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Die in Wirklichkeit weiterhin estnische Bevölkerung von Viljandi, hier am gleichnamigen See beim traditionellen Wettfischen.
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Die in Wirklichkeit weiterhin estnische Bevölkerung von Viljandi, hier am gleichnamigen See beim traditionellen Wettfischen.

Estland

Paavo Matsin: „Gogols Disko“ – Der tote Dichter ist müde und sehr hungrig

  • VonKatharina Granzin
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Paavo Matsin entwirft in „Gogols Disko“ das burleske Panorama eines von Russland annektierten Estlands.

Wer Estland nicht so gut kennt – wie wohl viele von uns –, könnte die Stadt mit dem klingenden Namen Viljandi, deren pittoreske Anmutung immer wieder in den Schauplätzen dieses Romans aufblitzt, für eine Fiktion des Autors halten. Doch im Gegensatz zu den vielen grotesken und phantasievollen Einfällen in „Gogols Disko“ ist Viljandi real: Es ist die sechstgrößte Stadt Estlands, landschaftlich vom Schicksal begünstigt, da die Eiszeit in der Gegend Hügel und Seen hinterlassen hat.

Außerdem ist es der Wohnort von Paavo Matsin, der dort als Lehrer seinen Lebensunterhalt verdient. Daneben hat Matsin sich einen Namen als Autor experimenteller Prosa gemacht. „Gogols Disko“ ist sein dritter Roman und der erste, der auch auf Deutsch erscheint. Die Übersetzung von Maximilian Murmann liest sich sehr schön. Das hilft. Denn um den Handlungskapriolen in alle Windungen zu folgen, ist aufmerksame Lektüre vonnöten.

Paavo Matsin und sein Paralleluniversum

Der größere Zusammenhang erschließt sich nach und nach: Wir befinden uns in einem Estland der nahen Zukunft – oder der Fast-Gegenwart in einem Paralleluniversum –, das vom neuen russischen Zarenreich einverleibt wurde. Wie die Dinge sich politisch genau verhalten, bleibt unklar und ist auch unwichtig, da die Handlung sich ausschließlich auf Viljandis Kunstszene und Intellektuellenkreise sowie jene der örtlichen Kleinkriminellen konzentriert.

Einige wenige Schauplätze spielen eine Rolle: ein Antiquariat, ein Lokal, die städtischen Straßenbahnen, das Heimatmuseum sowie die Wohnung von Katerina, die als Köchin in dem erwähnten Lokal arbeitet und zu der verschwindend kleinen Minderheit gehört, die nach der Deportation der estnischen Bevölkerung übriggeblieben ist.

Das Buch

Paavo Matsin: Gogols Disko. Roman. A. d. Estn. v. Maximilian Murmann. homunculus, Erlangen 2021. 176 S., 21 Euro.

Die überwiegende Mehrheit der handelnden Personen sind Russen (Männer; Frauen spielen eine untergeordnete Rolle), einschließlich des überraschend auferstandenen Großschriftstellers Nikolaj Gogol, der während einer akademischen Diskussion in der Antiquariatsgesellschaft erscheint, nach Tod stinkend, schweigsam und sehr hungrig.

In einer späteren Szene wird er eine himbeerfarbene Hose tragen, und die Estin Katerina wird ihr halbes Jahresgehalt für eine Salbe ausgeben, mit der sie dem Zombie zur Linderung der Narben, welche die Totenmaske in seinem Gesicht hinterlassen hat, die verfaulte Haut einreibt.

Die lebenden Männer wiederum – Musiker, Taschendiebe, Literaten – werden durch Gogols Auftauchen zwar kurz aufgescheucht, verfolgen aber unbeirrt ihre eigenen Agenden weiter. Das größte Traum-Vorhaben ist die Errichtung eines John-Lennon-Museums, für dessen Bau der glühende Beatles-Fan Wasja ein aufwendiges Modell mit sich herumträgt (es wäre schon ein ziemlicher Kalauer; aber dennoch ist zu vermuten, dass auch die Namensähnlichkeit Lennon – Lenin den Autor zu diesem fiktiven Beatles-Kult inspiriert hat).

Damit Gogol nicht stört, wird er im Klo eingeschlossen, wo, wie man sich tröstet, er ja auf jeden Fall genügend Lektüre haben wird, denn auf den Toiletten muss laut Gesetz überall die verbotene estnische Literatur stehen (sie darf aber nicht gelesen werden).

Toiletten spielen generell eine wichtige Rolle. Der Musiker Grigori wird später auf der Toilette von Katerinas Wohnung akustische Halluzinationen estnischen und jüdischen Lebens hinter der Mauer haben. Als er hinter dieser Mauer rein gar nichts sehen kann, lässt er sich einstweilen in die Nervenheilanstalt einweisen.

In „Gogols Disko“ treibt Paavo Matsin wilde Späße, aber im Untergrund gärt es

Ein interessanter Effekt des Romans besteht darin, dass sich beim Versuch einer zumindest ansatzweisen Nacherzählung Bezüge erschließen, auch deutlich eine politische Botschaft zwischen den Zeilen erscheint, wo vorher, während der Lektüre, nichts zu sein schien. Das karnevaleske, auch humoreske Treiben an der Oberfläche zieht so sehr die Aufmerksamkeit auf sich, dass lange verborgen bleibt, wie sehr es im Untergrund gärt.

Russophobie könnte man diesem Roman kaum vorwerfen, sind doch alle handelnden Figuren, einschließlich des zombiehaften Titelgebers, Russen. Und dennoch: Das baltische Trauma von der großen russischen Invasion hat in „Gogols Disko“ konkrete Gestalt angenommen – als Phantasmagorie, deren burleske Qualitäten der geopolitischen Horrorvision doch immerhin ein wenig von ihrem Schrecken nehmen.

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