Der Namensgeber von Krokodilopolis. 
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Der Namensgeber von Krokodilopolis. 

Romandebüt

Pavel Feinstein: „Krokodilopolis“ – Die Künstler und die Männer-Zähmerin

  • vonSimone Dattenberger
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Der Maler und Zeichner Pavel Feinstein legt seinen ersten Roman vor – „Krokodilopolis“ ist nicht nur frech und sehr gewitzt, sondern erzählt auch von der Utopie eines fast friedvollen Lebens.

Pavel Feinsteins „Krokodilopolis“ ist der erste Roman, der im Kunstbuchverlag Hirmer erscheint. Sozusagen entdeckt haben die Münchner den Berliner und gebürtigen Moskauer (Jahrgang 1960) allerdings als Maler und Zeichner mit dem Band „Pavel Feinstein – Das kleine Format“. Nun konnte man seiner Erzähllust nicht widerstehen – dem Lesepublikum wird es nicht anders ergehen. Fast mit einem Dauerlächeln im Gesicht gibt man sich dem Fabulierer hin, der seinen Text natürlich mit eigenen Zeichnungen illustriert: Ziegen, Schafe, Kamele, Frösche, Nilpferde und eben Krokodile.

Feinstein entführt uns ins Galiläa und Ägypten – mit Abstecher nach Karthago – des zweiten Jahrhunderts. Wir befinden uns in einem Vielvölker-Vielreligionen-Reich unter römischer Oberhoheit. Der „authentische“ Gewährsmann ist Shimon, den Feinstein mit einer passenden Fiktion einführt. Im Jahr 1936 fand man bei Kapernaum ein Grab samt Tonkrug – abgestoßene Aufschrift „Shimon ben S.“ – mit Schriftrollen und seltsamerweise einem Krokodil. Erst sehr viel später gelang es, die Papyri zu entziffern, da die Farbe längst abgeblättert war.

Feinstein folgt nicht nur der alten Erzähltradition der „Autobiografie“, sondern auch der des Schelmenromans, den er zum Künstlerroman und zur Gesellschaftssatire anreichert. Kein Wunder, dass er auf Biegen und Brechen die römischen Spötter Apuleius und Lukian im Erzählfluss unterbringt. Genauso wie allerhand lateinische Vokabeln. So lernt man alte Sprachen gern – mit viel Witz und Erotik,

Das spiegelt Shimons Lebensstrategie: Wie löse ich meine Probleme, wie erfülle ich meine Wünsche gewaltfrei? Das bedeutet für den Ziegenhirten, der nicht heiraten, aber Künstler werden will, zunächst, dass er sein Dorf, von den Römern „Anus Mundi“ (Arsch der Welt) genannt, verlassen muss. So beginnen seine Abenteuer mit einem rasanten Sex-Erfolg bei den Bacchantinnen der bereits komatös-ausgelaugten Bacchus-Priester, gerade wegen der doch peinlichen Ziegenfell-Beinlinge (Satyr/Faun!). Und sie enden am Ruhesitz des saturierten Künstlers, der es sich leisten kann, über Kunst zu philosophieren und seine Werke zu vergraben mit dem Wissen, „sie werden in aller Demut vor dem Einen in Ihm wieder aufgehen, in Ihm aufgelöst“. Dazwischen wird viel gearbeitet, Karriere gemacht und ausgiebig gefeiert.

Das ist nur möglich, weil der Ich-Erzähler die richtigen Partner und Freunde findet und Toleranz übt. Man respektiert den anderen, plant nicht nur den eigenen Vorteil ein, sondern immer auch den des anderen: So können Shimon und sein Freund Shlomo, der Bildhauer, nur gemeinsam mit der Töpferwitwe Ipsitilla – Stichwort: Know-how – und dem geschäftstüchtigen Sklaven Titus ihre Künstlerwerkstatt aufmachen.

Die blüht vor allem durch Votivgaben für die Tempel. Gliedmaßen aus Ton symbolisieren die Leiden. Männerleiden und das passende Glied – gern protzig dimensioniert – sind am lukrativsten. Mit der hinreißenden Domina Phryne, die die Legionäre reihenweise zu Lämmchen zurichtet, prosperiert das Geschäft so richtig.

Pavel Feinstein: Krokodilopolis. Roman. Hirmer Verlag, München 2020. 221 Seiten, 19,90 Euro. 

Ob Tempel der Paganim (die an die griechisch-römische Götterwelt glauben) oder der Ägypter, die Leistungen der Künstler, Kunsthandwerker und der Männer-Zähmerin werden gern genommen und gegeben, wobei die Juden dem „Einen“ treu bleiben. So kommt die Truppe in wechselnder Besetzung und wechselnder sexueller Ausrichtung nicht nur nach Alexandria, sondern auch nach Krokodilopolis, wo die Nilkrokodile verehrt werden. Totenporträts sind nun die sprudelnde Einnahmequelle für Shimon – und die Möglichkeit, künstlerisch zu reifen.

Pavel Feinstein und wir als seine Leser genießen sein frei schweifendes, unbeschwertes, doch wissenssattes Erzählen und, ohne boshaft zu sein, seinen Streifzug durch die Skurrilitäten der Religionen, selbst des Judentums. So schenkt er uns neben Humor und dezenter Frivolität auch die Utopie eines fast friedvollen Lebens.

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