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Peter Handke: „Innere Dialoge an den Rändern“ – Und dann und wann ein Schluck Glück

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Mai 2021: Handke lässt sich in Belgrad mit dem hohen serbischen Orden des Karadjordje-Sterns ehren.
Mai 2021: Handke lässt sich in Belgrad mit dem hohen serbischen Orden des Karadjordje-Sterns ehren. © AFP

„Innere Dialoge an den Rändern“: Peter Handke beschwört in seinen Journalen noch einmal die Kraft der Poesie, des Lesens und des Schreibens.

Beim Lesen immer wieder Bilder vor dem inneren Auge. Etwa die schwarz-weiße Aufnahme der Fotografin Inge Werth. Ein junger Mann mit langen, dunklen Haaren nuckelt an einer Flasche Afri-Cola. Damals hatte Peter Handke in Frankfurt gerade Theatergeschichte geschrieben. Sein Stück „Publikumsbeschimpfung“, in dem das Auditorium mit Beleidigungen überzogen wird („Ihr Nullen, ihr Geschmeiß, ihr Schießbudenfiguren“) ist eine einzige Abrechnung mit dem bürgerlichen Stadttheater. Das Werk des 24 Jahre alten Österreichers wird zum Sensationserfolg, Regie führt ein 29-Jähriger, ein gewisser Claus Peymann.

Damals, im Sommer 1966, im Theater am Turm (TAT), ist Handke gleichsam im Stadium der Unschuld. Es ist sein Jahr. Wenige Wochen zuvor, im April, hatte er in Princeton/USA beim Treffen der Gruppe 47 die versammelte Elite der deutschsprachigen Autorinnen und Autoren brüskiert. Hatte von einer „völlig läppischen und idiotischen Literatur“ der Gegenwart gesprochen, mit „Beschreibungsimpotenz“. Große Aufregung. Zweimal binnen kurzer Zeit traf Handke einen Nerv.

Jetzt rückt der 80. Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers im Dezember näher. Seine Unschuld hat er verloren. Mit seinen Aufzeichnungen der Jahre 2016 bis 2021 unter dem Titel „Innere Dialoge an den Rändern“ legt er noch einmal Rechenschaft ab über sein Schreiben und Leben.

Mehr als 100 Veröffentlichungen umfasst sein Werk bisher, Prosa von großer poetischer Kraft, Theaterstücke, Briefe, Zeichnungen. Die Aufzeichnungen nehmen innerhalb von Handkes Universum des Schreibens eine besondere Position ein. Sie verraten am meisten über den Menschen, seine Empfindungen, die Triebkräfte seines Schaffens, sind weit mehr als bloße tagebuchartige Notizen. 1977 hatte er erstmals ein solches „Journal“ vorgelegt, unter dem Titel „Das Gewicht der Welt“. Später folgten etwa „Gestern unterwegs“ (1987-1990) oder „Vor der Baumschattenwand nachts“ (2007 bis 2015). Schon 1977 nennt er das „Journal“ eine „Befreiung von gegebenen literarischen Formen“ und spricht von „Freiheit in einer mir bis dahin unbekannten literarischen Möglichkeit“.

Die neuen Aufzeichnungen zeigen wieder das vertraute Puzzle aus Hunderten von Text-Splittern. Sie sind mehr denn je Bilanz im Alter. „Habe ich meinen Teil gehabt? – Ja. O ja. Aber habe ich meinen Teil auch gegeben? Ihn weitergegeben?“ Skeptisch zitiert er das Motto des Malers Max Beckmann: „Das Leben mit aller Energie zuendeleben! – Aber: mit welcher Energie? Mit was für einer?“ Der bald 80-Jährige geht kritisch mit sich ins Gericht: „Ich führe (spiele?) mich seit jeher auf, als hätte ich einen Anspruch. Ich habe keinen, nicht einen einzigen, nicht den geringsten. Und das macht mich zeitweise lächerlich. – Recht so.“

Das Buch

Peter Handke: Innere Dialoge an den Rändern. 2016-2021. Jung und Jung, Salzburg 2022. 384 Seiten, 26 Euro.

