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Paradies vor dem Fall

Neue Gedichte der Schweizer "Flurgängerin" Erika Burkart

Von JAN WAGNER

Grau wie ein alter Baum sei sie geworden, schreibt Erika Burkart, ein "Instrument der Winde,/ verstimmt". Dies mag kein direkter Verweis auf das Lieblingsinstrument der Romantiker sein - auf die Äolsharfe, die Coleridge besang, als die Shelley sich in seiner berühmten Ode dem Westwind hinzugeben begehrte -, doch selbst wenn nicht: Man liegt wohl nicht ganz falsch, wenn man der Schweizer Dichterin eine Affinität zur Lyrik der Romantik unterstellt. Dabei ist es niemals die hymnische Feier der Erscheinungen, die sie pflegt, sondern die stille, fast meditative Versenkung in die Fauna und, dies vor allem, in die Flora ihrer langjährigen Heimat im Kanton Aargau - in die Thuja, in die Schlüsselblume, den Schwarzdorn, das Moosglöcklein, in die "keinem Nutzen verpflichtete Schönheit" einer Anemone, die Burkart als ein "Paradies vor dem Fall" erscheint.

So verloren dieses für uns sein mag, so verstimmt das Instrument auch ist - ein Name läßt sich den Dingen allemal noch geben. Das poetische Beschreiben wird so zur Wiederherstellung einer ursprünglichen Verbindung, wenn die anonyme "rote Blume" Blatt um Blatt, Samen um Samen, so eindringlich wie präzise erfaßt wird, bis am Schluß ihr Name mit neuer Bedeutung gefüllt ist und einmal mehr ausgesprochen werden darf, der Dichterin ihrerseits "das rote Glück,/ vor einem Mohnfeld zu stehn" zuteil wird. Umso erstaunlicher ist angesichts von Burkarts nuancierter Neubenennung der Naturphänomene - wobei sie sich, wenn nötig, auch des Antiquierten und selbst der "Spiere" des Seemannsjargons bedient - das gelegentliche Festhalten an so großen wie abgenutzten Schlüsselwörtern, etwa "Seele", "Aura" und "Engel". Die "Botschaft/ einer uns un-/ zugänglichen Sphäre" erschließt sich dem Leser anderswo, angesichts von Winter-Efeu oder von Krähen, die als "sieben schwarze Instanzen/ im Gipfellicht" ins Bild gelangen; sie erschließt sich, wenn man der unlängst mit dem Großen Schillerpreis geehrten "Flurgängerin" Burkart durch die Landschaft um ihren Wohnsitz im Kapf, einem ehemaligen Äbtehaus in Althäusern, folgt, mit ihrer Hilfe den Blick fürs Naturdetail schärft und sich in eine leichthändige Flugstudie von Fledermäusen vertieft.

Bei alledem ist der melancholische Grundton unüberhörbar, der vom zweiten, beherrschenden Thema des Bandes herrührt und auch schon in der zentralen Selbstcharakterisierung als ergraute Windharfe enthalten ist: "Der Schmerz, 80 Lenze/ vorbei zu haben" prägt noch die Naturgedichte, dringt selbst dort durch, wo die berührenden Gedichte vom Alter, von der "Angst,/ nicht mehr zu erwachen", von den zu "Schmerzgefäßen" verkümmerten Organen, in einprägsamen Kindheitserinnerungen ihre lichtere Entsprechung finden.

Erika Burkart: "Ortlose Nähe." Gedichte. Ammann Verlag 2005, 90 Seiten, 18,90 Euro.

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