf sich hätte.“ Überhaupt erfährt man mehr über die Arbeit und die Vorstellungen eines Schriftstellers als über die eines Obstgärtners.

Im zweiten Handlungsabschnitt, nach der Begegnung mit dem Guten Zuschauer – der zwar kein Hirte ist, aber immerhin als Fischer an einem Seeufer steht –, findet der Obstgärtner zur Geselligkeit zurück. Am ersten Tag – das ist der titelgebende – hat er die Empfindung einer Prüfung, „geprüft von wem? Geprüft; ohne wer oder was“. Eine weitere Gelegenheit, um zu begreifen, dass Handke zwar eine bibeleske Heilsgeschichte erzählt, aber eine individuelle, ohne Gott und Botschaft. Obwohl der gerade geheilte Erzähler übrigens bereit wäre, einen (allerdings uninteressierten) Egel an seiner Wade saugen zu lassen, „das Blut des Gesandten des Guten Zuschauers“.

Dem „Gesellschaftswesen“ geht es gut. Er wird mit allen möglichen Leute verwechselt, da er jetzt einer von ihnen ist. Manchmal geht er „zur Erholung“ (ja, zur Erholung, betont er noch einmal) ein Stück rückwärts, dann stoppt gleich ein Auto, weil er vielleicht per Anhalter weiter will. So kann man sie also auch verstehen, die vorübergehende Rückwärtsgewandtheit.

Am Ende, in einer milden Volte, besucht der Erzähler seine alte Friedhofsbehausung. Im Spiegel sieht er dort einen ganz Fremden, der ihm dann doch ähnelt, und kommt mit ihm ins Gespräch. „Aber wo ist das Widerständische, wo ist der Widerstand geblieben, der Teil deines Naturwesens ist, des ungesellschaftlichen, auch nicht zu vergesellschaftenden, zeitweise gar gesellschaftsfeindlichen?“ Man einigt sich. „Wir zwei“, heißt es nun schon, „werden bis ans Ende unsere Luftschlösser bauen. Wir, du wie ich, wollten ja nie etwas bauen; bloß nichts Festes, nur nichts Massives. Bloß nicht den armen Planeten noch mehr vollbauen, totbauen! Aber Luftschlösser, die unseren: Die sind was anderes.“

So ist die Lage in dieser Erzählung, die eventuell informieren, gewiss nicht belehren will. Auch nicht überzeugen, gar überreden. In einem letzten Schlenker ruft der Erzähler ins Schwarze: „Seid ihr alle da?“ Braucht er uns, das Publikum, wie der Besessene den Guten Zuschauer, wie Kasperle die Kinder? Darauf sollte man sich nicht verlassen.

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