Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Schriftstellerin Irena Brezná, in Darmstadt mit dem Hermann-Kesten-Preis den PEN geehrt.
+
Die Schriftstellerin Irena Brezná, in Darmstadt mit dem Hermann-Kesten-Preis den PEN geehrt.

Hermann-Kesten-Preis des PEN

PEN überreicht Hermann-Kesten-Preise in Darmstadt: Zurück an die Arbeit

  • Boris Halva
    VonBoris Halva
    schließen

Der PEN zeichnet in Darmstadt Irena Brezná, Günter Wallraff und Lina Attalah aus.

Das Wort ist der Anfang. Immer schon und immer wieder. Und für Menschen, die nicht nur Geschichten erzählen, sondern mit ihren Texten die Welt verändern und vielleicht sogar besser machen wollen, heißt die Arbeit mit dem Wort auch immer: die eigene Sprache, den eigenen Ton zu finden. Und über das stete Fragen, „Für wen schreibe ich und warum?“, auch ein Gefühl für die eigene Wirkmacht zu entwickeln.

Am Donnerstagabend hat der PEN-Club in Darmstadt drei Menschen, die schreibend  die Welt verändern wollen, mit dem Hermann-Kesten-Preis geehrt: die in Basel lebende Schriftstellerin Irena Brezná, die ägyptische Journalistin Lina Attalah und den Investigativ-Reporter Günter Wallraff. Sie alle eint, sagte PEN-Präsident Deniz Yücel zu Beginn des kleinen Festaktes im Staatstheater, dass „sie sich nie einem Diktat unterworfen und immer für die Freiheit des Wortes gekämpft haben“. Ein Kampf, den sie noch heute ausfechten, „in dieser Zeit der Ungewissheit“, wie es Yücel formulierte, in der das Wort die letzte Bastion der Freiheit zu sein scheint. Eine Zeit, in der es umso wichtiger ist, denen, die am Rande stehen, den Schwachen und Unterdrückten, eine Stimme zu geben.

Hermann-Kesten-Preis: Irgendwie ein Wunder

So wie Lina Attalah, die von Kairo aus das unabhängige Nachrichtenportal „Mada Masr“ betreibt und den mit 3000 Euro dotierten Hermann-Kesten-Förderpreis erhalten hat. Ihr Laudator, der Journalist David Kampann, würdigte die 1982 geborene Journalistin für ihre Unerschrockenheit: „Während sich die meisten Journalisten in Ägypten angepasst haben und sich selbst zensieren, um sich nicht in Gefahr zu bringen, haben Sie sich entschlossen, die freie Presse zu erhalten und zu zeigen, was hinter den Kulissen ist.“

Lina Attalah erklärte daraufhin: „Es ist schön, solche Worte zu hören.“ Und es sei auch irgendwie ein Wunder, dass sie einen Preis bekomme, weil sie hin und wieder Artikel veröffentliche. „Aber in solchen Momenten spüre ich auch, wie wichtig es ist, schnell wieder an die Arbeit zu gehen.“

Hermann-Kesten-Preis für Günter Wallraff

Auch Günter Wallraff, der seinen Kesten-Preis pandemiebedingt mit einem Jahr Verzug entgegennahm, wollte nicht lange um sich selbst kreisen. Nachdem ihn sein Laudator, der Grünenpolitiker Cem Özdemir, als „journalistischen Dissidenten“ und als Menschen gewürdigt hatte, dessen Solidarität „nicht nur der guten Sache gilt, sondern denen, die sich dafür einsetzen“, nutzt Wallraff seine Dankesrede, um an das Schicksal zweier Männer zu erinnern, die für ihren Einsatz für Demokratie und Gerechtigkeit einen hohen Preis bezahlt haben: an Wikileaks-Gründer Julian Assange und den russischen Oppositionellen Alexej Nawalny. Mit Assange solle „ein Präzedenzfall für den investigativen Journalismus insgesamt geschaffen werden“, sagte Wallraff, „ein Abschreckungsszenario für kritische Journalistinnen und Journalisten“. Und der Fall Nawalny zeige, auf welch perfide Art in Russland die Opposition zersetzt werde.

Für Wallraff steht fest: „Der nächste Friedensnobelpreis sollte diesen beiden Aufklärern und Systemkritikern gemeinsam zugesprochen werden.“

Irena Brezná findet Trost und Kraft in der Literatur

Für Dissidenten und Systemkritiker im Exil hat sich auch Irena Brezná über Jahrzehnte eingesetzt. 1950 in der Slowakei geborene, emigrierte Irena Brezná 1968 mit ihrer Mutter in die Schweiz, wo sie bis heute lebt. Über Jahrzehnte porträtierte sie Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die in den Ländern des Ostblocks mit ihren Werken oder Haltung angeeckt und nach langen Jahren im Gefängnis ausgewiesen wurden. Ihre Reportagen über den Krieg in Tschetschenien fanden international Beachtung.

Aber Irena Brezná hat, wie sie in ihrer Dankesrede sagte, schon früh für sich die Literatur entdeckt. Und zugleich Kraft geschöpft und Trost gefunden in der Erkenntnis, dass es „nicht nur ein dem Menschen von Menschen zugefügtes Leid“ gibt, „sondern auch das geschriebene Wort als Widerstand“.

Und egal, worüber Irena Brezná schreibt – ob über Tschetschenien, die russische Mafia in Wladiwostok oder ein Schweizer Frauengefängnis, „immer sind ihre Reportagen bewegendes, aufrüttelndes politisches Statement, persönliche Erfahrung und sprachbewusste poetische Haltung“, sagte ihre Laudatorin, die Schriftstellerin Barbara Krohn. Und eben immer auch „ein zutiefst literarisches Dokument unserer Zeit“. Brezná selbst hat einmal über ihre Arbeit gesagt: „Jeder meiner Texte ist immer noch ein Aufbäumen gegen das Gebot des Schweigens und des Nichthandelns.“

Hermann-Kesten-Preis: Plädoyer zum Zuhören

Irena Brezná sagt gegen Ende der offenen Diskussionsrunde, in der sich – angeregt von Michel Friedman, der die Veranstaltung moderierte – alle noch einmal an den Begriffen Freiheit, Streitkultur und Konsensgesellschaft reiben, vielleicht den wichtigsten Satz des Abends. Einen Satz, der deutlich macht, dass es – bei aller Wucht, die Worte zu entfachen vermögen – nicht nur darum geht, über Sprache aufzubegehren, und es nicht damit getan ist, sich oder anderen übers Aufschreiben und Aufschreien Gehör zu verschaffen. „Vielleicht“, sagt Brezná, die einmal die Sprache als das einzige Haus bezeichnet hat, das sie in ihrem Leben gebaut habe, „müssen wir einfach mehr zuhören.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare