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In Peter Careys Roman wäre das in der Mitte der Sohn des Grundbesitzers - und Willie würde alle unterrichten.

Australien

Peter Carey „Das schnellste Rennen ihres Lebens“: Willie auf dem Pfad des Schlangenahnen

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Der Australier Peter Carey beschäftigt sich in seinem jüngsten Roman erstmals mit den Verbrechen an den Ureinwohnern.

Du kannst kein weißer australischer Schriftsteller sein und dein ganzes Leben lang den wichtigsten Aspekt unserer Geschichte ignorieren, und zwar dass wir – ich – die Nutznießer eines Genozids waren.“ Das sagte Peter Carey, zweifacher Booker-Preisträger, aus Anlass seines 14. Romans, der im Original „A Long Way from Home“ heißt und bei S. Fischer als „Das schnellste Rennen ihres Lebens“ erschienen ist. Im Laufe eines Autorennens rund um Australien bleiben also für Careys Hauptfiguren Begegnungen mit Aborigines nicht aus, verliert der strohblonde Willie Bachhuber die Gewissheiten, mit denen er bei einem Pastor aufgewachsen ist (und er dachte noch, sein größtes Problem im Nachkriegsaustralien sei, dass er einen deutschen Namen trägt) und versucht Irene Bobs, Ehefrau, Mutter, Teufelsfahrerin, einen Kinderschädel zur Polizei zu bringen und ein Verbrechen anzuzeigen.

„Kleinkindschädel, Aborigine, aufgefunden bei Funnel Creek/Finch Hatton“, stellt ihr ein Polizist eine Art Quittung aus. „Ich fragte ihn nicht, woher er wusste, dass es der Schädel eines Aborigine war, oder wie er die Ortsnamen erraten hatte“. So nimmt Irene Bobs Quittung und Pappschachtel mit Schädel und Einschussloch in diesem wieder mit. So naiv ist die junge Frau, dass sie denkt, der Polizist sei „einfach nicht ganz richtig im Kopf“.

Peter Carey: Das schnellste Rennen ihres Lebens. Roman. A. d. Engl. v. M. Allié, G. Kempf-Allié. S. Fischer 2019. 464 S., 24 Euro.

Peter Carey ist ein Meister des Pikaresken, aber er weiß doch auch, wann er den staubtrockenen, ironischen, manchmal spöttischen Ton zurücknimmt. Wann er das Schreckliche, die Ermordung eines Kindes wegen seiner Hautfarbe, nur andeutet. Statt an anderer Stelle mit kräftigem Strich zum Beispiel von dem kuriosen Moment zu erzählen, in dem der Lehrer Bachhuber einen Schüler kopfunter aus dem Fenster baumeln lässt. Dieser schreit wie am Spieß, wie auch nicht. Willie verliert daraufhin seinen Job und heuert bei den Bobs als Navigator an, denn wenn er mit etwas umgehen kann, dann mit Karten.

Irene hält die Idee ihres hübschen kleinen Titch, am Redex Reliability Trial, „diesem Angeberrennen“, teilzunehmen, zunächst für Unfug. Aber dann eröffnet Schwiegervater Dan – „Du bist den Leuten peinlich“, sagt er zu seinem Sohn, der doch der beste Autohändler weit und breit ist – aus purer Lust an der Demütigung einen Ford-Gebrauchtwagenhandel in Bacchus Marsh, und Titch muss auf General Motors Holden umsteigen. Irene ist solidarisch mit ihrem Mann. Und entpuppt sich nicht nur als die bessere, eigentlich die beste Fahrerin, sie kommt auch auf die fabelhafte Idee, den arbeitslosen Nachbarn Willie als Navigator anzuheuern. Der das Land auf fast gespenstische Weise lesen kann.

Peter Careys Eltern hatten in Bacchus Marsh, 33 Meilen von Melbourne entfernt, einen Autohandel. Er dürfte mit dem Geruch von Benzin und Motoröl aufgewachsen sein. Doch steht das bis 1998 immer mal wieder ausgetragene Redex-Autorennen, ein Wettbewerb der Fahrzeugzuverlässigkeit mehr als der Schnelligkeit, im Roman gar nicht so im Vordergrund, wie man es vielleicht erwartet. Nur zum Teil ist „Das schnellste Rennen ihres Lebens“ ein aberwitziges, an kuriosen Nebenfiguren reiches Roadmovie.

Es beginnt wie etwas, das eine Dreiecksgeschichte werden will. Denn kaum sind Irene und Titch Bobs – beide sind so petite, dass Irenes Schwester fragt, ob sie eine „Mäusemannschaft“ großziehen wollen – nach Bacchus Marsh gezogen, taucht auch schon Nachbar Willie Bachhuber mit frischen Eiern von seinen Hühnern auf und verguckt sich in die junge Frau, deren Munterkeit ihn an einen Spatz erinnert, „wie er im Gras saß und pickte“. Und wie wirbeln die Gefühle erst, als Irene Willies Hand küsst (so empfindet er es) beziehungsweise (so erinnert sie es) ihre Lippen „nur ganz kurz die feinen blonden Härchen“ auf seinem Arm streifen. Wie andere Geschehnisse und Augenblicke bekommt die Leserin diese Berührung von zwei der drei Hauptfiguren geschildert, denn abwechselnd erzählen in diesem Roman Irene und Willie; erst ganz zuletzt spricht ein Kapitel lang Willies – dunkelhäutiger – Sohn.

Ähnlich wie in den USA äußert sich der australische Rassismus in Segregation und in absurdem Stolz, dass man ein Auge dafür habe, wenn jemand versucht, als weiß „durchzugehen“. Willie, geschockt, wird in einer Bar nicht bedient. Irene, ebenfalls geschockt, sagt: „Natürlich sind Sie nicht schwarz. Mir ist das sowieso egal.“

Lange Jahre, so hat es Peter Carey in einem Interview gesagt, sei er überzeugt gewesen, es stehe einem weißen Autor nicht zu, „this tale“, diese Geschichte zu erzählen: die Geschichte vom Genozid, von der Diskriminierung der Aboriginies. Jetzt hat er ausführlich recherchiert und auch gegenlesen lassen. So dass er davon schreiben kann, wie Willie Bachhuber einen Aborigine-„Lehrer“ erhält, mit dem zusammen er „dem Pfad des Schlangenahnen“ folgen muss, wie er von seinem echten Vater erfährt, wie er, von einem Farmer für die „Blackfellas“-Kinder engagiert, lernt, sie ernst zu nehmen – so dass er seinerseits von ihnen lernen kann.

Gegen Ende droht der Roman in zwei Teile zu zerfallen, aber das ist ein geringfügiger Einwand. Da ist Irene, in deren Ehe die Liebe stirbt, denn Titch ist bald nur noch „berauscht von seinen eigenen Auftritten“. Da verschwindet Willie dauerhaft dorthin, wo Känguru und Taipan sich gute Nacht sagen. Und wo kleine, schüchterne Kinder grauenvolle Aborigines-Überlieferungen flüstern: „Captain Cook er großes Schiff. (...) Bringt Kanonen an Land, schießt er bestimmt drei Wochen lang. Alle Menschen totgeschossen.“

Jetzt, da Peter Carey einen entschlossenen ersten Schritt getan hat, wird er vielleicht, nein hoffentlich erneut nicht nur über die abenteuerliche, sondern auch grausame und rassistische Geschichte seines Landes schreiben.

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