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Besuchergruppe in der Gedenkstätte Buchenwald.

Volkhard Knigge

Pädagogik der Verunsicherung

  • vonMicha Brumlik
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Was heißt „historisches Begreifen“ von Auschwitz? Volkhard Knigge zieht Bilanz.

Im Mai dieses Jahres war es fünfundsiebzig Jahre her, dass der Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation des Deutschen Reiches – jedenfalls in Europa – sein Ende fand. Damit fand zugleich ein Regime sein Ende, das bis dahin in präzedenzloser Weise (Yehuda Bauer) Menschheitsverbrechen beging – die Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden, von Sinti und Roma sowie sowjetischen Kriegsgefangenen. Den handwerklich ausgeführten Massenmorden sowie der industriellen Massenvernichtung aber ging schon Jahre früher die brutale Einkerkerung politischer Gegner sowie gesellschaftlicher Randgruppen voraus. Davon zeugt nicht zuletzt die Gedenkstätte des KZ Buchenwald.

Nun sind die vom – inzwischen im Ruhestand befindlichen – Leiter der in der Nähe von Weimar gelegenen Gedenkstätte Buchenwald, Volkhard Knigge, entstandenen Arbeiten als Buch erschienen – herausgegeben von dem Jenaer Historiker Axel Doßmann.

In die Zukunft weisend

Volkhard Knigge, Jahrgang 1954, leitete die Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora von 1994 bis 2020 und wirkte zudem seit 2008 als Professor für „Geschichte in Medien und Öffentlichkeit“ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die im vorliegenden Band gesammelten Manuskripte von an verschiedensten Stellen gehaltenen Reden, publizierten Beiträgen und unveröffentlichten Texten stellen indes nicht nur eine Sammlung von Quellen dar, sondern nicht mehr und nicht weniger als ein allemal auch zukunftsweisendes Kompendium dessen, was überhaupt Gedenkstättenarbeit im besten Fall heißen kann.

Dabei scheut sich Knigge nicht vor starken Aussagen, wenn er etwa schreibt, dass Juden nach Auschwitz zu sehen letzten Endes nichts anderes bedeutet, als dass „Auschwitz“ ein Element der eigenen, der deutschen Zukunft sein kann. Zeige doch „Auschwitz“, dass alle Tugenden, auf denen deutsches Selbstbewusstsein zuvor aufbaute, vor Ausmerzung nicht geschützt haben. „Auschwitz“, so Knigge in einem Beitrag zu judenfeindlichen Postkarten, verweise gebieterisch auf das „Prinzip anerkennender Solidarität, auf die Grundsolidarität der Menschen untereinander“.

Bei alledem ist es dem im westlichen Deutschland aufgewachsenen und sozialisierten Historiker mehr als bewusst, dass der Ort seiner Tätigkeit auf dem Boden der ehemaligen DDR lag, die bekanntlich einer ganz eigenen Form des Antifaschismus frönte. Die nicht eben geringen Wahlerfolge der rechtsextremen AfD zumal in den östlichen Bundesländern zeugten von dieser Eigenart, einer Eigenart, auf die Knigge bereits 2003 auf einer weitgehend von Psychoanalytikern ausgerichteten Konferenz verwies. So scheute er sich nicht festzustellen, dass der sogenannte Antifaschismus der DDR eine „Ersatzwert-Tradition“ darstellte, mehr noch: dass er „jede tatsächliche historisch-politische Selbstreflexion und Selbstkritik per Definition a priori unnötig machte“.

Dieses negative Beispiel provoziert die Frage, wie es denn besser, wie es denn richtig zu machen sei; die Antwort auf diese Frage hat Knigge in einem schon im Jahr 2000 gehaltenen Vortrag gegeben, in dem er die „Voraussetzungen für eine Pädagogik nach Auschwitz“ skizzierte – nach Meinung des Rezensenten einer der wichtigsten, der zukunftsträchtigsten Beiträge des vorliegenden Bandes.

Knigge gibt zehn Punkte zu bedenken: So gehe es erstens um transparente, diskursive Orte der Dokumentation, Orte, die deutlich machen, dass Vergangenheit nicht unmittelbar zu haben ist. Sodann gehe es um die Aufbewahrung von Dokumenten, und zwar so, dass sie nicht einfach als Symbole ohne präzisen Kontext vorliegen und doch – viertens – deutlich machen, dass ein unmittelbarer Kontakt zur Vergangenheit nicht möglich sei, gehe es doch um „Anstöße für den reflektierten Gebrauch eigener Vorstellungskraft, die ihrerseits erst die Voraussetzung empirisch gehaltvoller Empathie – im Gegensatz zu Augenblicksbetroffenheit“ sei. Diese Einsicht aber, die allemal mehr als nur Betroffenheit darstellt, ist fünftens unabdingbar, wenn es nicht zu Anachronismen und unangemessenen Übertragungen kommen soll.

Das aber kann wiederum nichts anderes heißen, als ein Schuld- durch ein Verantwortungsparadigma abzulösen – was aber nicht bedeuten kann, zu einer umfangreichen Sinnstiftung zu gelangen. Denn: „Gelingende Pädagogik ist so gesehen zunächst eine Pädagogik des Befremdens und der Verunsicherung in Bezug auf scheinbar selbstverständliche zivilisatorische Gewissheiten hin.“ Das gilt es auch – achtens – solchen Besuchern von Gedenkstätten nahezubringen, denen bewusst ist, dass das „Nie wieder“ allenfalls partiell und nur in bestimmten Weltgegenden realisiert worden ist. Bei alledem ist immer im Sinn zu behalten, dass Gedenkstättenarbeit nur eine Form wissenschaftlich-reflektierten Umgangs darstellt.

Das aber muss zu der leitenden Einsicht führen, dass mögliche Widerstände genau zu analysieren sind, sei doch – zehntens – zu berücksichtigen, „dass in Deutschland zumindest als Schüler kaum jemand keine Erfahrungen mit dem ,Lerngegenstand‘ Nationalsozialismus macht“. Was auch – so Knigge – für den „massenkulturellen Verschleiß“ des Themas gilt.

Auf jeden Fall: Mit Knigges „Geschichte als Verunsicherung“ liegt ein Band vor, der bei weitem mehr ist als die Summe seiner Teile: Lebensbilanz und zugleich das bisher bedeutendste Werk zu Gedächtnis- und Erinnerungspolitik sowie NS-bezogener zeithistorischer Bildung. Wer immer in diesen Bereichen tätig ist, erhält hier eine unersetzliche Aufklärung, Anregung und Hilfe.

Sehr geehrte Leser*innen, in einer früheren Version dieses Artikels hatten wir geschrieben, dass Herr Axel Doßmann Mitarbeiter der Gedenkstätte Buchenwald sei. Das war ein Fehler und wir bitten, dies zu entschuldigen.

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