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Ottilie von Goethe: Liebenswürdig, unerträglich, geistreich

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Von: Monika Gemmer

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Louise Seidler: Ottilie von Goethe, Pastell, um 1845.
Louise Seidler: Ottilie von Goethe, Pastell, um 1845. © Klassik Stiftung Weimar, Museen

Zum 150. Todestag der Ottilie von Goethe widmet sich eine Ausstellung in Weimar dem literarisch-intellektuellen Wirken der Goethe-Schwiegertochter.

Das Maul hat man sich über sie zerrissen. Ottilie von Goethe, die lebenslustige Gattin des einzigen Goethesohnes August und Mutter der drei Goetheenkel, war verschrien als „schreckliches Beispiel, wie weit Eitelkeit und eine liebesieche Natur eine Frau herunterbringen können“. Ihr Ruf litt, weil sie, „als Goethens Schwiegertochter mit einem strahlenden Nimbus umgeben, beständig einen Kreis von Bewunderern um sich erhielt, unter denen sie leider immer irgend einen Liebling hatte, dem sie ein – mehr oder weniger – sentimentales Verhältnis vergönnte“.

Weil sie auch später als Witwe nach Männern „vergeblich hakte und angelte“, einer sie „in Schande“ brachte, und „es ihr nicht gelang, ihren Fehltritt zu verbergen“. Ja, so einer Person traute man sogar den Giftmord an der eigenen Tochter zu ... Es war keine Geringere als die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, die sich mit solchen Worten in einem Brief an der Verbreitung von übelsten Gerüchten über die fast gleichaltrige Ottilie von Goethe beteiligte. Dabei kannte sie sie nicht einmal persönlich, sondern nur um ein paar Ecken.

Die 1796 geborene Ottilie von Pogwisch führte ein durchaus bewegtes Leben. Als Kind einer alleinerziehenden, berufstätigen Mutter erlebte sie mehrere Ortswechsel, bis sie 1809 in Weimar heimisch wurde, wo die Mutter, Henriette von Pogwisch, und die Großmutter, eine Gräfin Henckel von Donnersmarck, Stellungen als Hofdamen gefunden hatten. Die junge Ottilie fand schnell Anschluss, Freundinnen, bald auch erste Verehrer. Die Grenzen der Konvention überschritt sie mit bemerkenswerter Unbekümmertheit, doch galt das keineswegs nur für ihr Liebesleben: Wo Frauen der Raum für intellektuelle Betätigung verschlossen war, schuf sie ihn sich kurzerhand selbst.

Mit ihren Freundinnen initiierte sie den „Musenverein“, die jungen Frauen diskutierten über Bücher, verfassten Gedichte. Später gab Ottilie von Goethe eine literarische Zeitschrift heraus, engagierte sich politisch, war als Übersetzerin und als Agentin des deutsch-englischen Kulturtransfers tätig. Schwiegervater Johann Wolfgang von Goethe, mit dem sie 15 Jahre lang am Frauenplan unter einem Dach lebte, unterstützte viele ihrer Unternehmungen – und sie die seinen.

Seit vorgestern liebe Adele habe ich den Leuten, damit sie nicht wie ich gänzlich einschlafen, vorgeschlagen eine weimarische Zeitung in Manuscript herauszugeben. Sie wird Chaos genannt, und die Artikel bestehen in allen Sprachen; jeder hat einen angenommenen Nahmen. Ich bin natürlich Redacteur.

Ottilie von Goethe an Adele Schopenhauer

Diese Facetten ihres Wirkens blieben jedoch noch lange nach ihrem Tod am 26. Oktober 1872 unbeachtet. Mit der Ausstellung „Mut zum Chaos“ rückt die Literaturwissenschaftlerin Francesca Fabbri pünktlich zum 150. Todestag die literarisch-intellektuelle Lebensleistung der Ottilie von Goethe in den Blickpunkt. Mit neu erschlossenen Funden aus dem Nachlass, der größtenteils im Goethe- und Schiller-Archiv zu Weimar aufbewahrt wird, zeichnet die Kuratorin das geistige Leben der Ottilie von Goethe nach und ergänzt zugleich die erste und bislang einzige wissenschaftliche Biografie über sie, mit der Karsten Hein im Jahr 2000 in Düsseldorf dissertierte.

