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Paul Celan, als Paul Antschel 1920 in der Bukowina geboren, 1970 in Paris gestorben.

Interview

Paul Celan: Ich sehe seine Hellsichtigkeit, bei anderem denke ich einfach: er übertreibt

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Zum 50. Todestag von Paul Celan: Der Autor und Übersetzer Klaus Reichert über seine Erinnerungen an den Dichter und über das Recht des Gedichts auf einen Rest von Geheimnis.

Klaus Reichert, 1938 in Fulda geboren, ist Übersetzer, Lyriker und Essayist. Er war als Verlagslektor tätig, von 1975 bis 2003 hatte er eine Anglistik-Professur in Frankfurt. 2010 wurde er mit der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt geehrt, bis 2011 war er Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. 

Der Dichter Paul Celan, 1920 in Czernowitz geboren, verlor im Holocaust seine Eltern, überlebte die Zwangsarbeit in mehreren Lagern und zog 1948 nach Paris, wo er sich vor 50 Jahren im April 1970 das Leben nahm. Am 23. November jährt sich auch sein Geburtstag zum 100. Mal. Klaus Reichert, der mit ihm befreundet und sein Lektor im Suhrkamp Verlag war, legt nun den Band „Paul Celan. Erinnerungen und Briefe“ vor, in dem man aus Erinnerungen und Briefwechsel vieles über Paul Celan erfährt – aber auch allgemein über die 50er und 60er Jahre.

Herr Reichert, es gibt in jeder Epoche Dinge, die prägend für sie sind, aber in den Geschichtsbüchern selten auftauchen. Sie schreiben über sich und Paul Celan: „Wir redeten uns stets mit Vor- und Nachnamen an, niemals mit ‚Herr‘. Ich verstand das als ein Zeichen des Vertrauens, des Zutrauens, ja, einer Zutraulichkeit, der ich gewachsen sein wollte.“ Heute ist man in Literatenkreisen per Du. Wie würden Sie die Umgangsformen damals beschreiben?

Man hat sich automatisch, immer, gesiezt. Ich habe mich erst nach langem Kennen mit einem Kommilitonen geduzt, mit allen anderen gesiezt. Wir haben uns im Verlag – wir waren ja Linke, quasi Sozialisten – alle gesiezt und mit Herr angeredet. Celan hat nur Schriftstellerkollegen mit Vor- und Nachnamen angeredet, Siegfried Unseld immer mit „Herr Dr. Unseld“ und die anderen Lektoren mit Herr Michel, Herr Widmer, Herr Urban usw. Aber das mit Vor- und Nachnamen bei Schriftstellerkollegen war eine Eigenheit von Paul Celan. Ich kannte Max Frisch ganz gut und habe ihn angeredet mit „Max Frisch“, und das fand er sehr verwunderlich. Oder Walter Boehlich: Wir hatten im Elsass ein Haus zusammen, wir haben ihn im Nachthemd gesehen und ohne Zähne, aber natürlich hat man sich gesiezt.

Nun zu Ihren Erinnerungen an Celán …

Célan. Er hat immer Wert darauf gelegt, dass der Name vorne betont wird.

An Célan. Sie schreiben, wie Sie auf einer Konferenz kurz nach Celans Tod erklärten, eine kommentierte Ausgabe erscheine Ihnen zunächst wichtiger als eine kritische, „weil man bei den Freunden und Bekannten Celans nachfragen könnte, welche Hinweise zu einzelnen Gedichten – biographische, sachliche, zu seinen Lektüren – er ihnen vielleicht gegeben hätte. Der Vorschlag wurde leider nicht aufgegriffen.“ Ist dieses Versäumnis durch Ihre und andere Erinnerungen zu korrigieren?

„Wir haben wunderbare Abende verbracht. Das hatte natürlich nichts, sagen wir mal, Kumpelhaftes. Man konnte keinen Smalltalk mit ihm machen“.

Klaus Reichert über Paul Celan

Es ist zu spät, viel zu spät.

Es ist also viel Wertvolles verloren gegangen?

