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Orhan Pamuks „Die Nächte der Pest“: Vom Versinken und Aufwachen

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Von: Arno Widmann

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Der Roman ist auch eine Geschichte vom Sieg des Türkentums über die polyglotte, multireligiöse, faszinierende Vergangenheit: Istanbul Ende der 1890er Jahre.
Der Roman ist auch eine Geschichte vom Sieg des Türkentums über die polyglotte, multireligiöse, faszinierende Vergangenheit: Istanbul Ende der 1890er Jahre. © imago/United Archives Internatio

„Die Nächte der Pest“, Orhan Pamuks neues Kontrastmittel, um uns erkennen zu lassen, was ist.

Samstag, 18 Uhr. Ich werde jetzt über „Die Nächte der Pest“, den neuesten Roman des türkischen Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk, schreiben. Die nächsten vier Stunden werde ich also nicht wissen, was in der Ukraine geschieht, was Putin Russinnen und Russen weiter verbieten wird, wen er ins Gefängnis schickt, welche neuen Drohungen er gen Westen senden wird. Was waren das für Zeiten, als wir uns mit nichts als Viren beschäftigten. Das Gespräch über die Pest ist heute zu einem über Bäume geworden. Als Orhan Pamuk seinen Roman schrieb und selbst am 14. Februar 2022, als sein Buch auf Deutsch erschien, hielten die meisten von uns Corona für unser Hauptproblem. Zehn Tage später, als russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, hatten wir verstanden, dass Russland einen Krieg gegen die Ukraine führte.

Jetzt also ein Gespräch über Bäume, über Orhan Pamuks „Die Nächte der Pest“. Gegen Ende des Romans spricht die Erzählerin des Buches „vom geschichtsversessenen Schriftsteller Orhan Pamuk“, dessen Vorliebe für Museen sie teile. Ich liebe Autoren, die mit ihrer Autorschaft spielen, die uns Illusionen schaffen und uns aus ihnen reißen. Das klappt freilich nur, wenn wir ihnen auf den Leim gehen, wenn die Geschichte immer wieder so packend ist, dass wir sie atemlos verfolgen.

Pamuks Geschichte handelt vom Ausbruch der Pest auf der Insel Minger im Jahre 1901 und vom Kampf gegen sie. Es ist zugleich eine Geschichte vom Ende des osmanischen Reiches, vom Sieg des Türkentums über die polyglotte, multireligiöse, faszinierende Wirklichkeit des zerbrechenden Imperiums. Und es ist eine Liebesgeschichte: „Sie sah voll staunender Bewunderung auf seine stämmigen Beine, die für einen Mann unerwartet kleinen Füße und den riesigen Hintern. Meist lagen die beiden im Bett und liebten sich.“ Die osmanische Prinzessin Pakize Sultan, die dritte Tochter des 33. osmanischen Sultans Murat V., verheiratet mit dem Quarantänearzt Nuri Bey, wird eine Weile zur „Königin“ der Insel. Es ist auch eine Familiengeschichte. Auf Seite 730 erklärt die Erzählerin: „Manchem Leser wird nicht entgangen sein, dass ich für Pakize Sultan und Doktor Nuri mehr Verständnis aufbringe als jeder andere. Nun, ich bin die Urenkelin der beiden.“

Sie wissen nichts über die Bedeutung der Insel Minger für die Geschichte der Schlussphase des osmanischen Reiches? Machen Sie sich keinen Kopf. Die Insel Minger ist eine Erfindung von Orhan Pamuk. Wie auch die Erzählerin, wie auch Nuri Bey und viele andere. Aber damit ist wenig geholfen. Wer das Buch liest, wird immer wieder erschlagen von langen historischen Abhandlungen der Erzählerin. Der Leser ertappt sich, wie er immer wieder nachschaut: ist da jetzt von einer historischen Person die Rede oder nicht? Hat es wirklich eine Delegation aus Istanbul gegeben, die 1901 nach China ging, um dort den chinesischen Muslimen zu erklären, das osmanische Reich unterstütze die Westmächte in ihrem Kampf gegen China?

