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Vorboten des neuen Militarismus: Ein Angehöriger der US-Marine
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Vorboten des neuen Militarismus: Ein Angehöriger der US-Marine

Pandora und die Falken

Kein "Empire" in Sicht: Michael Mann und Michael Ignatieff sehen in den USA eine wenig konsequente Weltmacht

Von Matthias Penzel

Sieht man Buchveröffentlichungen als Indikator für die Trends auf dem Markt der Meinungen, dann drehen sich die Debatten der Saison nicht mehr um die Bedrohung der Menschheit durch Gentechnologie, nicht durch Globalisierung, schon gar nicht die New Economy. Jeder zweite Sachbuchtitel des Herbstprogramms kreist um die Bedrohung durch das neue "Empire", das ebenfalls global agiert, ebenfalls mit Hightech-Mitteln, ebenfalls die Welt spaltet. Doch anders als das noch im Jahr 2000 von Michael Hardt und Antonio Negri prognostizierte Empire, das da kommen sollte, hat die "neue Weltordnung" kein Zentrum; und sie hat bereits begonnen. Der Begriff des "Empire" ist heute anders besetzt - und so hoch im Kurs, wie er es lange nicht mehr, vielleicht seit dem Niedergang des britischen Kolonialreichs nicht mehr war.

Bereits begonnen hat die Eroberung der Buchhandlungen. Die Ähnlichkeit vieler Titel und Schlagworte ergibt beim Querlesen von zig Titeln folgender Zwischenbericht: Das Bush-Imperium verfällt, verschweigt Hintergründe des gewollten Krieges, ist als Weltmacht am Ende, als Supermacht gekränkt und auf der Couch, voller Ohnmacht gegenüber der neuen Weltordnung, der neoliberalen Illusion, überfällig daher der Nachruf. Mancher Titel scheint mehr auf Bestsellerlisten denn Inhalte zu schielen - kein Wunder, denn zur welthistorischen Lage, also zu einem fortlaufenden Prozess, können kluge Kommentare kaum in dem Tempo vorgelegt werden, in dem uns Nachrichten erreichen.

Der Verfasser von Die ohnmächtige Supermacht, Michael Mann, beschäftigt sich allerdings nicht erst seit dem 11. September mit den Mechanismen der Macht. Nach Arbeiten über die Geschichte der Macht in drei Bänden arbeitet der Soziologe zur Zeit an einem abschließenden Band zur Globalisierung und der Rolle der USA. Eingeschoben hat er nun ein Buch zu erklären, "Warum die USA die Welt nicht regieren können". Abgesehen von polemischen Fausthieben am Ende manchen Absatzes ist seine Analyse nüchtern, voller hard facts aus unterschiedlichsten Quellen und in seinem Aufrollen des ganzen komplexen Themas äußerst imposant. Es sollte genauso oft wie Moores Hit über die Stupid White Men verkauft, gelesen und verschenkt werden.

Der Angloamerikaner zitiert aus Strategiepapieren erzkonservativer Falken genauso wie aus Essays zum Kalten Krieg, Verteidigungen des militärischen Gleichgewichts mit Nuklearwaffen, SDI usw. Bei der gegenwärtigen US-Außenpolitik handelt es sich - wie er systematisch begründet - nicht um einen neuen Imperialismus, sondern einen neuen Militarismus. Ein Imperium - römisch, britisch oder belgisch - steht und fällt mit vier Grundfesten: militärischer, ökonomischer, politischer und ideologischer Macht. Auf jeden dieser Aspekte geht Mann ein, erinnert dabei an mehr, aber auch minder Bekanntes. Im Kapitel "Der militärische Riese" sind das Fakten zur Bekämpfung von Staaten - ganz anders als die zur Bekämpfung von Guerillas oder Terroristen -, auch zu dem Waffenarsenal sowie der Feuerkraft diverser Nationen.

Ein in der öffentlichen Kritik viel zu selten vorgebrachtes Detail: Die Zahl der Nuklearwaffensprengköpfe im Besitz der USA beläuft sich auf etwa 9000, ebenso die Russlands, Frankreichs auf 340, Chinas auf 250, Großbritanniens auf 185, Israels auf 100 - 200, Indien und Pakistan "sollen jeweils 30 bis 50 haben. Nordkorea hat vermutlich ein bis zwei". Entsprechend die Feinde, die die Falken um Bush ins Visier nehmen: Sie sind stets relativ klein, eher unterbewaffnet. 2003 beläuft sich das amerikanische Militärbudget auf über 40 Prozent der weltweit bereitgestellten Summe, "25 Mal mehr als die Militärausgaben der sieben von den Vereinigten Staaten als Feinde identifizierten ,Schurkenstaaten' zusammengenommen". Dem steht die Truppenstärke gegenüber: "Die USA stellen nur 5 Prozent aller Soldaten weltweit." Diese Diskrepanz erklärt auch, warum Angriffskriege vor Befriedungen rangieren.