Eine Grundrisszeichnung von Ottilies Hand für den Umbau der Mansarde im Haus am Frauenplan, in das sie nach der Hochzeit mit August am 17. Juni 1817 einzog, deutete es an: Auch als Ehefrau wollte sie ihr Leben selbst gestalten, ihren Interessen nachgehen, sich viel lieber mit dem Kopf beschäftigen als mit Töpfen und Tischwäsche. Sie ahnte wohl, dass die (Vernunft-)Ehe mit dem pedantischen August andere Erwartungen an sie stellen würde. Doch „zu entfernen brauche ich ja aus meiner Seele keinen Gedanken“, versuchte sie die Bedenken ihrer Freundin Adele Schopenhauer (die ihrerseits in Ottilie verliebt war) zu zerstreuen.

Ein Jahr nach dem Tod von Augusts Mutter Christiane Vulpius zog mit Ottilie neues Leben im Goethehaus ein. Sie organisierte Geselligkeiten, war geistreiche Gastgeberin und Gesprächspartnerin für Goethe senior, mit dem sie über Theater, Kunst, Literatur diskutierte. Beide bewunderten den britischen Dichter Lord Byron, sie übersetzte dessen Stück „Heaven and Earth“ für Goethe teilweise ins Deutsche.

Das wohl ehrgeizigste wie originellste Projekt Ottilies nahm 1829 Gestalt an. Am 30. August, zwei Tage nach Goethes Geburtstag, erfuhr Adele Schopenhauer in einem Brief von den Plänen: „Seit vorgestern liebe Adele habe ich den Leuten, damit sie nicht wie ich gänzlich einschlafen, vorgeschlagen eine weimarische Zeitung in Manuscript herauszugeben. Sie wird Chaos genannt, und die Artikel bestehen in allen Sprachen; jeder hat einen angenommenen Nahmen. Ich bin natürlich Redacteur.“

Die Redaktion tagte in der Mansarde, die Herausgeberin stellte das wöchentlich erscheinende Journal quasi im Homeoffice zusammen, wie ein erhaltener Textentwurf anschaulich macht: Am Blattrand haben sich Ottilies Kinder kritzelnd verewigt.

Mitwirken am „Chaos“ durfte nur, wer mindestens einen 24-stündigen Aufenthalt in Weimar nachweisen konnte. Die eingereichten Texte – Gedichte, Prosa, wissenschaftliche Aufsätze, Tagebücher, Scharaden in beliebiger Sprache – mussten aus eigener Feder stammen und unveröffentlicht sein. Die Beiträge waren nicht mit Klarnamen gekennzeichnet, ihre Urheberinnen und Urheber durften weder ihre Identität enthüllen noch das Blatt an Außenstehende weiterreichen. „Maskiert durch ein Pseudonym konnte man sich frei fühlen, Wahrheiten und Gefühle offen auszusprechen“, erklärt Kuratorin Fabbri den Reiz des Projekts.

Rechts die müde Nymphe der Poesie, kaum ein Lorbeerblatt mehr am Baum übe rihr; links der preußische „Wilde Mann“, der englische Leopard und der gallische Hahn, die dem kulturellen Leben Weimars (im Hintergrund) neues Leben einhauchen: Robert Frorieps Titelblatt für die Zeitschrift „Chaos“ von 1830.
Rechts die müde Nymphe der Poesie, kaum ein Lorbeerblatt mehr am Baum über ihr; links der preußische „Wilde Mann“, der englische Leopard und der gallische Hahn, die dem kulturellen Leben Weimars (im Hintergrund) neues Leben einhauchen: Robert Frorieps Titelblatt für die Zeitschrift „Chaos“ von 1830. © Klassik Stiftung Weimar

