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Ottessa Moshfegh. Foto: Jake Belcher
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Ottessa Moshfegh.

US-Roman

Ottessa Moshfegh: „Der Tod in ihren Händen“ – Wem kann man noch trauen?

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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„Der Tod in ihren Händen“: Ottessa Moshfeghs jüngster Roman über eine seltsame Frau.

Es war nur ein Stück Papier, Wörter auf einer Seite.“ Aber auf dem Stück Papier, das, von Steinchen beschwert, frühmorgens auf dem Waldweg liegt, auf dem Vesta immer mit ihrem Hund Charlie spazieren geht, steht geschrieben: „Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat. Ich war es nicht. Hier ist ihre Leiche.“ Aber hier ist keine Leiche, kein Blutfleck, kein Haarbüschel, kein roter Wollschal im Gebüsch. Keine Spur. Keine Tote. Wer ist also das „Ich“, das solches behauptet? Kann Vesta diesem Ich trauen? Soll sie die Polizei rufen oder macht sie sich lächerlich? Zuerst lässt sie das Blatt liegen. Dann steckt sie es doch ein.

Seit die US-Amerikanerin Ottessa Moshfegh 2016 mit ihrem Debütroman „McGlue“, dem Monolog eines trinkenden Seemanns, Aufsehen erregte, ist sie spezialisiert auf Erzähler-Figuren, denen die Leserin, der Leser kein bisschen trauen kann. 2017 war es „Eileen“, eine psychopathische junge Frau. Wehe, man hat ihr die graue Maus abgenommen und ihr den Rücken zugedreht. 2018, in „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“, folgte eine äußerst müde, Berge von Tabletten einwerfende, ihre Wohnung kaum je verlassende junge Frau. Fantasierte sie? Jedenfalls konnte man ihr kein Wort glauben. Und jetzt also die 72 Jahre alte Vesta Guhl (wie der Name des Shampoos, sagt sie), einst verheiratet mit einem deutschstämmigen Professor, nun Witwe, Hundebesitzerin, Bewohnerin eines abseits gelegenen Waldhauses am See.

Anfangs kann man sie durchaus noch für eine alte Dame halten, die ein Blatt Papier mit ein paar seltsamen Sätzen gefunden hat. Vielleicht hat sich ja jemand einen Scherz mit ihr erlaubt. Aber von Seite zu Seite bröckelt alle Gewissheit, Vesta könnte harmlos sein, eine Art Miss Marple, die, wie sie selbst zugibt, „eine Menge Krimis gesehen“ hat und darum zu kombinieren versucht. Zunächst sparsam, aber sehr listig streut Moshfegh Hinweise darauf, dass man sich in Acht nehmen muss vor Vesta Ghul. Der arg fingerzeigenden Namenswahl hätte es da gar nicht bedurft: Ein „ghoul“ ist ein leichenschändendes Monster.

Das Buch

Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen. Roman. A. d. Engl. v. A. C. Burger. Hanser Berlin 2021. 256 S., 22 Euro.

Die alte Frau beginnt also zu erzählen. Von ihrem blendend aussehenden Mann Walter, der (kann sein, kann nicht sein) reichlich fremd ging mit Studentinnen, während sie das Herdfeuer hütete. „Wir waren uns beide einig, dass wir unser Leben nicht durch Kinder komplizierter zu machen brauchten.“ Sie erzählt auch von ihrem Umzug nach Levant in ein Haus, das einst für Jugendfreizeiten im Wald genutzt wurde. Nicht einmal ein Telefon gibt es dort. Aber das wird schon in Ordnung sein, sie hat ja Charlie gegen die Einsamkeit. Es dauert nicht lang, bis die Leserin misstrauisch wird. Wie kommt Vesta drauf, dass der Schreiber der „Sie hieß Magda“-Zeilen Blake heißt und noch ein Teenager ist? Dann nennt sie die Frauen im nächstgelegenen größeren Ort voll Verachtung „hirnlose Fettwalzen“. Und was recherchiert sie am Computer in der Bibliothek? Warum plaudert sie aus, dass sie froh war, als Walter an Krebs erkrankte?

Eine große Prise Bösartigkeit und noch eine streut Ottessa Moshfegh in Vestas Monolog. Bis man die alte Frau so allerlei verdächtigt: Dass sie, wegen der Lebensversicherung, bei ihrem Mann womöglich nachgeholfen hat; dass sie zu keiner Empathie fähig ist; aber allen anderen alles Schlechte zutraut. Haarsträubendes denkt sie sich über Menschen in ihrer Umgebung aus – oder macht sie sich tatsächlich nur Notizen für eine Krimi-Geschichte, die sie schreiben möchte. Lügt sie, wie vor unseren Augen gedruckt?

Moshfegh lässt auch diesen, ihren vierten Roman ins Dunkle, Gruselige eskalieren. Bald hält man Vesta Ghul für zumindest ein wenig irre. Alles Mögliche unterstellt sie den Menschen, denen sie begegnet. Passt sie allesamt in ihre Geschichte ein. Oder ist das schon Verfolgungswahn? Sie hält den Landpolizisten bald für eine stalkende Schattengestalt namens Ghod. Findet es andererseits aufregend, „so viel Hass auf jemanden zu verspüren“.

Vesta Ghul scheint zuletzt zu allem fähig. Trotzdem muss man ihr folgen, bis zum bitteren Ende. Denn eine verlässlichere Erzählerin bietet einem Ottessa Moshfegh auch diesmal nicht an.

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