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Johannes Bobrowski (rechts) und Günter Grass im September 1964 bei einer Tagung der Gruppe 47 in Stockholm.

Johannes Bobrowski

Ostwärts der Elbe

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Auf endlosen Wegen Weltliteratur aus der Weltferne: Zum 100. Geburtstag des großen Dichters Johannes Bobrowski.

Vor Jahren hat der Verleger Klaus Wagenbach einmal seinen Freund Johannes Bobrowski zu beschreiben versucht: „Nicht besonders groß, aber breit und gewichtig – 196 Pfund.“ Ausführlich habe er ihm einmal erörtert, wie die fehlenden vier Pfunde auf zwei Zentner zu erwerben seien. „Dabei war er beweglich, ging schnell, bevorzugte Anzüge von altväterlich bequemem Schnitt, in denen er förmlich turnen konnte.“

Wagenbach hat Bobrowski auch dafür bewundert, und für „seine freundliche Ruhe, sein konzentriertes Zuhören und bedächtiges Argumentieren.“ Bobrowski blieb ihm nicht weniger verbunden. Im Februar 1964 schreibt er an seinen Lektor Wagenbach beim S. Fischer Verlag, der seinen ersten Roman „Levins Mühle“ betreut hatte: „Solltest Du woanders landen, werde ich Dir, wenn Du pfeifst, nachfolgen.“ Wagenbach hatte aufgrund einer verwickelten politischen Affäre soeben seine Kündigung vom Fischer Verlag erhalten und stand kurz davor, seinen eigenen zu gründen. Er hatte damals „die große Hoffnung eines Ost-West-Verlages, deren geheimer Schirmherr Bobrowski war“.

Die Hoffnung hat sich zerschlagen. Im Dezember 1965 verkündete Walter Ulbricht, die DDR sei ein „sauberer Staat, wir dulden keine Anarchisten“, auch keine verlegerischen Ost-West-Brücken; und Anfang September war Johannes Bobrowski überraschend an einer Blinddarmentzündung im Krankenhaus Berlin-Köpenick gestorben. Er vertrug die Antibiotika nicht, man schmuggelte andere aus dem Westen über die Grenzen, auch diese halfen nicht. Mit 48 Jahren war ein Dichter gegangen, der bis heute als Jahrhundertschriftsteller gepriesen wird. Immer zu recht.

Gern wird erzählt, wie Bobrowski 1962 auf der Tagung der Gruppe 47 im Alten Casino am Wannsee auftrat, aus dem später das Literarische Colloquium werden sollte. Die Irritation unter den ruhmreichen Zuhörern muss groß gewesen sein. Der Literaturbetrieb stritt seinerzeit wieder über das Für und Wider der politischen Kunst im geteilten Deutschland; Peter Weiss galt als Favorit auf den Preis der Gruppe 47, damals begehrter als der Büchner-Preis. Aber dann kam da Bobrowski. Er las Gedichte, die klangen, als wären sie im 18. Jahrhundert geboren, aber im 20. Jahrhundert aufgewachsen. Klaus Wagenbach erinnerte sich später mit diebischer Freude an diese Szene: an die Verblüffung der Großkritiker um Hans Mayer und Walter Höllerer, an die allgemeine Bewunderung und Bestürzung. „Hier sind die höchsten Maßstäbe anzusetzen, hier denkt man an Hölderlin!“, rief Walter Jens. Man kann auch an den Philosophen Johann Georg Hamann und den Dichter Klopstock denken, die beide das Sinnliche und Vernünftige strikt zusammendachten; oder an Paul Celan und Peter Huchel, die die Schönheit der Natur gleichermaßen sahen wie ihre Verletzungen.

Die höchsten Ansprüche, Weltliteratur. Dahin gehört Bobrowski. Am Wannsee gewann er in der Stichwahl gegen Peter Weiss tatsächlich den Preis der Gruppe 47, der Sieger wurde am Tag nach der Lesung verkündet. Da war Bobrowski schon wieder abgereist nach Friedrichshagen in sein Haus in der Ahornallee, in dem man bis vor sechs Jahren noch sein fast unverändertes Arbeitszimmer besuchen konnte.