Zu den vier Säulen eines Reichs gehören neben der militärischen aber auch die ökonomische, die politische und die ideologische Macht. Wirtschaftlich ein Riese - etwa so groß wie die EU, dicht gefolgt von Japan/Ostasien -, hat vor allem die Vormacht des Dollars Nebenwirkungen, denn "die ärmeren Länder unterstützen die amerikanische Wirtschaft in viel größerem Maß, als sie jemals Entwicklungshilfe aus den USA erhalten". Saddam Husseins Entscheidung, für Iraks Öl Euro statt Dollars einzufordern, sorgte für entsprechende Reaktionen: Respekt und Neugier bei Iraks Nachbarn, Wut in den USA. Die Überlegung, nachzuziehen, steht in Iran nicht mehr zur Debatte.

Und so geht es weiter und weiter. Alles mit weniger Emotion als hier, ganz sachlich, wissenschaftlich, aber lesbar. Der Originaltitel lautet The Incoherent Empire; denn Mann spricht eher von einem "zusammenhanglosen", "wirren" Reich, weil es den Willen, andere Territorien zu regieren, seit jeher so seltsam vernachlässigt. Beim Feldzug für Freiheit und Demokratie geht es eben um Freihandel im Sinne US-amerikanischer Firmen; um Rüstung, die Milliarden kostet und nicht unnötig ruhen soll. Bei eroberten Territorien, potenziellen Märkten geht es nicht um China oder das Neue Europa, sondern um Zwerge, deren Führer gar nicht erst für so viel Aufruhr sorgen sollen wie Castro.

Dieses Fehlen an wirklich konsequentem Sendungsbewusstsein von Seiten der USA vermisst auch Michael Ignatieff, Professor für Menschenrechtspolitik in Harvard. Allerdings kommt er zu völlig anderen Schlussfolgerungen als Michael Mann. Auch er orientiert sich in seiner Definition eines Imperiums an dem der Römer, "mit dem einen Unterschied, dass die sich nicht vor ihrer Berufung fürchteten, ein Weltreich zu schaffen". Da die Supermacht von heute nicht auf Kolonien und Eroberungen aus ist, kann sie höchstens als Empire lite Bestand haben. So wie der Titel schmeckt denn auch der Inhalt - wie eine mit Süßstoff abgespeckte Diät-Variante von the real thing. Letzteres, das einzig Wahre, ist aus Ignatieffs Sicht die freiheitliche Demokratie. So wie andere weist er darauf hin, dass die für den Anschlag am 11. September verantwortlichen Terroristen sich "nicht die Mühe machten, von ihnen beklagte Missstände aufzuführen", um schon kurz später festzustellen, dass islamistische Revolutionäre "nichts Geringeres wollen, als die arabische Welt in das Jahr 640, die Zeit des Propheten, zurückzuführen".

Beachtlich ist an seinen mit Reportageelementen gewürzten Essays, dass er sich vor Ort umgesehen hat, dass er in Bosnien mit UN-Vertretern sprach, mit Clanchefs in Afghanistan, Helfern des Roten Kreuzes in aller Welt. Er weiß daher, wie außerordentlich unterschiedlich die jeweiligen Situationen, Hintergründe und Historien vor Ort sind, dass es nicht eine Lösung für alle gibt. Seine Kritik richtet sich nicht gegen die Methode von Zuckerbrot und Peitsche (in umgekehrter Reihenfolge, klar), sondern gegen das immer wieder zu dürftig geratene Zuckerbrot. "Die Bush-Regierung möchte das auf Nummer billig tun, Investitionen und Risiken so niedrig wie möglich halten. In Washington nennt man das ,Nation-building lite'. Nur sind Imperien nun einmal nicht lite zu haben. Entweder kommen sie gewichtig daher, oder sie sind nicht von Dauer, so wenig wie der Frieden, den sie erhalten sollen."

Betrachtet man, wie in England Blairs Standing schwindet, wie Bush selbst aus den eigenen Reihen torpediert wird, so erscheinen Ignatieffs Appelle für eine "zeitweilige imperiale Herrschaft" im Namen der Neuordnung des Chaos fast überholt. Aus Manns Sicht waren sie das vielleicht immer schon, denn um eine "Befreiung der Völker" geht es ja gar nicht.

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