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Peter Härtling feiert seinen 80. Geburtstag.

Peter Härtling "Tage mit Echo"

Peter Härtling, der Kopfwanderer

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„Tage mit Echo“: Der seit heute 80-jährige Peter Härtling befasst sich in seinem neuen Erzählungsband mit "letzten Büchern" und schreibt übers Weitermachen.

„Tage mit Echo“: Der seit heute 80-jährige Peter Härtling befasst sich in seinem neuen Erzählungsband mit "letzten Büchern" und schreibt übers Weitermachen.

Der Schriftsteller Peter Härtling, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, hat sich und uns vermutlich nicht zufällig just zu diesem Anlass einen Erzählungsband geschenkt, in dem es unter anderem um „letzte Bücher“ geht. Eine melancholische Ausgangssituation, denn dass auch das Werk eines 80-Jährigen, allerdings auch das Werk eines 22-Jährigen ein letztes Werk sein kann, liegt auf der Hand.

In der Mitte des Buches tritt Härtling, ganz Souverän des Geschehens, uns zwanglos und unmaskiert entgegen und erklärt: „Die Eiertänze ums Letzte und Allerletzte, Ausdruck einer leisen Furcht, sollten mich nicht davon abhalten, an das Letzte Buch zu denken. Es wird nie mit Wissen, sondern zufällig entstehen. Dennoch holte ich mir bei meinem Hausarzt Bescheid, wie lange ich es noch machen werde, eine Wendung, die genau wiedergibt, worum es geht. Die Aussichten sind nicht sonderlich.“

Seine Leser verfolgen die literarischen Bulletins seines Gesundheitszustandes schon länger besorgt, „Herzwand. Mein Roman“ öffnete ihnen 1990 die Augen. Es ist bisher ein langfristig angelegtes gegenseitiges Sich-nicht-im-Stich-Lassen, bei dem man sich einmal klar machen muss, dass Menschen, die sich als Kinder durch „Ben liebt Anna“ (1979) möglicherweise erstmals über das Wesen der Liebe und den Begriff „Aussiedler“ informiert haben, heute im fortgeschrittenen Erwachsenenalter sein können. Und bei dem jetzt beide Seiten erneut besonders schön belohnt werden.

Ausgezeichnet gebauter Zweiteiler

„Tage mit Echo“, mit Echos, die aus der Vergangenheit herüberklingen, wie das „Petr“ von Härtlings mährischer Großmutter – in Chemnitz kam er auf die Welt, aus dem hessischen Mörfelden-Walldorf ist er inzwischen nicht mehr wegzudenken –, ist ein ausgezeichnet gebauter Zweiteiler über letzte Bücher, wie gesagt, und über letzte Tage. Auch vom offensiven Mittelstück abgesehen, einer Art Scharnier zwischen den beiden Erzählungen, ist der Autor Härtling – für seine Leser selbstverständlich – allgegenwärtig. In „Brodbeck und die letzten Bücher“ versteckt er sich nonchalant in der Titelfigur. In „Fohr“ versteckt er seine Erschütterung über den frühen Tod des Malers Karl Philipp Fohr (1795-1818) mitnichten.

Brodbeck ist ein Schauspieler, der, ebenfalls Jahrgang 1933, nicht mehr auf der Bühne steht, aber als Vorleser und Sprecher durch die Lande zieht. Ein mit Lesungs- und sonstigen Auftrittsterminen nicht unterversorgter Vollzeitschriftsteller wie Härtling wird im sanften Spott über das häufige Unverständnis der mächtigen und meckernden Agentin („Madame“) eigene Erfahrungen zur Hand haben. Brodbecks neues Lieblingsprojekt, „Letzte Bücher“ – eine Liste ist dem Band beigegeben –, kommt aber ihrem Pessimismus zum Trotz (auch noch so dick, stöhnt sie, diese letzten Bücher vom „Stechlin“ bis zu den „Jahrestagen“) in Gang. Härtling erzählt, wie Brodbeck vorliest, ein Mann übrigens, der der „idiotischen Manie“ anhängt, vor anstrengenden Auftritten geradezu panisch seine Stimme zu schützen. Er erzählt, wie er mit Menschen ins Gespräch kommt, Szenen aus dem Leben eines Vortragskünstlers, wie er in jedem Schauspieler und Schriftsteller stecken muss.

Brodbeck hat noch viele Pläne. Seine Frau fragt ihn: „Fragst du dich nicht, wann du ein letztes Buch zuletzt vorliest, Robbi? Er drehte sich zu ihr um: Wenn ich es bedenke, sind wir die beste Besetzung für ein letztes Buch. Wir müssen nur aufpassen, nicht aus dem letzten Kapitel zu fallen.“ – „Manchmal sagst du Sätze, die ich aufschreiben möchte“, sagt Brodbecks Frau für seine Leser.

Rüstiger "Kopfwanderer"

Fohr ist ein Maler, der unerwartet wenig Zeit hatte, um sich als Künstler zu etablieren. Härtling, der sich zwar „zu wenig bewegt, da meine Beine bei jedem Schritt schmerzen“, ist aber ein rüstiger „Kopfwanderer“ geblieben, „immer wieder unterwegs mit denen, die ausgezeichnet zu Fuß waren: mit Hölderlin, mit Waiblinger, mit Schubert und jetzt mit meinem neuen Gefährten, den ich mir für dieses Unternehmen gewählt habe, mit Fohr“. Schon ruft er dessen Hund Grimsel und durchquert mit Fohr geschwind dessen furchtbar kurzes Leben (aber Fohr kann das nicht wissen, das muss sich der Leser immer wieder sagen): Seine Heidelberger Kindheit und seine Träume – „Nachts träumte er von einem Maler, der er war, sah sich zu beim Zeichnen und freute sich über immer gelingende Bilder …“.

Dann wandert Härtling mit ihm unwahrscheinlich fix über die Alpen nach Rom. Fohr findet dort Freunde, „in dieser Generation“, erklärt Härtling unvermittelt als Härtling, „lernten die jungen Männer Zuneigung und Nähe untereinander“, und er arbeitet fleißig und er arbeitet speziell an einem großen Gruppenbild, das ihm Ruhm und Ehre bringen soll, und er schmiedet Pläne und will sich zwischendurch an einem besonders schönen Tag auch einmal entspannen. „Ruhe in schattigen Zimmern, kleine Ausflüge ins Umland oder im Tiber baden – das alles waren sommerliche Möglichkeiten.“ Und er entscheidet sich für das Dritte, und er hat schon ein Duell und schwere Krankheit überlebt, und jetzt ertrinkt er im Tiber. Ein Freund, der einzige in der Gruppe, der schwimmen kann, versucht ihm noch zu helfen.

Ein Text an einem Geburtstag soll nicht mit dem Tod enden. Auch Härtlings Erzählung endet nicht damit, sondern mit Härtlings Erinnerung an Fohr, die durch die von den Freunden zusammengestellten Zeichnungen möglich ist. Sie legen die Blätter in einem Album zusammen, „zu einem letzten Buch“. Wer sagt, dass ein letztes Buch fertig sein muss? Härtling sagt es nicht, und er sagt auch nicht, dass es vor allem darum geht, weiterzumachen. Das aber steht im Raum.

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