Bobrowski lesen ist immer wieder – ein Schock. Seine beiden Gedichtbände „Sarmartische Zeit“ und „Schattenland Ströme“, kurz hintereinander 1961 und 1962 erschienen, „Levins Mühle“, die Erzählungen „Boehlendorff und Mäusefest“: schockierend schöne Bücher, frei von jedem Schmock, nie kitschig, nie verschwiemelt, so klar wie rätselhaft, Bücher voller Musikalität, Kraft und Liebe, ja: Liebe, zersplitterte, verzweifelte Liebe zwar, aber doch eben Liebe.

Er wurde vor 100 Jahren, am 9. April, in Tilsit an der Memel geboren; oft war er in den Kinderjahren bei den Großeltern auf dem Bauernhof in Willkischken. Das litauische Grenzgebiet hat ihn tief geprägt, wiederholt hat er beklagt, dass die Deutschen nichts wüssten und nicht wissen wollten von dem, was „ostwärts der Elbe“ läge. Sein Dichten ist auch Versöhnungsversuch, eine „sarmatische“ Phantasie, benannt nach dem antiken Wort für die Gegend zwischen Weichsel, Wolga, Ostsee und Schwarzem Meer.

Nemona, Rasainen, Wilia oder Ralbitz: Namen in seinen Versen, die auch Statthalter einer poetischen Phantasie sind, Orte, die sich von keinen Grenzen und keiner Politik einhegen lassen. Seine Literatur ist auch Protest gegen eine Aufteilung der Welt in ideologische Blöcke. Erstaunlich oft durfte er dennoch in den Westen reisen, Freunde hatte der „Hannes“ ohnehin hier wie da. In den vorzüglich kommentierten gut 1200 Briefen, die jetzt in vier Bänden zu haben sind, kann man nachlesen, wie dicht sein freundschaftliches Netzwerk war. Die Liste seiner Briefempfänger ist lang, sprunghaft steigt sie mit seinem späten Ruhm an. Uwe Johnson, Christoph Meckel, Ina Seidel, Günter Bruno Fuchs: Er unterhielt in viele Richtungen Briefkontakt. Noch sein Begräbnis war eine Begegnung deutsch-deutscher Schriftsteller, mit Reden von Stephan Hermlin und Hans Werner Richter, dem Initiator der Gruppe 47.

„Mit dem müden Mund /auf dem endlosen Weg / zum Hause der Nachbarn“, heißt es in dem Gedicht „Sprache“, das jetzt in einem sehr schönen Band „Gesammelte Gedichte“ wiederzulesen ist. Auf diesen Wegen ist seine Dichtung unterwegs. „Meine Tür hat dich gerufen“, so in „Ankunft“ – sie ruft bis heute. Ein stets aufs Neue zu erschließendes Werk, wie der Mensch selbst: „Wo Liebe nicht ist, sprich das Wort nicht aus.“

Dabei hatte Bobrowski für seine literarischen Texte neben der Familie wenig Zeit. Er schrieb sie oft in der S-Bahn auf dem Weg zum Union-Verlag, wo er als Lektor arbeitete. Unter den jetzt zugänglichen Briefen finden sich auch Arbeitsbriefe, ein Schreiben an Wolfgang Hilbig im Oktober 1964 etwa. Hilbig hatte Gedichte geschickt, die Bobrowski nicht gefielen: „Wollen Sie an der Umwelt leiden, weil Sie ein solches Verfahren für dichterisch, für bedeutend halten?“ Leiden allein reiche nicht, das „deutliche Bemühen, sich nicht mit der abgegriffenen Umgangssprache zufrieden zu geben“, auch nicht. Aber er gab den Dichter Hilbig nicht auf: „Sie werden sehen, dass Ihnen die Menschen entgegenkommen, wenn Sie selber nur mit Ernst und Neigung auf sie zugehen.“ Bobrowski wusste es aus eigener Erfahrung, und Hilbig hat es beherzigt, er wurde später ein großer, menschenzugewandter Dichter. Bobrowski war es damals schon.

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