Viele ließen sich gerne darauf ein, darunter der Kunsthistoriker Sulpiz Boisserée, der Dichter Adelbert von Chamisso, der Musiker Felix Mendelssohn-Bartholdy, auch Johann Wolfgang und sein Sohn August von Goethe reichten Texte unter Pseudonym ein, ebenso die Schriftstellerin Luise Stichling, Tochter Johann Gottfrieds und Karoline Herders, die Archäologin Sibylle Mertens-Schaffhausen, die Dichterin Juli von Bechtolsheim. Etwa ein Viertel der rund 100 Mitwirkenden waren Frauen. Mitunter bezogen sich ihre Texte aufeinander, es entwickelte sich ein poetisches Pingpongspiel. „Es lässt sich hierin das ausmachen, was heutzutage mit dem Begriff Interaktivität bezeichnet wird“, so Karsten Hein.

Ottilie von Goethe hat aus ihrer Mansarde im Goethehaus heraus nicht nur eine literarische Zeitschrift gegründet. Sie schuf eine internationale Community, mit Weimar als Zentrum. Die letzte Ausgabe erschien am 12. Februar 1832. „Chaos“ war somit ein längeres Leben beschieden als Schillers „Horen“.

August hatte derweil Karriere gemacht, war zum Geheimen Kammerrat am Hofe aufgestiegen. Glücklich war er nicht. Alkoholkrank wie einst seine Mutter, erdrückt von der Übermacht des Vaters, offenbarte August in Versen, wie es in ihm aussah: „Ich will nicht mehr am Gängelband / Wie sonst geleitet seyn / Und lieber an des Abgrunds Rand / Von jeder Fessel mich befrein.“ 1830 wagte er den Ausbruch, ließ sich beurlauben, reiste nach Italien – und starb in Rom. Der 40-Jährige hinterließ die drei Kinder Walther, Wolfgang und Alma. Und eine Witwe, die sich befreit fühlte.

Sie und ihr Schwiegervater rückten noch enger zusammen, intensivierten die gemeinsame Beschäftigung mit Literatur, darunter auch die eigenen Werke. Ihr Urteil hatte Gewicht. „Neue Aufregung zu Faust in Rücksicht größerer Ausführung der Hauptmotive, die ich, um fertig zu werden, allzu lakonisch behandelt hatte“, notierte er nach dem Austausch mit der Schwiegertochter. Ottilie konnte intellektuell mithalten, wenngleich der alte Goethe sie durchaus forderte. „Neulich haben wir den Plutarch zu lesen angefangen und schließlich las er mir aus dem zweiten Theil des Faust; es war schön und groß, als ich aber nach elf Uhr mein Zimmer betrat, fiel ich, meiner ganzen Länge nach, zu Boden“, berichtete sie der Freundin Jenny von Pappenheim.

Mit Goethes Tod am 22. März 1832 begann ein unsteter Lebensabschnitt, der Ottilie auch finanziell vor Herausforderungen stellte. Die Mutter der Goetheenkel erbte selbst nichts, hatte sich stattdessen mit Vormündern ihrer Kinder auseinanderzusetzen und mit einem Testamentsvollstrecker, der mit einem Vorhängeschloss Goethes Privaträume vor der Familie zusperrte. „Man hat bis zu seinem Tode das Betragen einer Tochter von mir verlangt, und nun läßt man mich in vielen Dingen täglich empfinden, daß ich doch eine Fremde bin“, klagte Ottilie gegenüber der Freundin Doris Zelter. Weimar war nicht länger ein Zuhause.

Vergoldetes Bronzemedaillon der Ottilie von Goethe von Franz Woltreck, 1838.
Vergoldetes Bronzemedaillon der Ottilie von Goethe von Franz Woltreck, 1838. © Klassik Stiftung Weimar

Wien, Dresden, Italien: Wo immer sie sich aufhielt, knüpfte Ottilie von Goethe Kontakte zur Literatur- und Kunstszene. Sie verkehrte mit Literatinnen und Literaten wie Karl von Holtei, Rahel Varnhagen, Franz Grillparzer, Betty Paoli, Eduard von Feuchtersleben, Bettina von Arnim. Sie vollendete die zu Goethes Lebzeiten mit dem Engländer Charles Des Voeux begonnene Übersetzung seines Schauspiels „Torquato Tasso“ ins Englische und brachte das Buch im Alleingang heraus. Sie empfand die Sprache als „the language of the heart“, Briten spielten eine herausragende Rolle in ihrem (Gefühls-)Leben. Die Liebe der in Dublin geborenen Schriftstellerin Anna Jameson konnte Ottilie zwar nicht erwidern. Die beiden Frauen wurden dennoch Freundinnen, arbeiteten zusammen, machten sich um den deutsch-englischen Kulturaustausch verdient.

