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Vor der Krucka: Mágda Fábián, Peter Fabjan, Ehepaar Hufnagl, Thomas Bernhard (v. l.). Foto: Fotoarchiv der Thomas Bernhard Nachlassverwaltung GmbH
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Vor der Krucka: Mágda Fábián, Peter Fabjan, Ehepaar Hufnagl, Thomas Bernhard (v. l.).

Erinnerungen

Peter Fabjan über Thomas Bernhard: „Eine schwierige Situation“

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Der Halbbruder Peter Fabjan schreibt so diskret wie genau und zart über „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard“.

Einmal soll der junge Arzt Peter Fabjan bei einer Fortbildung einen Fall vortragen. Der Professor anschließend: „Das war jetzt wie eine Erzählung von Thomas Bernhard.“ Er weiß nicht, dass er den Halbbruder Bernhards vor sich hat. Peter Fabjan klärt das auch nicht auf, es ergibt sich nicht. Thomas Bernhard ärgert sich darüber. Er habe sich wohl seiner geniert.

Eine facettenreiche Anekdote auch jenseits des bereits vielsagenden Ablaufs (dass Fabjan zum Erzählen gedrängt werden muss, obwohl er so offenkundig etwas zu erzählen hat; dass Thomas Bernhard längst ein literarischer Referenzpunkt ist; dass er sich auf jeden Fall ärgert; dass Fabjan, der getreue Bruder, die Erklärung für den Professor alsbald nachschiebt). Peter Fabjans Fall dürfte nicht zuletzt deshalb wie eine Erzählung von Thomas Bernhard geklungen haben, weil umgekehrt Bernhard sich für Krankengeschichten interessierte – seine eigene wird von Fabjan begleitet werden. Die Gegensätzlichkeit, die verschlungene Beziehung zwischen den Brüdern löst sich hier für einen Moment auf, indem sie beide Thomas-Bernhard-Erzählungen zu bieten haben.

Dabei ist anzunehmen, dass Fabjan eine Thomas-Bernhard-Erzählung anders erzählt als Thomas Bernhard. Denn ein nicht weiter thematisiertes Faszinosum an seinem Buch über den Halbbruder besteht in dem sprachlichen Kontrast zwischen der Zurückhaltung, der Tendenz zur Untertreibung und dem Sich-Bescheiden des einen und der wohlvertrauten, um scharfrichterliche Urteile nie verlegenen Maßlosigkeit des anderen. Dass beide einen Weg aus schwierigsten Verhältnissen heraus bewältigt haben – er als Arzt, Thomas Bernhard als Künstler – ist Fabjan bewusst, er hat auch Worte dafür. Im Kontakt zu Bernhards interessanten Bekannten sei er „eben ,der jüngere Bruder‘“ gewesen, „als solcher war ich stiller Beobachter und stand so zwischen zwei Welten: der des Kleinbürgertums, von der aus ich mich in die Akademikerwelt und die der Wissenschaft vorgearbeitet hatte, und jener der Kunst, Literatur und Medien; ein ,Aufsteiger‘ in der einen, ein ,Neureicher‘, ein nicht wirklich Dazugehörender, in der anderen.“

Der Titel des Bandes, „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard. Ein Rapport“, ist so nüchtern wie der gewählte Ton. Dem Rapport haftet umgangssprachlich nicht unbedingt Freiwilligkeit an. Die Floskel, „ein Leben an der Seite“ eines anderen zu führen, lässt leicht vergessen, dass an der Seite nie in der Mitte und immer am Rand ist.

Peter Fabjan nimmt seine Rolle gegenüber Thomas Bernhard an

Pragmatisch die Aufteilung des Buchs: Nach kurzen einleitenden Abschnitten, darunter etwa einen mit dem kurios förmlichen Titel „Thomas Bernhard, eine Herausforderung für die Gesellschaft, ein Glücksfall für die Literatur“, geht es um die einzelnen Verwandten, persönliche Erinnerungen, Thomas Bernhards Bekannte, natürlich auch um Hedwig Stavianicek, den „Lebensmenschen“, um gemeinsame Reisen, den zwangsläufig gemeinsam gegangenen medizinischen Leidensweg.

Das Buch

Peter Fabjan: Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard. Ein Rapport. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 200 S., 24 Euro.

