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Am Anfang steht ein Auftrag für einen jungen Detektiv.
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Am Anfang von „Unsichtbare Tine“ steht ein Auftrag für einen jungen Detektiv.

Literaturnobelpreisträger

Patrick Modiano: „Unsichtbare Tinte“ – In der Dunkelkammer der Erinnerung

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Patrick Modiano interessiert sich in „Unsichtbare Tinte“ für Leerstellen, die der Mensch in der Welt, aber nicht in sich selbst erwartet.

Erinnerung ist eine tückische, aber emsig arbeitende Riesin im Hirn, auf die der Mensch sich verlässt, weil sie ihm näher steht als alles andere, ein Teil von ihm ist (seine Vergangenheit, die von vorhin und die von 1970 oder 2000 oder je nachdem) und zu den Fakten auch die Gefühle zu bieten hat. Ein komplettes, plausibles Paket. Wo Lücken entstehen, füllt das Gedächtnis, ihr Kumpan, bereitwillig auf. Oder verhindert, dass der Mensch an die Lücke denkt. „Ich war nicht argwöhnisch“, sagt der Erzähler über sich als junger Mann: „Wenn ich an die Zukunft dachte, sagte ich mir, nichts würde verlorengehen von all dem, was ich erlebt hatte.“

Dabei stimmt das schon zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Da die Erinnerung ihn bereits trügt, geht es nun um eine Geschichte, die gar nichts mit ihm, dem Anfänger im Erwachsenenleben, zu tun zu haben scheint. Eine „ungelöste Geschichte“, so nennt es sein neuer Chef, der eine Detektei leitet und den jungen Mitarbeiter offenbar erst einmal ausprobieren will.

Nach einer verschwundenen Frau namens Noëlle Lefebvre soll er suchen, es gibt Anhaltspunkte, er findet weitere, aber es ist ein ziemliches Kuddelmuddel. Namen, Adressen, Leute, die ihm andere Namen und andere Adressen nennen. Auch ein mysteriöses Notizbuch taucht – Potzblitz – in einem Geheimfach auf, weitere Namen, weitere Adressen.

„Unsichtbare Tinte“ führt in eine labyrinthische, bald einsame Suche

Schon die Karteikarte des Chefs scheint seltsam hudelig zu sein, der Erzähler stochert unsystematisch weiter, allerdings beharrlich. Als der Chef ihn von der „Geschichte“ abzieht, ist er erleichtert, aber nicht, weil er sie damit los wäre, im Gegenteil: „Jetzt ging sie nur noch mich etwas an. Ich war ihm keine Rechenschaft mehr schuldig. Er ließ mir freie Hand.“

Zwischendurch wundert sich der Erzähler, warum ihn der Fall, die Geschichte, die „Leerstelle“ so interessiert. Aber dann denkt er nicht mehr daran.

Das Buch:

Patrick Modiano: Unsichtbare Tinte. Roman. A. d. Franz. v. Elisabeth Edl. Hanser, München 2021. 142 S., 19 Euro.

Im französischen Titel des neuen Romans von Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano schwingt noch mit, dass es auch um Zuneigung gehen könnte. Dabei heißt „Encre sympathique“ nichts anderes als „Unsichtbare Tinte“, die ursprünglich aber nicht nur Spionageringen half, sondern auch Liebespaaren. Im Buch selbst ist sie eines der Bilder, die den Erzähler bei seiner Suche nach Noëlle Lefebvre in den Sinn kommen: „Während ich versuche, Ordnung in meine Nachforschungen zu bringen, beschleicht mich ein seltsames Gefühl. Mir ist, als wäre alles schon geschrieben, mit magischer Tinte.“

Ein anderes Bild: Ein Cabrio, von dem ihm erzählt wird, erscheint allmählich vor seinen Augen, wie beim „Entwickeln eines Fotos in der Dunkelkammer“. Oder (so denkt eine Frau in einem wieder ganz anderen Moment): Ein Name kann sein wie „ein schwächer werdendes Blinken, wie das eines Leuchtturms, wenn man sich vom Ufer entfernt“.

Glasklar und geradeaus übersetzt Elisabeth Edl „Unsichtbare Tinte“ von Patrick Modiano

Die Vergangenheit ein Rätsel („zum Beispiel Etruskisch“), die Erinnerung keine Hilfe dabei. Einerseits liefert sie falsche Gewissheiten – dass der Erzähler zum Beispiel Noëlle Lefebvre, von der es nur ein Foto gibt, noch nie im Leben gesehen habe –, andererseits sind all die, bei denen der Jungdetektiv höchst schüchtern und verlegen Erkundigungen einzieht, auf Nachfrage ihrerseits schnell unsicher. „Unsichtbare Tinte“, so schmal das Buch ist und so glasklar und geradeaus Modianos Sprache in der Übersetzung von Elisabeth Edl erscheint, erweist sich als Labyrinth, in dem nicht nur der Erzähler herumstolpert, sondern auch sein Publikum sich nicht zurechtfinden wird.

Das ist nicht bedrohlich (kaum bedrohlich), es macht nur plastisch, wovon erzählt wird. Die Handlung und Noëlle Lefebvre sind dabei offenkundig (vermutlich) weit weniger wichtig, als die mäandernde Struktur der nicht in die Gänge kommenden Erinnerungen. Diese Struktur stellt also den Zustand und Verlauf einer Erinnerungssuche nach, ohne selbst dabei ins Stammeln zu kommen oder atemlos zu werden. Im Gegenteil herrschen Eleganz und fast ein Plauderton.

Wann genau, zu welchem Zeitpunkt der Handlung schreibt der Erzähler eigentlich für uns auf, was er weiß? Selbst das ist nicht einfach zu beantworten. Chronologie, sagt er einmal, spiele bei ihm keine Rolle.

Man darf sich den Erzähler in „Unsichtbare Tinte“ gleichwohl nicht als Besessenen vorstellen. Die Geschichte lässt ihn nicht los, aber außerhalb des Buches scheint er auch sein Leben zu führen. Jedenfalls behauptet er das. Ebenso ist die Lösung der Geschichte – es gibt eine Lösung, eine Art Lösung, eine unerwartete Wendung – unspektakulär, obwohl man schon staunt. Während der Erzähler übrigens am Ende noch im Dunkeln tappt. Aber das wird sich bald ändern.

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