Takis Würger

Parallelwelten

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Der Autor Takis Würger spricht im Frankfurter Literaturhaus über seinen Roman „Stella“.

Wer Streit erleben wollte, wurde enttäuscht. Der Autor Takis Würger, dem einige Rezensenten nach Erscheinen seines Buches „Stella“ – bildlich gesprochen – hart unter die Gürtellinie getreten hatten, stellte sein Buch über die als „Greiferin“ bekannt gewordene Jüdin Stella Goldschlag in einer rundum wohlwollenden Atmosphäre im Literaturhaus Frankfurt vor. Moderatorin Carolin Callies, selbst Lyrikerin, näherte sich dem 1985 Geborenen mit Umsicht und Respekt. Auch Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses, bekräftigte in der Einführung seine positive Entscheidung für Autor und Buch, die er lange vor dem Feuilleton-Sturm getroffen hatte. Der große Lesesaal war komplett gefüllt, der Büchertisch nach der Lesung leer gekauft.

Worin besteht nun das „Vergehen“, das man Takis Würger unterstellt? Bestätigt sich die Behauptung, er habe tragische jüdische Schicksale für Profitinteressen missbraucht und noch dazu schlecht recherchiert? Carolin Callies fragt, ohne sich diese Unterstellungen zu eigen zu machen. Würger, der auch als „Spiegel“-Redakteur tätig ist, beschreibt, wie er über zweieinhalb Jahre hinweg im Landesarchiv Berlin stapelweise Gerichtsakten studiert habe. Man spürt die Ernsthaftigkeit, mit der er dem Leben der Frau nachgegangen ist, die als Schönheit verehrt wurde und zugleich als Spitzel für mehrere Tausend Juden den Tod herbeigeführt hat. Sie tat dies auch noch, so Würger, nachdem ihre Eltern, die sie durch den Verrat schützen wollte, abtransportiert worden waren. Diese Erkenntnis habe ihn schockiert. In dem Buch, das Anfang Januar im Hanser Verlag erschienen ist, habe er versucht zu beschreiben, wie nah Schönheit und Terror verbunden sein können.

Würger erzählt die Geschichte Stellas aus der Perspektive eines fiktiven Schweizer Unternehmersohnes, der 1942 auf der Durchreise nach Berlin kommt und dort Stella begegnet. Der naive Jüngling verliebt sich und folgt ihr in eine Parallelwelt des Krieges, reich an Prunk und Lebenslust. Diese von Kritikern als kitschig eingeordnete Perspektive hat Würger bewusst gewählt. Sie gibt den Blick frei auf eine Frau, die trotz ihrer unmenschlichen Taten menschliche Züge trägt. In seinen beruflichen Recherchen habe er mit Personen, die Morde begangen haben, gesprochen, erzählt Würger. Überraschend habe er dabei dieses Menschlichsein eines fünffachen Mörders erlebt.

Nur wenige Personen, die Stella verraten hat, konnten nach dem Krieg als Zeugen gegen sie auftreten. Zweieinhalb Monate hat Takis Würger darum in Tel Aviv verbracht, um regelmäßig mit Noah K., einem der wenigen noch lebenden (und inzwischen verstorbenen) Zeugen zu sprechen. Er habe Noah, der im Buch als Nebenfigur erscheint, gefragt, ob es legitim sei, als Deutscher und damit Nachfahre der Täternation ein Buch über Stella Goldschlag zu schreiben? Er habe geantwortet: „Warum denn nicht?“. „Daran habe ich mich gehalten.“

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