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Sachbuch

Aus palästinensischer Sicht

In seiner Autobiografie stellt Sari Nusseibeh die Israelis als Verbündete und nicht als Feinde dar.

Von RENATE WIGGERSHAUS

Als er den autobiografischen Roman "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" des israelischen Schriftstellers Amos Oz las, war der palästinensische Philosoph und Präsident der Jerusalemer Al-Quds Universität Sari Nusseibeh beeindruckt. Er fand das Buch "großartig" und "ergreifend". Doch wunderte er sich, dass Araber darin so gut wie gar nicht vorkamen. Er selbst entstammt einer Familie, deren Mitglieder über Jahrhunderte hinweg in der Heiligen Stadt als Richter, Lehrer, Sufigelehrte, Politiker und Türhüter der Grabeskirche tätig waren.

Kaum fünfzig Meter entfernt von Amos Oz war er aufgewachsen. Allerdings hatte ein Stacheldraht sie voneinander getrennt, der Jerusalem teilte. Könnte es sein, dass die Unkenntnis des Lebens der jeweils anderen den Kern des israelisch-palästinensischen Konflikts bildet? Mit dieser Überlegung machte sich Sari Nusseibeh an die Aufzeichnung seines eigenen Lebens.

Er kam 1949, ein Jahr nach der Staatsgründung Israels, in einer der angesehensten Familien Jerusalems zur Welt. Sein Vater, Cambridge-Absolvent, später unter anderem Minister in der jordanischen Regierung, schickte ihn zur Eliteausbildung nach England. In Oxford heiratete der Student Lucy Austin, die Tochter des bekannten Oxforder Sprachphilosophen. Seine Erfahrungen bei einem Aufenthalt in Abu Dhabi bewegten ihn, statt dort beruflich Karriere zu machen, lieber in Harvard sein Philosophiestudium mit einer Promotion über Avicenna abzuschließen.

Anders als andere palästinensische Intellektuelle blieb Nusseibeh nicht in den USA, sondern ging mit Frau und Kind nach Palästina zurück. Als er sich 1978 dafür entschied, hegte er noch seinen alten Traum von einem gemeinsamen säkularen und demokratischen jüdisch-arabischen Staat. Mit dieser Vision vor Augen nahm er sowohl das Lehrangebot der Hebräischen Universität in Jerusalem an wie das der palästinensischen Universität in Birseit, aus der er ein Zentrum kritischen humanistischen Denkens machen wollte. Zusammen mit seiner Frau eröffnete er außerdem das Lemon Tree Cafe, das palästinensischen und israelischen Intellektuellen als Diskussionsstätte dienen sollte.

Angesichts der weiteren Ereignisse - der ersten und zweiten Intifada, der Gespräche und Verhandlungen in Madrid, Oslo, Camp David, in die er teilweise involviert war - strebte Nusseibeh verstärkt nach politischen Lösungen. Mit wachsender Sorge sah er, wie Enteignungen und Vertreibungen, Verhaftungen und Folter, Häuserabrisse und Siedlungsbau aus friedlichen Menschen gewaltbereite Extremisten und zunehmend gewalttätige Terroristen machten. Einen dauerhaften Frieden erhoffte er sich weniger von der sporadischen Zusammenarbeit mit Arafat, zu dem er ein distanziert kritisches Verhältnis hatte, als vielmehr von den gemeinsamen Aktionen mit der israelischen Linken, insbesondere der Peace now-Bewegung.

Zusammen mit Ami Ajalon, dem früheren israelischen Admiral und Geheimdienstchef, arbeitete Nusseibeh, mittlerweile Rektor der arabischen Al-Quds Universität in Jerusalem, eine Erklärung aus, die für die Zweistaatenlösung in den Grenzen von 1967 und die Teilung Jerusalems eintrat. Mehr als 300 000 Israelis und Palästinenser unterschrieben die Friedensinitiative. Während eines Treffens von Ami und Nusseibeh mit Bill Clinton im Juni 2002 in Athen, das dem Ganzen ein offizielles Gepräge gab, brach der israelische Geheimdienst in Nusseibehs Büro ein, konfiszierte Akten und Festplatten, versiegelte die Räume und erklärte das Gebäude zum Militärgelände.

Nusseibeh setzte trotzdem seine Kampagne für Demokratie und Frieden fort, kritisierte Straßensperren und Mauerbauten der Israelis genauso entschieden wie den Gewaltkult und den Märtyrermythos der Palästinenser. Trotz aller Rückschläge auf beiden Seiten ist er der festen Überzeugung, dass das gemeinsame Interesse - die Zwei-Staaten-Lösung - Israelis und Palästinenser eher zu Verbündeten als zu Feinden macht. Die so traditionsreiche Stadt Jerusalem zu einer rein israelischen machen zu wollen, ist für einen kosmopolitisch denkenden, auf friedliche Koexistenz bedachten Jerusalemer Bürger wie Nusseibeh eine abstruse Idee. "Es ist eine Stadt dreier Religionen, die der ganzen Welt offensteht."

Die spannend erzählte Autobiografie Sari Nusseibehs lässt sich schwerlich besser charakterisieren als mit den Worten von Amos Oz: ein "feinsinniges, trauriges und humorvolles Erinnerungsbuch", das nicht nur ein "lebendiges Bild der palästinensischen Gesellschaft" zeichnet, sondern auch ein "neues Licht auf die Tragödie des Israel-Palästina-Konflikts" wirft. Die politischen Memoiren des Palästinensers sind das Komplementärbuch zu Oz' "Geschichte von Liebe und Finsternis".

Sari Nusseibeh:Es war einmal ein Land. Aus dem Englischen von Gabriele Gockel u.a. Verlag Antje Kunstmann, München 2008, 526 S., 24,90 Euro.

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