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Eine Aktion in São Paulo erinnert an die Misshandelten und Ermordeten. Von Gewalt gegen Frauen erzählt Patrícia Melo in ihrem Roman „Gestapelte Frauen“.
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Eine Aktion in São Paulo erinnert an die Misshandelten und Ermordeten. Von Gewalt gegen Frauen erzählt Patrícia Melo in ihrem Roman „Gestapelte Frauen“.

Gewalt gegen Frauen

Patrícia Melo: „Gestapelte Frauen“ – Txupira, Carla – viele, viele, viele

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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„Gestapelte Frauen“: Die Brasilianerin Patricia Melo hat einen wütenden Roman über Gewalt gegen Frauen geschrieben.

Wir, sagte sie, wir Frauen, Icamiabas, Mütter, Mestizinnen, Schwestern, Amazonen, Schwarze, Marias, Lesben, Töchter, Indigene, Mulatinnen, Enkelinnen, Weiße, wir sprießen aus der Erde, zitternd vor Hass, rachedurstig“: Nicht nur, wenn Patrícia Melos Ich-Erzählerin den Pflanzensud Ayahuasca getrunken hat, hat sie Visionen. Und keineswegs hat sie nur solche von Kraft, Feuer und Wut der Frauen, sie zählt auch Name um Name auf, derer, die misshandelt, verstümmelt, ermordet wurden. Ihre Körper, wenn man sie stapelt, bilden Berge von Leichen, Flüsse von Blut. (Im Schnitt alle sieben Stunden wird in Brasilien eine Frau getötet, meist von ihrem Partner.)

Die Schriftstellerin Patrícia Melo, Jahrgang 1962, hat schon so manchen nachtschwarzen, schrägen, auch satirischen Kriminalroman geschrieben. Diesmal ist ihr Ton ein anderer, dringlicher, glühender, manchmal verzweifelter. Immer wieder geht ihr Text über in eine Art Litanei, in eine Beschwörung, einen Rap-Gesang, eine Beschimpfung auch. In obigem Zitat sind die Frauen (oder sind es ihre Geister?) schließlich hinter Männern her, „hinter dir her, böser Mann, gemeiner Mann, Ausbeuter, Missbraucher, Vergewaltiger, Frauenschläger, Mörder, Psychopath“.

Eine junge, namenlose Anwältin aus São Paulo wird in die Provinz Acre geschickt, um dort Fragen zu stellen und Daten zu Prozessen zu sammeln, in denen Männer angeklagt sind, die Frauen Gewalt angetan haben. Warum ausgerechnet sie, fragt sie sich, die Traumatisierte, da ihr Vater einst ihre Mutter ermordet hat. Doch bald führt sie eifrig und Fall um Fall, Mord um Mord ein, wie sie es nennt, Heft der gestapelten Frauen. Einer dieser Fälle ist der des indigenen Mädchens Txupira, von drei weißen jungen Männern vergewaltigt und dann umgebracht. Sie werden freigesprochen, ihre Familien haben hier was zu sagen; aber dann liegen die Männer in ihrem Blut. Und Txupiras Mutter beteuert, es sei durch einen Zauber geschehen.

Das Buch

Patrícia Melo: Gestapelte Frauen. Roman. A. d. Portug. v. Barbara Mesquita. Unionsverlag, Zürich 2021. 256 S., 22 Euro.

Was passiert tatsächlich, was ist eine Rache-Fantasie der Anwältin? Schließlich fährt sie bald regelmäßig ins Indigenendorf, nimmt an Ritualen teil. Schließlich muss auch sie Angst haben vor einem Mann, der ihr, als sie ihn auf einer Party kennenlernte, „im gleißenden Licht“ erschien, als „ein Yoga praktizierender Staatsanwalt mit einer Doktorarbeit über Wittgenstein“. Er ohrfeigt sie, stalkt sie, sie, die „vergiftet“ war von ihren Hormonen, muss nun vorsichtig und listig sein, um ihn zu überleben.

„Gestapelte Frauen“ ist nicht leicht zu ertragen, besonders für eine Leserin, aber doch wohl auch für einen Leser. „Nutte. Schlampe. Hündin, Hure. Dirne. Flittchen. Endlose Variationen.“ Ja, es sind endlose Variationen auch von (keineswegs erfundener) Gewalt auf diesen Seiten, Gewalt, mit der Frauenkörper geschlagen, gewürgt, gestochen, gemetzelt, verbrannt, zerfetzt werden. Aufgehängt. Die Treppe hinuntergestoßen. Es ist ein Roman, gewiss, aber ihm liegen doch viel zu viele tatsächlich stattgefundene schreckliche Morde zugrunde.

Gerechtigkeit bleibt aus

Das Thema Frauenhass muss Patrícia Melo auf den Nägeln gebrannt haben, die abertausenden Femizide (beileibe nicht nur in ihrem Land) müssen sie bis in ihre Alpträume verfolgt haben, wie sie ihre Hauptfigur verfolgen. Melo hat daraus einen dichten, dunklen, vor Emotionen flimmernden Text gemacht. „Alceu tötete Eudineia, und Heroilson tötete Iza, und Wendeson tötete Regina, und Mercelo tötete Soraia“ – es geht weiter und immer weiter, Gerechtigkeit geschieht nicht. Bei all diesen Verbrechen, schreibt Melo, notiert sich die junge Anwältin, „dauerte die Gerichtsverhandlung keine drei Stunden“. Vielleicht darum hat die brasilianische Autorin nun ein mächtiges Plädoyer gehalten.

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