Die meisten Männer verschwanden schnell wieder aus dem Leben der Ottilie von Goethe. Es waren Frauen, die blieben, auch in schwersten Krisen. Adele Schopenhauer, deren Lebensgefährtin Sibylle Mertens-Schaffhausen und Anna Jameson standen ihr bei, als sie 1835 in Wien heimlich ein uneheliches Kind zur Welt brachte. Das Baby, sie hatte es Anna Sibylla genannt, überlebte nicht lange.

Neun Jahre später verlor Ottilie ihre fast 17-jährige Tochter Alma. Sie starb an Typhus, dennoch geriet die Mutter angesichts des an sie fallenden Erbteils unter den ungeheuren Verdacht, ihre Tochter vergiftet zu haben. Annette von Droste-Hülshoff wusste schon, warum sie in dem anfangs erwähnten Brief die Adressatin dringend bat, Adele Schopenhauer gegenüber nichts von diesen Gerüchten zu erwähnen. Sie ahnte wohl: Adele hätte ihr diese Kolportage um die Ohren gehauen.

„Die eigentliche Achtung für weiblichen Genius gewannen die Deutschen erst durch Bettina und Rahel“, schrieb Ottilie von Goethe 1839. „Diese beiden Frauen haben eigentlich die geistige Emancipation der Frauen zu Stande gebracht.“ Ihr eigener Beitrag blieb lange im Dunkeln. Noch bei der Recherche für die Ottilie-Ausstellung stieß Kuratorin Fabbri im Goethe- und Schiller-Archiv auf einen italienischen Text, verfasst in Ottilies Handschrift. Archivare hatten das Blatt als „Italienische Übung“ klassifiziert. Doch bei näherem Hinsehen stellte Fabbri fest, dass es sich nicht etwa bloß um Schreibübungen in einer Fremdsprache handelte. Es war der Entwurf eines Briefes an einen italienischen Freund, in dem die Verfasserin detailliert zwei Gemälde von Raffael beschreibt, mit denen sie sich in Italien beschäftigt hatte.

Zeitgenossen haben die komplexe Persönlichkeit Ottilie von Goethes durchaus gesehen: „Liebenswürdig, unerträglich, verrückt, geistreich – wie Sie’s kennen“, so charakterisierte die Autorin Johanna Schopenhauer einmal die Freundin ihrer Tochter gegenüber einem gemeinsamen Bekannten. In Weimar kann die Nachwelt die geistreiche Seite der Ottilie von Goethe nun näher kennenlernen.

Die Ausstellung

Die Ausstellung „Ottilie von Goethe – Mut zum Chaos“ ist bis 18. Dezember im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar zu sehen. Unter dem Titel „Mut zum Chaos. Ottilie von Goethe und die Welt der Romantik“ kommt die Schau im nächsten Jahr auch ins Deutsche Romantik-Museum nach Frankfurt, 23. Juni bis 3. September 2023.

Das Begleitbuch „Ottilie von Goethe: Mut zum Chaos“ von Francesca Fabbri ist in der Weimarer Verlaggesellschaft erschienen, 96 S., 16,90 Euro.

Zum Weiterlesen

Karsten Hein: Ottilie von Goethe (1796-1872). Biographie und literarische Beziehungen der Schwiegertochter Goethes. Europäische Hochschulschriften. Peter Lang Verlag 2001, 698 S., ca 59,95 Euro.

Dagmar von Gersdorff: Die Schwiegertochter. Das Leben der Ottilie von Goethe. Insel 2022, 312 S., 24 Euro.

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