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„Früher bekam ich etwa einen Brief pro Woche, während der Pandemie waren es manchmal 20 Briefe“, sagt Paul Maar.

Sams-Erfinder

„Erinnerung besteht aus Pfützen“

  • vonCornelia Geißler
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Autor und Sams-Erfinder Paul Maar über die Macht der Fantasie, seine Kindheit ohne Bullerbü-Idylle und das Buch, in dem er jetzt davon erzählt.

Herr Maar, die naheliegendste Frage zuerst: Wie kamen Sie darauf, über sich selbst zu erzählen?

Ich hatte ziemlich genau vor einem Jahr, im August vergangenen Jahres, eine Herzoperation. Das ist, mit Anfang 80, schon eine Zeit, in der man über sich, sein Leben, über sein Schicksal nachdenkt. Und dann kam mich mein Sohn in der Rehaklinik besuchen und brachte seinen Literaturagenten mit. Mein Sohn schreibt ja auch.

Ja, Michael Maars nächstes Buch erscheint im Oktober bei Rowohlt.

Sein Agent sagte, wenn ich Ihr Agent wäre, würde ich Ihnen raten: Schreiben Sie kein weiteres Kinderbuch. Es gibt so viele Menschen, die das Sams kennen, die heute Eltern sind, auch Großeltern, die es vorgelesen haben. All die würden bestimmt gern wissen, wer diese Person hinter den Geschichten ist, erzählen Sie denen von sich. Ich fand die Idee gut und sagte ihm, dann müsse er allerdings auch einen Verlag dafür finden. Und so habe ich nun mit 82 Jahren erstmals einen Literaturagenten. In den verbleibenden Tagen in der Reha, wo ich außer Gymnastik, Massage und Spazierengehen nichts zu tun hatte, habe ich mich hingesetzt. Als ich wieder nach Hause kam, hatte ich schon die ersten 80 Seiten geschrieben.

Offenbar lag alles in Ihrem Kopf bereit und musste nur notiert werden.

Nein, ich war erstaunt, an wie viel Erinnerungen das Erinnern auslöste. So war ich im Herbst zur Aufführung eines Stückes von mir in Esslingen, übernachtete dort im Hotel und wachte mitten in der Nacht auf, weil mir auf einmal so vieles einfiel, was für das Buch wichtig war. Ich hatte damit nicht gerechnet, hatte also nicht einmal einen Block dabei. Da musste ich die Seitenränder und freien Blätter im Hotelverzeichnis nutzen und schrieb zwischen die Telefonnummern für die Rezeption und die Bar-Öffnungszeiten.

Wie haben Sie das Ganze dann geordnet?

Erinnerung ist ja kein stetiger Fluss, sondern besteht aus einzelnen Pfützen. Aber man kann vielleicht einen Stock in die eine stecken und eine Rinne zur nächsten ziehen, so hat man eine Verbindung zwischen zwei Erinnerungen, andere bleiben aber isoliert. So habe ich geschrieben, und mein Lektor hat mir ein bisschen geholfen, dies zu strukturieren.

Abgesehen vom realen Vorbild des schüchternen Herrn Taschenbier habe ich kaum etwas wiederentdeckt, was ich aus Ihren Kinderbüchern kannte. Haben Sie also beim Schreiben bisher nicht aus Ihrem Erleben geschöpft?

Meine Kindheit war keine sonnige Bullerbü-Kindheit wie bei Astrid Lindgren. Ich hatte unter einem schwierigen Vaterverhältnis zu leiden und hatte auch kaum Kinderbücher. Später habe ich mir eine Kindheit zusammenfantasiert, aus denen ich meine Geschichten bezogen habe.

Die Beziehung zum Vater schildern Sie auf bedrückende Weise und deuten auch späteres Verhalten als Ergebnis seiner Unerbittlichkeit. Aber lag es nicht auch an der Zeit, in der Sie aufwuchsen?

Genau, es ist diese ganze spießige Welt der 40er und 50er Jahre, die mich geprägt und erzogen hat. Ich hatte zwar eine liebevolle Großmutter in Obertheres, doch gleichzeitig war sie geradezu fundamentalistisch katholisch. Ich wurde gezwungen, morgens um 6 Uhr in die Frühmesse zu gehen und wehe, ich habe nur von fern ein Mädchen angeschaut, sofort wurde mir unterstellt, ich sei unkeusch. Unter dieser religiösen Erziehung hatte ich sehr zu leiden, ich musste erst lernen, mich zu meinem Körper und seinen Bedürfnissen zu bekennen und nicht alles gleich als schmutzig zu empfinden.

Wie kommt es, dass Sie im Buch auch ins Erwachsenenleben springen? Sie erzählen da von einem Aufenthalt zu einer Lesung in Moskau, da Sie im Hotel die Etagendiensthabende fürchteten.

Das habe ich angeführt, um zu zeigen, wie sehr diese Prägung bis ins Erwachsenenalter anhielt. Es war das krasseste Beispiel, das mir einfiel.