Ja ... Kritische Ausgabe, du lieber Gott, das muss doch nicht sein – doch, schon, irgendwann einmal, aber ich weiß ja von Celan, dass er alles aufgehoben hat. Meine Hoffnung war, dass Celan Beda Allemann, den er beauftragt hatte, seine Gesamtausgabe zu machen, etwas erzählt hatte, auch Gadamer, Peter Szondi, Bernhard Böschenstein – selbst Heidegger war noch am Leben, und die waren ja immer wieder zusammen gewesen. Viele werden von ihm etwas gehört haben, daher: Alle fragen, fragen, fragen. Er selbst hat bei Fragen eigentlich abgewehrt – das stehe alles im Gedicht. Aber wenn er selber anfing, Erläuterungen zu geben, dann spitzte man die Ohren. In einem frühen Gedicht, „Ein Knirschen von eisernen Schuhn ist im Kirschbaum“, heißt es: „verschläft er die Schlacht und den Sommer“ – „Ja, das bezieht sich auf meinen Vater, der ist während einer Schlacht im Ersten Weltkrieg eingeschlafen“. Winzige Details, die aber ganz wichtig sind. Und das ging nur über den privaten Verkehr.

Es gibt das wunderbare Erinnerungsbuch, in dem Ihre Frau Monika Reichert darüber schreibt, wie Sie beide jahrzehntelang Frankfurter und auswärtige Schriftsteller, Künstler, Intellektuelle zu Besuch hatten. In Ihren Erinnerungen an Celan sieht man Sie ganz am Anfang dieser „Karriere“. Wie war es für Sie, als Sie wussten, Sie würden gleich Paul Celan zu Gast haben?

Wir haben ihn ja geradezu geliebt, und freuten uns immer, wenn er kam, nur wurde es eben schwierig – ich habe immer mit Szondi telefoniert, in welchem Zustand er sich befand. Dadurch wurde es etwas gehemmt. Aber wir haben wunderbare Abende verbracht. Und er hatte auch eine große Zutraulichkeit. Das hatte natürlich nichts, sagen wir mal, Kumpelhaftes. Man konnte keinen Smalltalk mit ihm machen.

Einmal hat er aber unterwegs ausgelassen die Internationale gesungen …

Ja, das war großartig! Er hat gegrölt, ich habe das ja alles beschrieben.

Auch wie er durch die „Farben der ukrainischen Faschisten“ jäh in die Nüchternheit zurückversetzt wurde.

Ja, zufällig waren das auch die Farben der FDP, deren Wahlplakat wir unterwegs sahen. Als er das sah, da war es für ihn auch vorstellbar, dass wir die Faschisten hier wieder haben würden. Ich bin ihm gegenüber in diesen Dingen ambivalent: Manchmal denke ich, er war halt viel hellsichtiger als ich, hellsichtiger sogar als seine Altersgenossen, die Soldaten gewesen waren, wie der ehrenwerte Heinrich Böll. Böll war eine ganz ehrliche Haut, aber aus Gedankenlosigkeit möglicherweise hat er auch Sachen gesagt, die Celan entsetzlich fand – einmal wirft er das Böll auch vor, worauf dieser ihm schrieb, dass das eine Unverschämtheit sei. Später haben sie sich versöhnt, weil Celan erkennen musste, was für ein Mensch ohne Arg und Falsch Böll war. Die Hellsichtigkeit sehe ich in manchem, bei anderem denke ich einfach: er übertreibt.

Sie schreiben viel über die Gesellschaft der 50er, 60er Jahre. Von vielen wichtigen Dingen weiß in späteren Generationen kaum jemand, zum Beispiel vom Umgang mit Alain Renais’ „Nacht und Nebel“, dem ersten Dokumentarfilm über den Holocaust, dessen Teilnahme an den Festspielen von Cannes auf Betreiben der Bundesregierung abgesagt wurde. Inwieweit ist das Wissen um jene Zeit wichtig, um zu verstehen, was heute passiert?

Klaus Reichert.