Handke macht sich keine Illusionen. Er weiß, dass er alleine steht (und ist), will es aber auch so. „Du kannst auf niemanden zählen in der Einsamkeit.- Nicht einmal auf mich? – Auf dich schon gar nicht.“ Dann wiederum ein erstaunliches Bekenntnis: „Seltsam, und wiederum seltsam: Was ich solange verachtet habe, als Sache wie auch als Wort, das Glück, ,Das Glück‘, das erlebe ich nun im Altern, splitterweise, schluckweise – dann und wann ,ein Schluck Glück‘.“

Nur wenig spiegelt sich in den Aufzeichnungen die Wirklichkeit der umgebenden Gesellschaft. Und wenn, dann wird sie als kultureller Verfall wahrgenommen: „,Postmodern Times‘: Die Schriftlichkeit wird nicht mehr ernstgenommen? – Und doch ... und doch“. Oder: „Journalistische Sprache, wie sie heute üblich geworden ist (im Gegensatz etwa zu Joseph Roths und auch Annemarie Schwarzenbachs Zeiten): jeder Glaube geht verloren, und der ihr Ausgesetzte, wir ihr – kein Entrinnen möglich – Ausgesetzten verlieren für die Zeit, nein, die Unzeit, des ihr Ausgesetztseins den letzten Rest eines Glaubens.“

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Und er konstatiert „Verantwortungslosigkeit, insbesondere in der heutigen Kulturwelt: ein ,Zeitalter der Verantwortungslosigkeit‘; das leichte Spiel all der Horden der Verantwortungslosen (f. Friedrich Hebbel).“ Nein, Handke ist sich treu geblieben. Zeit seines Lebens hat er mit zwei Waffen gegen den von ihm wahrgenommenen Niedergang gekämpft: Mit dem eigenen Schreiben und mit dem Lesen. Auch jetzt sind die Aufzeichnungen ein Fest beider Kulturtechniken. Am Palmsonntag 2017 notiert er in Vexin in der Picardie: „Was ist für dich dein Schreiben. Aufschreiben, Weiterschreiben? In der Pflicht sein. – Und was ist, was gibt, was tut dieses In-der-Pflicht-Sein? – Dasein. Mitdasein“.

Der Autor ermahnt sich: „Schreiben? Schönschreiben. Die Erde wie die Welt schönschreiben. „Schreib schön!“ Literatur, das ist für ihn das „Sichpreisgeben des Schreibers, auch, und vor allem, wo die Preisgabe nicht eklatant ist.“ Immer wieder gibt es Notizen zu den eigenen Vorbildern, zu den Idolen. Immer wieder geht es um Tolstoj, „ein Mann wie nur je einer, und zugleich war Tolstoj eine Frau“. Aber auch um Balzac, Eichendorff, Pindar, Faulkner: „Licht im August neulesend: William Faulkners Grundgüte immer wieder ,Hand in Hand‘ mit der Grausamkeit des Durchschauens.“

Das Lesen bleibt zentral: „Ich will nicht mehr lesen, ich will endlich zu was Eigenem kommen. – Ohne Lesen wirst Du nie zu was Eigenem kommen.“ In vielen Miniaturen scheint zugleich Handkes eigene Poesie wieder auf, seine Fähigkeit, in wenigen Worten unvergessliche Bilder heraufzubeschwören. Stets aufs Neue notiert er „Unvergleichlichkeiten“: „Die vielfältigen Stimmen des Regens: Regen mit Kopfstimme / Regen mit Kehllauten / Regen im Brustton / Regen mit Windbegleitung / Regen mit Wind in den letzten Blättern“.

Sein Bemühen, eine poetische Gegenwelt heraufzubeschwören, hat Peter Handke auch schrecklich fehlgehen lassen. Sie hat ihn bis zu seiner Teilnahme am Begräbnis des serbischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic 2006 geführt und bis zu einem Treffen mit dem später als Kriegsverbrecher verurteilten Serbenführer Radovan Karadzic. Der in Kärnten geborene Handke verteidigt Serbien sein Leben lang als seine mythische Heimat. Mit der Schuld, die daraus erwuchs, wird er leben müssen.

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