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Pauline Viardot beim Konzertauftritt, Stich aus „Le Monde illustré“ von 1862.
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Pauline Viardot beim Konzertauftritt, Stich aus „Le Monde illustré“ von 1862.

19. Jahrhundert

Orlando Figes: „Die Europäer“ – Die Entstehung der Welt von Gestern

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Orlando Figes’ großartiges Buch „Die Europäer“ beschreibt, wie sich die Kultur des 19. Jahrhunderts herausbildete.

Zu den Schönheiten des Rezensierens gehört, die eigene Begeisterung in die Welt hinausschreien zu können. Das ist aber immer auch ein unglücklicher Augenblick. Denn spätestens jetzt merkt der Rezensent, dass die eigenen Fähigkeiten zu mehr als Geschrei nicht reichen. Wie gerne böte er im eigenen Text wenigstens einen Abglanz der Intelligenz und der Schönheit, des Detailreichtums und der gleichzeitig ans Wunderbare grenzenden Übersichtlichkeit des zu preisenden Werkes!

Aber das gelingt ihm nicht. Natürlich nicht. Denn wäre das Buch den eigenen Potenzen nicht deutlichst überlegen, fände er es dann noch preisenswert?

Vorab rasch zwei Einwände zu Orlando Figes‘ „Die Europäer“

Orlando Figes’ „Die Europäer: Drei kosmopolitische Leben und die Entstehung europäischer Kultur“ ist das Buch, mit dem es mir jetzt einmal wieder so ergeht. Darum zuvor zwei Einwände. Erstens: Figes könnte an jeder Stelle des Buches, an der er „kosmopolitisch“ sagt, auch „europäisch“ sagen. Dann träfe er das, wovon er spricht.

Zweitens: Die Herausbildung einer gemeinsamen europäischen Kultur, die Figes beschreibt, ist die der Interaktion nationaler Kulturen. Das Europa des 19. Jahrhunderts ist ein Europa, in dem die nationalstaatliche Idee sich mindestens so stark ausbreitet wie die von Figes so großartig beschriebene Perspektive einer gesamteuropäischen Kultur. Beide prägen einander.

Die Hauptfiguren in „Die Europäer“ von Orlando Figes

Doch jetzt zu Figes’ Wunderwerk. Da ist zunächst einmal die Geschichte des Ehepaars Viardot und des Hausfreundes Iwan Turgenjew (1818-1883). Pauline Viardot (1821-1910) war eine der berühmtesten Mezzosopranistinnen des 19. Jahrhunderts. Sie war die Tochter von Manuel del Pópulo Vicente Garcia und die jüngere Schwester von María de la Felicidad Malibran. Der Vater war ein berühmter Tenor, einer der ersten „freien“ Künstler, der nicht angewiesen war auf einen fürstlichen Förderer. Er war auch der Impresario seiner älteren Tochter, Operndirektor und Komponist.

Die Malibran, ein Mezzosopran, gilt als erste große Diva der Operngeschichte. Louis Viardot (1800-1883) war Journalist, Schriftsteller, Republikaner, Atheist, Operndirektor und Manager seiner Gattin. Die Schriftstellerin George Sand hatte Pauline Garcia davon überzeugt, nicht dem Werben des Dichters Alfred de Musset nachzugeben – die Autorin misstraute dem Mann nach ihren eigenen Erfahrungen mit ihm –, sondern statt seiner den deutlich älteren Intellektuellen Louis Viardot zu heiraten. 1840 war die Hochzeit, nicht in einer Kirche, sondern im Rathaus des zweiten Pariser Arrondissements.

1843 sieht Turgenjew Pauline Viardot auf der Bühne und ist hingerissen. Er begleitet jahrelang das Ehepaar, probiert an der Sängerin seine Erzählungen aus, übersetzt mit Louis zusammen russische Autoren. Der Gatte scheint keine Eifersucht gekannt zu haben. Turgenjew dagegen ertrug es nicht, als Pauline 1850 begann, für eine Weile Charles Gounod ihm vorzuziehen.