Peter Fabjan spielt dabei den nicht weiter nach seinen eigenen Wünschen gefragten Leibarzt. Er schreibt sich nicht aus dem Buch hinaus, widmet ein paar (sehr aufschlussreiche) Seiten auch seinem eigenen Leben als junger Arzt. Aber er nimmt seine Rolle auch an, macht sich nicht klein und erst recht nicht groß. Spät lässt er fallen, er habe sich als Mediziner gelegentlich unterschätzt gefühlt, dem Bruder nimmt er dagegen nur Situationen übel, nicht das große Ganze. „Ein andermal musste ich für Wochen jeglichen Kontakt abbrechen. Ein zufälliges Zusammentreffen – jeder in seinem Fahrzeug in der Gegenrichtung auf einer Bergstraße unterwegs – ließ uns anhalten und wieder aufeinander zugehen. Eine Szene wie im Film ,High Noon‘.“

Peter Fabjan klagt nicht, er konstatiert. „Schade, dass ich so wenig Kraft hatte, diese Situation anders als mit hinhaltender Gefolgschaft zu meistern.“ Als sie auf einer späten Reise die Schauspielerin Marianne Hoppe treffen, verbringt Fabjan den Abend im Restaurant allein an einem anderen Tisch, wie ein Chauffeur, schreibt er selbst. Nach und nach merkt man, dass das Zurückhaltende eine Zartheit ist, kein anerzogener bürgerlicher Takt, sondern eine Diskretion aus Erfahrung und eigener Verletzlichkeit. Schon gar nicht ist es Unvermögen im Schriftlichen, eher entsteht eine eigene lapidare Literatur.

Peter Fabjan, Jahrgang 1938, und Thomas Bernhard, Jahrgang 1931, haben dieselbe Mutter, Herta Bernhard, die von den Eltern früh in fremde Haushalte zum Arbeiten „unter zumeist rücksichtslos erniedrigenden Umständen“ (Fabjan) gegeben wird. Der Mann, von dem sie Thomas erwartet, leugnet die Vaterschaft und stirbt 1950. Herta, inzwischen mit Emil Fabjan verheiratet und noch zweimal Mutter geworden (Peter hat eine Schwester, Susanna), stirbt im gleichen Jahr.

Verlusterfahrung ist womöglich ein zu routinierter Begriff für die frühen Erlebnisse Thomas Bernhards, die im Band ausschließlich von der familiären Seite betrachtet werden. Ohne Stammbaum, der nützlich gewesen werden, taumelt man beim Lesen an teils trüben, teils aussichtslosen Schicksalen entlang.

Es finden sich tradierte Anekdoten, wie es sie in jeder Familie gibt, hier aber tiefschwarz grundiert. Wie diese „seltsame Geschichte“: „Die etwa dreijährige Herta, von den Eltern mit dem Säugling allein gelassen, häuft auf das in einem Gitterbett schreiende Baby so lange Holzscheite, bis das Schreien aufhört. Der Säugling ist tot. Als die Eltern zurückkommen, ist ihre größte Sorge: Wird der herbeigerufene Hausarzt ihnen glauben und auf eine Anzeige verzichten? Die Geburt wird nicht amtlich.“

Die „verwunschene“ Familie des Thomas Bernhard

Die unrasante Sprache ist Teil von Fabjans Suche nach Genauigkeit und Richtigkeit – als dem glatten Gegenteil literarischer Übertreibung. Die Kürze vieler Abschnitte (zu denen, wie man aus anderen Erinnerungen längst weiß, so viel mehr zu sagen wäre) machen klar, dass Fabjan seine Erinnerungen an die „verwunschene“ Familie und den Bruder nicht mit fremdem Wissen auffüllen will.

Zugewandt illusionslos beurteilt er die Beziehung zwischen den Geschwistern. „Die Schwester und ich erlebten ihn als den in eine ferne Welt entrückten, uns in Zuneigung wie Distanzbedürfnis verbundenen Bruder. Unsere Zuneigung durften wir ihm nicht schenken, sie wurde verlangt und musste ein Leben lang bewiesen werden. Eine schwierige Situation.“ Die weit nach Thomas Bernhards Tod geschlossene Ehe wirkt – ohne dass Fabjan ein Wort darüber verliert – wie eine Rettung.

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