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Paris - die Sinfonie der Großstadt: Moï Vers Fotobuchklassiker ist auferstanden

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Von: Daniel Kothenschulte

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Eines Tages wird sich der Verleger Gerhard Steidl aus Göttingen nicht mehr damit zufrieden geben, die Konsistenz eines siebzig Jahre alten Papiers zu

Eines Tages wird sich der Verleger Gerhard Steidl aus Göttingen nicht mehr damit zufrieden geben, die Konsistenz eines siebzig Jahre alten Papiers zu erforschen und zu rekonstruieren oder eine vergessene Gravüretechnik wiederzubeleben. Wie mag ein altes Buch gerochen haben, wird er fragen, als es neu war? Welchen Klang vermochte ein Buchbinder seinen Seiten beim ersten Abblättern zu entlocken?

Die Wiederauferstehung des Paris-Bandes des ehemaligen Bauhausstudenten und späteren Bildreporters Moï Ver (Moshé Raviv-Vorobeichic) ist ein kleines Wunder der Vollkommenheit, ein Bekenntnis, dass in der Buchkunst nichts je vergessen werden darf. Wahrscheinlich gibt es nur einen Sammler auf der Welt, der ein besseres Exemplar besitzt, und das ist Karl Lagerfeld, nach dessen Nummer 1 von 1000 der Erstausgabe dieser Reprint in gleicher Auflage gefertigt wurde.

Für einen Avantgardisten wie Fernand Léger, der 1931 das Vorwort schrieb, war die Sache klar: Wie der Film, dem er sich kurz zuvor mit seinem ballet mécanique gewidmet hatte, sollte auch die Fotografie ihren gleichwertigen Part spielen beim universalen Großprojekt einer künstlerisch umgeformten Wirklichkeit. Moï Ver war ein Neuzugang der Pariser Avantgarde und voller Ideen für die junge Gattung des Fotobuchs, von denen allerdings nur diese eine Gestalt annehmen konnte. Ähnlich Germaine Krulls stilbildenden Mappenwerk Métal von 1928, das im vergangenen Jahr ebenfalls in einer edlen Neuausgabe erschien, ordnet auch er das Einzelbild einer der filmischen Montage ähnlicher Serialität unter. Ohne Vorbild aber ist sein Verfahren der Überlagerung, sei es als fotografische Doppelbelichtung, sei es als Arrangement im Druck, die das Einzelbild einer vollkommenen Auflösung unterwirft.

Der Betrachter durchstreift mit ihm in diesem Bildpoem die Pariser Parks und Straßenpflaster, die Ufer der Seine und sogar ihre Wellen in einem rauschhaften Sog, der wie eine musikalische Komposition entwickelt wird. Wie Ruttmanns Berlin-Film, mehr noch Vertovs Der Mann mit der Kamera huldigt Moï Ver der Großstadtdynamik als einzigem Bewegungsrausch.

Anders als diese Seelenverwandten jedoch interessiert er sich wenig für das Imposante, Monumentale der eigenen Kunstfertigkeit im Umgang mit dem technischen Apparat und dessen kühle Wucht. Seine im steten Fluss bewegten Mehrfachbilder entfalten dagegen eine Ebene der Innerlichkeit, die sich die Fotografie in späteren Jahren erst noch würde erschließen müssen. An Kerteszs New York, ja mehr noch den Japaner Daido Moriyama mag man denken, um etwas ähnliches zu finden.

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