Ein ganzes Panorama breitet Orlando Figes aus

Der 1969 geborene britische Historiker Orlando Figes nutzt die Geschichte seiner Helden und seiner Heldin, um ein Panorama europäischer Kulturgeschichte vor uns auszubreiten. Er macht uns vertraut mit Reisegeschwindigkeiten, mit Urheberrechtsregelungen, Fortsetzungsromanen, mit neuen Instrumenten, mit Bücherpreisen und der Rolle von Fanartikeln. Wir beginnen zu begreifen, wie das alles zusammenhängt und wie vieles von dem, was wir für charakteristisch für unsere Gegenwart hielten, schon damals in die Welt getreten war.

Wer hat je über den Zusammenhang von Oper und Eisenbahn nachgedacht? Die Oper, entstanden an italienischen Höfen, war immer auf Subventionen angewiesen. Im 19. Jahrhundert wurde sie republikanisch, und es fehlte nicht an Versuchen, sie rentabel zu machen. Die Eisenbahn ermöglichte schnelles Reisen in großen Gruppen mit viel Gepäck. Die Telegrafie beschleunigte die Informationstechnologie.

So wurde erwogen, die Opernhäuser von Neapel, Paris und London einer gemeinsamen Verwaltung zu unterstellen. Das scheiterte. Aber das Kärntnertortheater in Wien und die Mailänder Scala pflegten ein paar Jahre lang eine enge Zusammenarbeit.

Um die immer luxuriöser werdenden Inszenierungen zu finanzieren, kam man im Pariser Théâtre-Italien und in der Pariser Oper – sie hatten beide den gleichen spanischen Finanzier – 1838 auf die Idee, einen Shop einzurichten, in dem man die für die Inszenierungen gefertigten Kostüme kaufen konnte. Sehr teure, sehr begehrte Fanartikel.

Orlando Figes erzählt vom steilen Aufstieg der Pauline Viardot

Nachdem 1832 Vater Garcia einem Herzinfarkt erlegen war, wurde die Mutter zur Managerin ihrer älteren Tochter, die Malibran hieß, seit sie mit einem New Yorker Banker französischer Herkunft verheiratet war. Die Mutter schickte die jüngere Tochter, die schon als Achtjährige Rossini vorgesungen hatte, zu dem aus Tschechien stammenden Anton Reicha. Bei ihm, einem Freund Beethovens, studierte sie, wie schon Berlioz und Liszt es getan hatten, Komposition. Mit zwölf erhielt sie Klavierstunden von Franz Liszt. Sie sollte Konzertpianistin werden.

Als ihre ältere Schwester im Alter von nur 28 Jahren starb, galt das Opernliebhabern in Europa, den USA und Lateinamerika als Katastrophe. Die Mutter drängte jetzt Pauline, Sängerin zu werden. 1836, sie war gerade 15 Jahre alt geworden, hatte sie ihren ersten großen Auftritt. In Lüttich. Es war ein Triumph. In Berlin war der preußische König so begeistert von ihr, dass er sie mehrfach ins Schloss Charlottenburg bat. Es kam zu einer lebenslangen Freundschaft mit Prinzessin Augusta, der späteren Königin von Preußen.

Pauline sprach von Kind auf fließend Spanisch, Französisch und Italienisch. Später kam noch Deutsch hinzu. Paulines internationale Karriere wäre ohne diese Kenntnisse sehr viel schwieriger geworden. Denn spätestens seit den 20er Jahren bestimmten nicht mehr allein italienische Opern das Geschehen.

Europa entstand erst im 19. Jahrhundert. Die Eisenbahn, der Telegraf rückten die Nationen zusammen, ließen überhaupt erst Nationen entstehen. Vorher hatte es die Höfe und die Hauptstädte gegeben. Dazu verstreut übers ganze Land die mal prächtigen, mal ruinierten „Adelsnester“.

