1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Peinlichkeiten, wohin man blickt

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Duncehat: Eine Eselsmütze setzte man früher langsamen und faulen Schülern als Strafe auf. Sie sollten sich schämen.
Duncehat: Eine Eselsmütze setzte man früher langsamen und faulen Schülern als Strafe auf. Sie sollten sich schämen. © Getty Images

Unerwünschte Miss- und Minderwertigkeitsgefühle: Till Brieglebs Essay über die Scham kreist um die Frage, wie ein Leben gelingen kann, dass sich nicht vor ihr in die Versteinerung rettet. Von Ruth Fühner

Von RUTH FÜHNER

Die Scham scheint ein eher randständiges Phänomen unseres Alltags zu sein. Früher stellte man Kinder in die Ecke, damit sie sich schämen. Unter Erwachsenen ist Scham kein Thema, es sei denn, man vermisst sie bei anderen: bei gewissen Managern etwa oder bei den Repräsentanten des Unterschichtfernsehens. Der Journalist Till Briegleb entdeckt in diesem scheinbaren Nicht-Thema, ohne es je so zu nennen, eines der letzten mächtigen Tabus. Sein Essay rückt "Die diskrete Scham" vom Rand ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Und siehe da: Sie ist überall.

Wer je Scham empfunden hat, kennt das: den Schmerz, dem eigenen Anspruch nicht genügt zu haben. Das Bedürfnis, diesen Schmerz wegzudrücken, zu leugnen, ihn zu maskieren. Die Angst vor dem nächsten Mal. Und das Gefühl: Anderen passiert das nicht.

Das ist natürlich Unsinn. Die Angst vor der Scham kennen die anderen auch. Sie mögen nur andere Maskierungen entwickelt haben, um sie - vor sich und uns - zu tarnen. Nicht unbedingt zu ihrem Vorteil; denn die Bekanntschaft mit der Scham, so Brieglebs These, demütigt nicht nur, sie macht auch sensibler. Und sie kann Mut machen, sich von der Scham zu emanzipieren.

Briegleb fasst unter "Scham" nicht bloß das pubertäre Erröten in peinlichen Situationen, sondern den ganzen Kanon der unerwünschten Miss- und Minderwertigkeitsgefühle, die aus der Verletzung von Normen entstehen, die wir eigentlich anerkennen. Solche Normen sind uns allen eingeprägt - und noch jede Macht hat auf ihrer Klaviatur zu spielen verstanden. Die angeblich überlegene weiße Rasse der Kolonialherren ebenso wie die Werbung mit ihren Hochglanzbildern, angesichts derer sich das real existierende Individuum mausgrau fühlt - und sich auch dafür noch schämt, weil es durchschaut, dass die Bilder nichts anderes erreichen wollen.

Brieglebs Ziel ist es - schließlich erscheint sein Essay in der Reihe "Bibliothek der Lebenskunst" - den Umgang mit der eigenen und der fremden Scham fruchtbar zu machen für die persönliche Entwicklung. Er kreist auf immer neuen Reflexionsebenen um die Frage, wie ein Leben gelingen kann, das sich nicht, vor lauter Schamangst, in die Versteinerung, in Zynismus, Hochmut oder Depression rettet. Nun haben immer wieder Rebellionen die Schamgrenzen verschoben und zur Emanzipation sozialer Gruppen oder Verhaltensweisen beigetragen.

Frauen, Schwarze, Schwule oder Alte sind heute nicht mehr so leicht als Außenseiter zu diffamieren, aber hat sich dadurch die Summe der beschämenden Erfahrungen verringert? Briegleb vermutet: eher nicht. Ob im festgefügten christlichen Weltbild des Mittelalters oder im multikulturellen St. Pauli: Mit der Vielfalt, ja Unübersichtlichkeit der Wertsysteme lockert sich zwar die Kontrolle von außen, dafür wächst aber die von innen. Widerstreitende Werte oder Verhaltensregeln - am Arbeitsplatz, in der Supermarktschlange, am Tresen oder beim Sex - machen das "Ich" der Individualisierungsära zu einem Konfliktfeld, auf dem die Ambivalenz, also das Nicht-Genügen-Können Programm ist, wo auf Schritt und Tritt Schamempfinden und Peinlichkeit lauern und abgewehrt sein wollen. Wie also umgehen mit diesem brennenden, ungewollten Gefühl?

Es ist der große Vorzug von Brieglebs Essay, dass er die schmerzhafte Dialektik der Scham nicht einfach still zu stellen versucht. In seiner Denkbewegung vollzieht er vielmehr jene Pendelbewegung nach, die wohl als einzige hilft: lieber ständig sich selbst ins Wort fallen als versteinern in monolithischer Argumentation. Gefragt ist ständiges Ausbalancieren: den eigenen Werten treu bleiben und nicht zulassen, dass sie einem über den Kopf wachsen. Authentisch sein und dem Verrückten im eigenen Inneren hinter Masken Raum schaffen. Die Schamgrenzen anderer nicht verletzen, die eigenen austesten. Unsicherheit zeigen und Selbstironie entwickeln.

Denn Souveränität, das ist die tröstliche Botschaft dieses Essays, kann immer nur vorläufig sein. Die bewusste Begegnung mit der eigenen Scham und der Angst vor ihr kann, so Briegleb, "das Tor ins Glück" öffnen. Weniger pathetisch formuliert: Wir haben keine Chance gegen die Scham. Also: nutzen wir sie!

Till Briegleb: Die diskrete Scham. Insel Verlag, Frankfurt/M./Leipzig 2009, 176 Seiten, 14,80 Euro.

Auch interessant

Kommentare