In den 50er Jahren stand das Verschweigen dieses Massenmordes in einem Wechselverhältnis zum Wirtschaftswunder, also: Je bedeutsamer das Wirtschaftswunder war, desto stärker war die Verdrängung. Ich habe mit 15 das Tagebuch der Anne Frank gelesen, war erschüttert und wollte mit meinen Lehrern darüber sprechen, aber das war nicht möglich. „Jaja, das war blöd damals, aber wir müssen nach vorne schauen.“ Vielleicht wäre es in Frankfurt anders gewesen, ich bin ja in einem Provinznest aufgewachsen ...

... in Gießen ...

Ich habe als Kind auch diese Gedankenlosigkeiten mitbekommen, die so im deutschen Sprachgebrauch waren, „ach, den haben sie vergessen zu vergasen“ – da dachte man nicht weiter darüber nach, das hieß einfach, „wozu brauchen wir den denn noch“. Die Gießener Universität war so braun gewesen, dass sie nach dem Krieg geschlossen werden musste, die war nicht zu reformieren! Zuhause, mit meinen Eltern, da haben wir viel über die Verbrechen des Nationalsozialismus gesprochen. Aber die ersten Bilder, die Leichenberge habe ich eben in „Nacht und Nebel“ gesehen, im Sommer 1958, in meinem ersten Semester in Marburg in einem Studentenkino. Die Texte zum Film hatte Celan übersetzt, allerdings nicht so, wie sie im Original sind, sondern in Zeilen gebrochen, also schon wie ein großes Poem. Im gleichen Sommer in Marburg ging mein Zimmer hinaus auf eine Straße, auf der lauter Burschenschaftenhäuser standen, aus denen Stimmen grölten von Burschenherrlichkeit und wunderbarem deutschen Volk; da war das noch da. Dass das jetzt so virulent wird, das ist nicht ein Wiedererstarken, sondern eine Kontinuität. Auf einmal wagen diese Leute sich raus.

Es gibt einen Brief von Ihnen an Celan, in dem Sie sich fragen, was der Grund für sein Schweigen sein könnte, nachdem Sie versucht haben, ihn für eine Lesung in Marburg zu gewinnen. Sie mutmaßen, die – Sie beschämende – politisch-gesellschaftliche Lage in der BRD könnte der Grund sein.

In seiner sehr freundlichen Antwort schreibt Celan: „die Niedertracht ist wieder da, die Verlogenheit, die Hitlerei“ – sie ist bruchlos dagewesen. Das war ein halbes Jahr, das schreibe ich ja auch in einer Fußnote, vor dem ersten Erschrecken, das man in Deutschland bekam, als am Heiligabend 1959 die Synagoge in Köln geschändet wurde.

Sie waren in der zweiten Hälfte der 60er Celans Lektor bei Suhrkamp. Man kann ja nicht sagen, dass er damals in Deutschland keinen Erfolg gehabt hätte.

Doch, das kann man schon sagen. Celan spielte in diesen Jahren keine Rolle. Es gab einige, die ihn außerordentlich geschätzt haben. Auch Unseld hat ihn gefördert, wie Celan mir gegenüber immer wieder sagte. Ansonsten interessierte sich im Verlag niemand für ihn. Die anderen Lektoren hatten anderes im Kopf, wir haben ja das „Kursbuch“ herausgegeben, die Edition Suhrkamp ... Das waren politische Handreichungen, für die jungen Menschen vor allen Dingen, im Hinblick auf eine Änderung der Gesellschaft. Celans Gedichte passten in dieses Programm überhaupt nicht hinein, und daher hat er eigentlich keine Rolle gespielt. Dass die jetzt immer größer wird, hat mit ganz anderen Dingen zu tun.

Er selbst hätte das mit dem Hineinpassen wahrscheinlich anders gesehen. Sie erinnern sich ja, wie er einmal – in Bezug auf den stalinistischen Kontext – meinte, der wichtigste Akt des Widerstands sei eine Shakespeare-Übersetzung durch Samuil Marschak gewesen.