Das Buch

Orlando Figes: Die Europäer – Drei kosmopolitische Leben und die Entstehung europäischer Kultur. A. d. Engl. v. Bernd Rullkötter. Hanser Berlin 2020. 640 S., 34 Euro.

Jetzt aber trat ein finanzstarkes, zahlreiches Bürgertum auf den Plan. Es war einerseits scharf darauf, dem Adel seine Privilegien zu nehmen, kopierte ihn also hemmungslos. Andererseits propagierte es auch seine eigenen Inhalte. Ein neuer Markt.

Wichtiger noch als der Wechsel der Auftraggeber war die Entstehung eines Publikums, an das man sich direkt wenden konnte. Die allmähliche Ausbreitung des öffentlichen Unterrichts führte zu einer Alphabetisierung der Bevölkerung, die es erlaubte, die neuen technischen Druckmöglichkeiten zu nutzen und hohe Auflagen zu drucken und so die Kosten des einzelnen Exemplars erheblich zu senken. Die Massen wurden entdeckt. Nicht nur als Protagonisten für Volksaufstände, sondern auch als Kulturkonsumenten.

Dann wendet sich Orlando Figes den Romanfabriken zu

Viele Autoren schrieben auch für dieses gerade erst sich herausbildende Publikum. Romane wurden zuerst als Fortsetzungsgeschichten in Zeitungen veröffentlicht, die ihre Auflagen mittels der Geschichten zum Teil gigantisch steigerten. Die „Mysterien von Paris“ von Eugène Sue erschienen von Juni bis Oktober 1842 im „Journal des débats“. Es soll Arbeitergruppen gegeben haben, die einander Sues Geschichten aus der Pariser Unterwelt täglich vorlasen. Balzac und Dickens waren Romanfabriken, die oft gleichzeitig mehrere Zeitungen belieferten.

Diese Vertriebsmethode hatte auch inhaltliche Konsequenzen. Die Geschichten mussten so geschrieben sein, dass sie – bei hoher Nachfrage – stets weitergeschrieben oder – bei niedriger – schnell abgebrochen werden konnten. Der große, ein breites Panorama vor Augen stellende, der vielansichtige Roman des 19. Jahrhunderts ist ein Zeitungsprodukt.

Überall in Europa entstanden billige Buchreihen wie in Deutschland „Reclams Universal-Bibliothek“. Viele dieser Reihen wurden herausgebracht von einem neuen Typus Verleger. Sie hatten keine Ahnung vom Buchhandel – wie er bis dahin praktiziert worden war –, wussten aber die technologischen Neuerungen zu nutzen und mit völlig neuen Marketingstrategien zu verbinden.

Figes beschreibt das detailliert. Bis er eine Parallele zur Gegenwart zieht, hat der Leser, die Leserin es bereits getan und verstanden: Die Produktivkräfte revolutionieren die Produktionsverhältnisse, die selber auch eine Produktivkraft sind.

Orlando Figes zur bürgerlichen Oper: Partituren wurden Bestseller

Natürlich spielt in „Die Europäer“ die „Grand opéra“ eine wichtige Rolle. Sie ist schließlich die Hauptwirkungsstätte des Ehepaars Viardot. Sie war prächtiger als die Hofopern. Chöre und Orchester waren größer, die Stimmen gewaltiger. Das Bürgertum wollte zeigen, dass es mehr konnte als der Adel. Und es wurde alles unternommen, um das auch publik zu machen. Die großen Arien wurden zu Gassenhauern. Eine gut geölte Marketingmaschine sorgte dafür, dass Bearbeitungen für die unterschiedlichsten Instrumente in den unterschiedlichsten Schwierigkeitsgraden unter die Leute kamen. Partituren wurden Bestseller.

Das gelang natürlich nur, weil die großen Opern des 19. Jahrhunderts moderne Themen boten. An die Stelle der Mythologie trat die Geschichte. Volksmassen und Volksaufstände spielten eine immer größer werdende Rolle. Allerdings traten – je realer sie draußen auf den Straßen wurden – im Theater desto mehr die großen Gefühle an die Stelle der großen Ereignisse.