Zur Person

Paul Maar, 1937 in Schweinfurt geboren, studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und arbeitete zunächst als Lehrer. Bereits im Studium war er in den Ferien als Bühnenbildner und Theaterfotograf tätig, auch über das Theater kam er später zum Schreiben. „Der König in der Kiste“ hieß 1971 sein erstes Stück. Sein literarisches Debüt war drei Jahre zuvor die Geschichtensammlung „Der tätowierte Hund“. Den durchschlagendsten Erfolg brachten die Bücher über das ungezogene Fabelwesen Sams, die seit 1973 erscheinen. In seinem soeben herausgekommenen Buch erzählt Maar für Erwachsene aus seiner eigenen Kindheit: Wie alles kam. Roman meiner Kindheit. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2020. 22 Euro. 304 Seiten.

Ja, damit und mit dem Gefühl, ungesehen in der Ecke stehen zu müssen und quasi mit der Tapete verschmelzen. Wenn der Vater wutgeladen von der Baustelle nach Hause kam, wusste ich, ich muss unauffällig sein, sonst trifft sein Zorn zuerst mich, das schwächste Glied. So etwas prägt einen, dass man es ganz, ganz schwer wieder rausbekommt.

Bevor der Vater aus der Kriegsgefangenschaft kam, wohnten Sie einige Zeit in der Gastwirtschaft bei den Großeltern. Legte vielleicht der Trubel dort den Keim zum Geschichtenerzählen bei Ihnen?

Da genügt ein einfaches Ja als Antwort.

Ihre Frau Nele Maar hat lange als Familientherapeutin gearbeitet. Haben Sie mit ihr je diese Erlebnisse besprochen und auch die Frage, wie so etwas in Kinderbücher fließen kann?

Als meine Frau noch nicht an Alzheimer erkrankt war, gab es zwischen uns einen regen Austausch zu all diesen Themen. Sie konnte mich nicht nur beraten, wir sind gemeinsam im Gespräch weitergekommen, ob eine Situation glaubwürdig ist oder nicht. Ich bedaure sehr, dass das nicht mehr möglich ist.

Auch mit der Erkrankung Ihrer Frau sprengen Sie den Rahmen des Romans Ihrer Kindheit.

Einen Roman nenne ich das Buch ganz bewusst, es ist keine Biografie. Ich springe in der Zeit, ich führe Figuren ein, deren Geschichte ich erzähle, ob es die merkwürdige Begabung der Mutter meiner Stiefmutter war, die Geistererscheinungen hatte und Dinge voraussehen konnte oder das Schicksal meines Bruders. Ich dachte, ich muss auch von der Gegenwart erzählen, von der Krankheit meiner Frau. Und ich hatte dafür auch eine schöne Überleitung, weil sie in ihrer Vorstellung heute manches Mal sich in ihre Schulzeit zurückversetzt fühlt und sagt, sie treffe gleich den Paul. Wir haben uns tatsächlich in der Schule kennengelernt. Und ich kann dann nicht nur von der Schule erzählen, sondern auch davon, wie sehr mir meine Frau geholfen hat, der zu werden, der ich bin.

Kann man das so sagen: Sie war Ihre Rettung aus der Kleinbürgerwelt?

Hätte ich diese Schauspielerfamilie nicht kennengelernt, nicht Neles Bruder Michael Ballhaus, mit dem ich Filme gedreht und Theaterstücke geschrieben habe für das Theater meines Schwiegervaters, dann wäre ich vielleicht verhaftet geblieben in diesem provinziellen Schweinfurter Milieu. Dann hätte ich mich sogar breitschlagen lassen, das Geschäft meines Vaters zu übernehmen und wäre irgendwann wahnsinnig stolz gewesen, wenn ich meine Aquarelle hätte in der Volkshochschule ausstellen können.

Stattdessen werden Ihre Bücher heute von Kindern in der ganzen Welt gelesen. Gerade auch sie haben viele Wochen zu Hause gesessen wegen der Corona-Pandemie. Wie denken Sie darüber?

Als Kind ist es einem nicht so bewusst, aber das Wichtigste, was man im Leben bekommen kann, ist Bildung. Ich beobachte leider schon lange, dass die Kluft zwischen den Lesekindern und den Nichtlesern immer größer wird. Aber, auch das hat die Corona-Zeit gezeigt: Früher bekam ich etwa einen Brief pro Woche, jetzt waren es manchmal 20 Briefe. Die Kinder schrieben mir zum Beispiel, wie gut ihnen das Sams gefällt oder dass sie wie in „Lippels Traum“ versuchen, Geschichten weiterzuträumen. Da hatte ich einiges zu tun, denn ich beantworte alle handschriftlich und gehe auf sie ein. Es muss gewürdigt werden, wenn ein Kind die Initiative ergreift, so einem fernen Menschen, einem Schriftsteller, zu schreiben.

Nachzutragen wäre noch, dass Sie sich nicht ganz an den Ratschlag des Literaturagenten gehalten haben, denn ein neues Sams-Abenteuer ist gerade erschienen.

Und im Oktober kommt ein Bilderbuch von mir, „Die goldene Schildkröte“, mit wunderschönen Illustrationen von Eva Muggenthaler.

Interview: Cornelia Geißler

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