Er empfand das, was er, Celan, machte, als wichtig in diesem Sinne, auch wenn es an der Oberfläche nicht politisch war. Ein „engagiertes“ Gedicht hingegen konnte er nicht ernst nehmen, das war einfach ein in Zeilen gehackter Leitartikel, der an einer anderen publizistischen Stelle vielleicht einen Sinn gehabt hätte, aber nicht im Gedicht!

Sie schreiben über Ihre ersten Lektüren von „Sprachgitter“: „Die Verse hatten eine eigene Evidenz, jenseits des Darstell- oder ins Verstehen Übersetzbaren, waren ein herrliches Bild, das die Frage nach der Bedeutung wie ein Sakrileg erscheinen ließ.“ Aber inwieweit ist Verstehen überhaupt ein nötiges Anliegen?

Das Buch

Klaus Reichert, „Paul Celan. Erinnerungen und Briefe“, Suhrkamp, Berlin 2020. 28 Euro, 297 Seiten.  In Buchformist der Titel für den 15. Juni angekündigt, nachdem Suhrkamp seine April-Erscheinungen zunächst lediglich als E-Books anbietet. Das E-Book kostet 23,99 Euro. 

Ich bin dazu gekommen im langen Leben, als Hermeneut oder Interpret, dass am Ende jede Interpretation eines bedeutenden Werkes, also auf dem Niveau von Hölderlin oder Kafka, dem Werk zu nahe tritt. Dass man es in seiner „Geheimnishaftigkeit“ stehen lassen sollte. Dass das Interpretieren bis zu einem gewissen Grad etwas erhellen kann, aber dadurch auch manches zerstört. Ich will es mal ganz andersherum sagen: Als ich 20 war und angefangen habe, „Finnegans Wake“ zu lesen, habe ich gesagt: Na ja, wenn ich 40 bin, werde ich das Buch verstanden haben. Ich habe in den 20 Jahren viele Aufsätze geschrieben, davon gibt es auch einen Band, „Vielfacher Schriftsinn – Zu ,Finnegans Wake‘“. Ich bin 40 geworden und habe nichts verstanden. Und ich habe mir gedacht, nein, ich kann mich erfreuen am Erfindungsreichtum von Joyce und wie es ihm gelingt, uns dazu zu bringen, immer wieder neu diese Nüsse zu knacken – das habe ich mit Studenten sieben Jahre lang betrieben. Am Anfang war ich der Lehrer, und später waren wir alle gleich; dieser war dafür zuständig, jener dafür, der war Entomologe, der Talmudist, usw. Aber die Bedeutung dieses Buches, wie man bei „Ulysses“ von einer Bedeutung oder einem Zusammenhang sprechen kann, die haben wir alle nicht gefunden. Das ist für mich beispielhaft für ein unglaublich anspruchsvolles Werk, das alle „Verstehensinstrumente“ aufruft, um am Ende nirgendwohin zu kommen.

Was würden Sie also jemandem, der die Aufgabe hat, die Lektüre von Gedichten anzuleiten, zu „prüfen“, raten, wenn dieser Jemand zur Einsicht kommt, dass man, einmal ganz platt gesagt, auch die Nicht-Verstehbarkeit eines Werkes wertschätzen sollte?

Ich habe das natürlich zu allgemein gesagt. Sie können eine Ballade mit 14-Jährigen lesen und erklären, worum es geht, und auch, wie das gemacht ist. Das Verstehen eines lyrischen Gedichts ist etwas anderes als das eines erzählenden Gedichts. Man kann jungen Menschen einige Herangehensweisen zeigen, über den Aufbau, den Hintergrund. Ist das eine Entwicklung, ist das ein Zustand, ist es etwas Atmosphärisches? Aber man sollte ihnen auch klarmachen: Letzten Endes lässt ein Gedicht nur bis zu einem gewissen Grade zu, dass man sich darüber Gedanken macht. Es muss ein Rest bleiben, mit dem das Gedicht sich in sein Geheimnis zurückzieht.

Interview: Daniel Jurjew

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