Der Traum vom fast schon ländlichen Leben im gepflegten Vorort.
+
Der Traum vom fast schon ländlichen Leben im gepflegten Vorort.

Schweden

Peter Englund: „Mord in der Sonntagsstraße“ – In so einer angenehmen Umgebung

  • vonKatharina Granzin
    schließen

Der schwedische Historiker Peter Englund geht einem Verbrechen aus dem Sommer 1965 nach und schreibt zugleich eine packende Zeitgeschichte des Landes.

Am 27. Juli 1965 wurde in einem gutbürgerlichen Vorort von Stockholm eine junge Frau tot im Schlafzimmer ihrer Eltern aufgefunden. Die 18-jährige Eva Marianne Granell, genannt „Kickan“, war gerade von einem Spanienurlaub mit ihrem Verlobten zurückgekehrt, die Eltern waren noch verreist. Kickan befand sich allein im Haus, als ihr Mörder sie überfiel. Rasch konnten alle persönlichen Bekannten der Getöteten als Täter ausgeschlossen werden, was einerseits dafür sprach, dass die junge Frau ein zufälliges Opfer gewesen war. Andererseits verriet das Vorgehen ihres Mörders eine ausgezeichnete Ortskenntnis.

Es war ein aufsehenerregender Fall – um so mehr, als es lange dauerte und letztlich auch dem Zufall zu verdanken war, dass der Täter am Ende gefasst werden konnte. Überdurchschnittlich viel Interesse weckte Kickans rätselhafte Ermordung auch deswegen, weil die schwedische Medienlandschaft in den sechziger Jahren schon recht weit entwickelt war. Sehr viele Haushalte besaßen einen Fernsehapparat, was die Intensität der Berichterstattung befeuerte. Der Schriftsteller, Historiker und einstige Kriegsberichterstatter Peter Englund – ehemaliger Sekretär der Schwedischen Akademie – konnte bei seiner Recherche für dieses Buch also auf einen reichen Schatz an Material zurückgreifen.

Englunds Fokus ist nicht auf den Kriminalfall selbst begrenzt; er macht die Schilderung der Mordermittlungen zum Mittelpunkt einer sehr viel größeren Erzählung. Seine Darstellung des gesellschaftlichen Kontextes ist dabei ebenso fesselnd und detailreich wie der „true crime“-Anteil dieses gattungsmäßig schwer einzuordnenden Buches („Roman-Essay“ könnte eine Annäherung sein). Das Schweden der sechziger Jahre ersteht aus den Archiven auf und erwacht zu gespenstischem Leben.

Mit diesem zeitgeschichtlich und soziologisch orientierten Blick trägt Englund nicht nur seinem Ruf als Historiker Rechnung, sondern stellt sich gleichzeitig auch in die Tradition des legendären Schriftsteller-Duos Maj Sjöwall/Per Wahlöö, die im Buch mehrfach erwähnt werden. Der erste Sjöwall/Wahlöö-Roman erschien just in eben jenem Jahr 1965.

Dem Mord an der jungen Kickan Granell haftet(e) auch deswegen etwas eigenartig Bedeutsames an, da er im Grunde nicht zu der Umgebung passte, in der er geschah. Die Siedlung Skönstaholm südlich von Stockholm, in der die junge Frau mit ihren Eltern wohnte, war die Verkörperung des Traums vom schwedischen „folkhem“. Die durchdacht gestalteten Reihenhäuser boten eine perfekte Mischung aus individuellen Gestaltungsmöglichkeiten und kollektiver Raumnutzung. Ein Vorzeigeprojekt, das die Aufgabe hatte, in die Zukunft zu weisen, in das aber vor allem Besserverdienende einzogen und das einen maximalen sozialen Kontrast zu dem ärmlichen Vorort bildete, zu dem es eigentlich gehörte (und zu den hässlichen Hochhaussiedlungen, die in den 60ern massenweise entstanden).

Mit der Geschichte dieser Mustersiedlung beginnt Englund seine Erzählung, nicht etwa mit der Entdeckung der Leiche oder den letzten Stunden des Opfers. All das folgt; und zwar sehr detailliert. Aber durch diese Erzählrichtung, vom Großen ins Kleine hinein, etabliert sich von Beginn an ein Blick, der den größeren Kontext gleichsam immer aus den Augenwinkeln mit verfolgt.

Das Buch

Peter Englund: Mord in der Sonntagsstraße. Geschichte eines Verbrechens. A. d. Schwed. v. Maike Barth. Rowohlt Berlin. 336 S., 22 Euro.

Noch bestand in den sechziger Jahren die Utopie vom gemeinsamen „folkhem“, doch die entste-hende Konsumgesellschaft mit ihren materiellen Versprechen beförderte den Individualismus.

In diesem Klima wird Kickan Granell Opfer eines gestörten Täters, der seine Tat vor sich selbst mit dem kaltherzigen Egoismus der Frauen legitimiert. In tagebuchähnlichen Aufzeichnungen lebt er Gewaltphantasien aus und schreibt Listen von Dingen, die er beschaffen will, um eine Frau zu entführen und zu vergewaltigen. Teile dieser verstörenden Texte montiert Englund immer wieder mitten in seine eigene Erzählung: ein der Genreliteratur entlehntes Verfahren, das irritieren und Spannung erzeugen soll. Auch hier funktioniert das hervorragend; sogar besser als in jedem Thriller, weil der Kontrast, die inhaltliche Fallhöhe, größer ist, wenn perverse geheime Gewaltphantasien unvermittelt einbrechen in einen sachlichen Essay.

Einen etwas gruseligen Nebenbei-Effekt hat es außerdem: Die stilistische Fallhöhe ist nicht annähernd so groß – man möchte zunächst an Fiktion glauben –, denn der hochintelligente Mörder von Kickan Granell wusste mit Worten umzugehen. Es ist unangenehm, das einzusehen. Auch das Böse ist grundsätzlich nicht getrennt vom Menschen zu denken.

Am Ende der Lektüre, die einerseits spannend ist wie ein Krimi, aber vor allem als grandioses Zeitpanorama fesselt, bleibt man mit vielen offenen Fragen zurück: nach Zusammenhängen, die in ihrer Komplexität wohl nie völlig geklärt werden können. Englund zieht keine expliziten Schlüsse, er hat nur Tatsachen gesammelt. Solche Fakten sind: Der Vater des Mörders war Nazi. Kickan Granell war blond. Schweden war damals für seine florierende Pornoindustrie bekannt. Die Texte des Täters erinnern an die Äußerungen heutiger „Incels“, die ebenfalls aus Frauenhass gemordet haben. – Was sich aus all dem, und vielem anderem, ergibt? Dieser Mörder ist damals gefasst und verurteilt worden. Aber was mit so einem Vorgang eigentlich „aufgeklärt“ werden kann, ist um so schwerer zu sagen, je genauer man die Sache betrachtet.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare