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Jean Stafford: „Das Leben ist kein Abgrund“ - Paare, die leidlich miteinander auskommen

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Von: Cornelia Geissler

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Jean Stafford im Jahr 1945.
Jean Stafford im Jahr 1945. © picture alliance

„Das Leben ist kein Abgrund“: Die US-amerikanische Autorin Jean Stafford seziert in ausgezeichneten Erzählungen und Kurzgeschichten das Leben der Gebildeten

Die Erzählerin und ihr Mann haben sich ein Sommerhaus gekauft. Und weil sie selbst ein Schriftstellerpaar sind, fühlt sich „jeder Dichter in Amerika“ eingeladen, zu kommen und zu bleiben. „Ein Andrang von Dichtern“ heißt eine Geschichte von Jean Stafford, die alle Illusionen von kreativ fruchtbaren Treffen zerstäubt. Die Gäste hocken bis vier Uhr früh trinkend und vorlesend zusammen. „Sie hörten einander nie zu, warteten nur konzentriert auf den eigenen Auftritt.“ Wenn die Erzählerin die Brillanz der vorgestellten Texte lobt, vergisst sie nicht hinzuzusetzen: „falls man zufällig an derlei Sachen interessiert war“.

Die aus Kalifornien stammende Schriftstellerin Jean Stafford (1915–1979) hat aber gar nicht vor, mit dieser Geschichte ihre Kollegen und Kolleginnen dem Publikum zum Fraß vorzuwerfen. Die anstrengenden Treffen schreibender Menschen sind der Ausgangspunkt für die Erkundung einer Ehe. Die Erzählerin betrachtet ihren Mann, „den ich bis zur Verzweiflung liebte und bis zum Wunsch, ihn umzubringen, hasste“, betrachtet auch sich selbst, ihre Kopfschmerzen, ihr Trinken, ihre Provokationen. Keine 40 Seiten umfasst die Geschichte, doch am Ende hat man das Gefühl, einen Roman gelesen zu haben: So viel Schmerz und Bosheit stecken darin, so viele Reflexionen über Leben, Kunst, Glauben löst sie aus.

Die Autorin bekam 1970 den Pulitzer-Preis für ein Buch mit Kurzgeschichten und Erzählungen wie dieser. Die meisten waren bereits 25 bis 35 Jahre zuvor in Zeitschriften wie dem „New Yorker“ erschienen. Sie standen, als die Auszeichnung verkündet wurde, „spürbar quer zum Zeitgeist“, schreibt Jürgen Dormagen im Nachwort der Ausgabe „Das Leben ist kein Abgrund“, für die er mit Adelheid Dormagen elf Stories übersetzt hat. Damals habe man entweder eine engagierte sozialkritische oder eine formal kühne Literatur erwartet.

Das Buch

Jean Stafford: Das Leben ist kein Abgrund. Stories. A. d. Engl. v. Adelheid und Jürgen Dormagen. Dörlemann 2022. 336 S., 26 Euro.

Ehen mit Ausweichvarianten

Wir befinden uns in den USA in gebildeten Haushalten; Verwandte kommen leidlich miteinander aus, Paarbeziehungen werden mit gutem Willen aufrechterhalten oder durch die Existenz einer Ausweichvariante in Form eines Geliebten. Kinder werden von ihren Eltern mit Erwartungen belastet, an Zeichen von Liebe und Zuneigung knüpfen sich Bedingungen. Diese Themen aus dem Alltag werden besonders durch die Sprache, die Dramaturgie, die Erzählkunst Staffords.

Das – wie schon Staffords Roman „Die Berglöwin“ – im Schweizer Dörlemann-Verlag erschienene Buch präsentiert 50 Jahre nach der Auszeichnung eine Schriftstellerin, die nicht quer zur, sondern über der Zeit zu stehen scheint. Das klare, illusionslose, mal spröde, mal ironische Erzählen Staffords zieht sofort in die Situation, in den Moment: In jeder neuen Geschichte braucht man nur kurz, um sich zu orientieren.

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