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Das ist nicht Furth am See, denn das ist fiktiv, aber so könnte man sich Paulus Hochgatterers Schauplatz vorstellen.

Kriminalroman

Paulus Hochgatterer: „Fliege fort, fliege fort“ – Doch nicht der Rede wert

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Paulus Hochgatterers ruhiger, vielschichtiger, aber auch etwas unübersichtlicher Kriminalroman „Fliege fort, fliege fort“.

Ja“, sagt die junge Frau zur künftigen Kollegin, „ich bin neu.“ Gleich wird sie ihre erste Lektion lernen, der Direktor nimmt keine Rücksicht auf Angestellte, die neu sind. Und es wird die junge Frau (eine Erzieherin? eine Lehrerin?) so schockieren, welche Strafe der Direktor an einem Neuneinhalbjährigen vollzieht, der wegzulaufen versucht, dass über Jahre ein Racheplan in der einst jungen Frau reifen wird.

Und weil es sich bei ihr um eine Romanfigur Paulus Hochgatterers handelt, des österreichischen Schriftstellers und Kinderpsychiaters, des eben auch äußerst ambitionierten Krimi-Autors, gehört es zum Plan, dass ein Mädchen auf Anweisung ihrer Entführerin den berühmten Gretchen-Text aus dem „Faust“ auswendig lernen muss, der sie gruselt: „Meine Mutter, die Hur / Die mich umgebracht hat! / Mein Vater, der Schelm / Der mich gessen hat!“ Bei Goethe ward die Sprecherin ein „schönes Waldvögelein“, die letzte Zeile hat Hochgatterer als Romantitel gewählt: „Fliege fort, fliege fort“.

Der Autor ist nach „Die Süße des Lebens“ und „Das Matratzenhaus“ zum dritten Mal zurückgekehrt ins fiktive Furth am See, zurück zum im dortigen Klinikum arbeitenden Psychiater Raffael Horn, zu Kommissar Ludwig Kovacs. Aber man stelle sich „Fliege fort, fliege fort“ erneut nicht wie einen Kriminalroman vor, in dem am Anfang ein Mord passiert, der Kommissar und der Psychiater – als eine Art Profiler – dann eifrig zusammenarbeiten, um den Fall zu lösen.

Denn wo, das ist schon mal das erste Problem, wäre der Mord? Ein Mädchen ist verschwunden, sie könnte auch weggelaufen sein. Ein alter Mann hat sonderbare Verletzungen und behauptet, im Obstgarten von der Leiter gefallen zu sein. Eine alte Ordensschwester landet im Krankenhaus, sie will das Bewusstsein verloren und sich erbrochen haben. Aber es ist doch nichts, nicht der Rede wert, sagt sie. Doch offensichtlich hat sie Angst. An einer Wand ist ein großes Graffito aufgetaucht. Der Wagen eines Immobilienhais und rechten Politikers wird abgefackelt. „Security“-Leute in Schwarz sind allgegenwärtig; es ist durchaus beabsichtigt, an Neonazis zu denken. In Furth am See wohnen beileibe nicht nur nette Leute. Und, ach ja, bei einer Fronleichnamsprozession wird mit einer Zwille geschossen, die jedenfalls kein Kinderspielzeug war. Trotzdem, wo wäre der Mord?

Paulus Hochgatterer: Fliege fort, fliege fort. Roman. Deuticke, Wien 2019. 289 S., 23 Euro.

Durchaus ermittelt die Polizei, die Ergebnisse aber sind dünn. Horn hat in Sachen Graffito seinen jüngeren (Stief-)Sohn in Verdacht, der will sich an einer Kunstakademie bewerben und plant, eine riesige Installation in den Garten zu stellen. Was er angesichts von Farbdosen-Funden im Müll tun solle, will Horn von Tobias wissen. „Stillhalten“, sagt der. Und genau das macht der Psychiater dann.

Ausführlich erzählt Hochgatterer von zwei Männern in der Midlife-Krise, Horn und Kovacs, die mit selbstbewussten, attraktiven Frauen leben und mit dem leisen Zweifel, diese könnten sich jemand anderen suchen. Kovacs hat seltsame Anfälle, Ausfälle, Herzstolperer, seine Tochter vereinbart kurzerhand einen Arzttermin. Der Kommissar soll Tabletten nehmen und fühlt sich nun tatsächlich alt.

„Fliege fort, fliege fort“ ist (noch) unübersichtlicher als die beiden Vorgänger-Romane. Das liegt vor allem am vielzähligen, vielschichtigen Personal, zu dem diesmal die Jugendlichen gehören, die aktuell in dem Heim betreut werden, in dem einst Übles passierte. Hochgatterer gibt zwar jedem dieser jungen Leute und auch der Polizisten-Schar prägnante Eigenschaften, Ecken, Kanten, Ticks; doch ist er einer, der Vorgänge nicht erklärt, der Dialoge so schreibt, wie die Leute halt reden, der im Ganzen gleichsam pointillistisch arbeitet, bis sich am Ende ein Bild ergibt.

Manchmal denkt man also: Wer war das nochmal? Blättert zurück – oder gibt auf. Aber aufgeben wäre ein Fehler, denn erstens verbinden sich die Punkte dann doch aus der Über-Sicht, zweitens erreicht Paulus Hochgatterer dadurch, dass er auf gängige Krimi-Konstruktionen und -Wendungen verzichtet, eine Wahrhaftigkeit und Lebensnähe, wie man es nicht allzu oft zu lesen bekommt.

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