Ein Blick auf Richard Wagner erhellt diese Entwicklung. 1842 hatte er den römischen Volkstribun Rienzi auf die Bühne gestellt. 1865 – nach der gescheiterten Revolution – sangen sich Tristan und Isolde in den Liebestod.

Frauen am Klavier: Orlando Figes beschreibt in „Die Europäer“ neue Freiräume

Das Bürgertum stellte nicht nur neue öffentliche Räume zur Verfügung. Es schuf auch in und neben ihnen eine neue Intimität, Man hat oft abschätzig von der „Flucht in die Innerlichkeit“ gesprochen. Aber man darf die Chance, die darin liegt, sich absetzen zu können vom liebsten Nächsten, nicht unterschätzen. „Ein Zimmer für sich allein“ ist eine erstrebenswerte Utopie. Dass mehr Frauen des Bürgertums – immer noch eine Minderheit – an bezahlbaren Klavieren sitzen und improvisieren konnten, war ein wesentliches Stück Freiheit.

Figes hat einen guten Blick für ironische Konstellationen. Das schult seine Leserinnen und Leser, die lächeln werden, wenn sie den Eifer betrachten, mit dem er – Verachtung und Bewunderung verbindend – die Rolle der bezahlten Claque im Opernbetrieb oder die des Rezensionswesens beschreibt. Wir erinnern uns doch, wie aufgeregt wir waren, als wir erfuhren, dass Figes unter Pseudonym lobende Amazonrezensionen seiner eigenen Bücher und vernichtende von solchen von Kollegen geschrieben hatte. Arno Widmann, das muss ich jetzt wohl klarstellen, ist kein Figes-Pseudonym.

Orlando Figes macht deutlich, was die Einführung des Copyrights bedeutete

Das Copyright wurde noch gar nicht erwähnt, ohne dass es den Autor, die Autorin und den Verlag, wie wir sie heute – noch – verstehen, nicht hätte geben können. Die Produktionen des Geistes wurden erst dadurch „Kapital“. 1856 wurde der Wirkungsbereich des Urheberrechts in den deutschen Staaten auf Personen ausgedehnt, die bereits vor seiner Einführung 1837 gestorben waren.

Schillers Verleger Cotta zahlte nun an Schillers Nachkommen zwölfmal so viel für das Recht, dessen Werke zu drucken, wie er an Schiller insgesamt zu dessen Lebzeiten gezahlt hatte. Mitleid mit dem armen Verleger ist allerdings nicht angebracht. Die Verlängerung des Urheberrechts Jahrzehnte über den Tod hinaus war nicht der Erfolg der Lobbyarbeit der Kinder und Enkelkinder von Genies, sondern der Verleger, die möglichst lange das Monopol behalten möchten.

„Die Europäer“ von Orlando Figes erzählt vom Anfang der „Welt von Gestern“

„Die Europäer“ erzählt die Geschichte der Kapitalisierung der Kultur. Es ist keine Anklageschrift, sondern eine sehr dichte Beschreibung, wie es zu jenem Europa kam, dem Stefan Zweig in der 1941 erschienenen „Welt von Gestern“ einen späten Nachruf schrieb.

Die letzten Zeilen des Buches, niedergeschrieben im Januar 2019, seien noch hinzugefügt: „Das Buch ist meiner Schwester Kate gewidmet, der einzigen ständigen Präsenz in meinem Leben. Mit ihr gewann ich nach der Entscheidung des Vereinigten Königreichs, die Europäische Union zu verlassen, unsere deutsche Staatsbürgerschaft zurück. Jenes Ereignis – unvorhersehbar (wenn nicht undenkbar), als ich mit der Arbeit an diesem Text begann – hat der Niederschrift eine besondere Dringlichkeit verliehen. Ich hoffe, das Buch wird als Mahnung an die integrierende Kraft der europäischen Zivilisation dienen, welche die Nationen des Kontinents auf eigene Gefahr außer Acht lassen.“

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