Der Leser gibt auf. Er will weiterkommen in der Geschichte, die ja auch ein Krimi ist, in dem ein Mord aufgeklärt werden soll. Er interessiert sich für die Beschreibung der Entstehung, ja Schaffung eines mingerischen Nationalismus. Die Frage, was davon real, was Fiktion ist, scheint ihm unerheblich. Dann aber wird ihm seine Gleichgültigkeit gegenüber dieser Frage wieder verdächtig. Ist es nicht ein Verbrechen, reale Tote und erfundene Tote, richtige Tote also und die, die niemals wirklich lebten, auf eine Stufe zu stellen?

Das Buch:

Orhan Pamuk: Die Nächte der Pest. Roman. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Hanser 2022. 696 S., 30 Euro.

Das ist die Frage nach der Arbeit der Kunst. 2009 hielt Orhan Pamuk Vorlesungen über den „naiven und den sentimentalischen Romancier“. Gleich auf der ersten Seite der von Schillers Unterscheidung ausgehenden Überlegungen notiert Orhan Pamuk, dass die Welt der Fiktion uns oft wirklicher erscheine als die Wirklichkeit. Es passiere uns, dass wir Romane für die Wirklichkeit hielten oder doch beides ineinander überginge. An dieser Stelle spricht Pamuk vom Leser, von der Leserin. Es sei auffällig, dass niemand sich darüber beschwere, sondern dass man im Gegenteil Romane kritisiere, wenn es ihnen nicht gelänge, uns dazu zu bringen, sie für die Wirklichkeit zu halten.

Wir wollen, dass der Roman uns etwas vormacht. Wer „Die Nächte der Pest“ liest, wird sich immer wieder genau dabei ertappen. Er will nicht nur, dass die Story weitergeht, er will auch, dass sie stimmt. Wenn Nuri und die Prinzessin im Ersten Weltkrieg nach China gehen, dann will ich China riechen. Es soll anders riechen als Istanbul und anders als Minger. Das sei naiv, sagen Sie? Recht haben Sie. Aber das Naive gehört zur Kunst. Wer das nicht genießt, der mag die Kunst nicht. Ist das ein Verbrechen? Nein. Man könnte eher auf die Idee kommen, die Kunst sei das Verbrechen.

Zur Kunst Orhan Pamuks gehört freilich auch, dass er uns immer wieder herausreißt aus seiner Story und hineinwirft in die Geschichte. Beide vermischen sich untrennbar. Wir weinen und lachen, wir freuen uns über Erkenntnisse. Aber wir wissen nicht, ob wir sie im Süßwasser der Erzählung oder im Salzwasser der Historia Mundi gewonnen haben. Im deutschen Wort Geschichte sind diese Wasser bereits zusammengeflossen. Das zählt nicht zu den geringsten Einsichten, zu denen wir bei Lektüre des Buches von Orhan Pamuk kommen.

Wer zunächst voller Misstrauen auf die erfundene Geschichte blickt und sich in der der Historiker auf sicherem Grund glaubt, den verführt dieser Roman immer wieder dazu, beiden Erzählungen gegenüber skeptisch zu sein. Wir begreifen, wie sehr wir auf die erfundenen Geschichten angewiesen sind, um die Wirkliche zu begreifen. Sie sind wie das Kontrastmittel, das wir schlucken, damit wir genauer erkennen, was ist. Aber wenn der Roman gar zu gut ist, dann funktioniert das Kontrastmittel nicht. Es löst sich auf, wird eins mit unserer Wirklichkeit. Und statt uns zu helfen, das, was ist, klar zu unterscheiden von dem, was sein soll, werden die beiden eins. Der Erkenntnisgewinn ist dahin und die Fiktion wird eins mit der Realität.

So mag ein Bild aussehen. Ein Roman aber ist anders. „Die Nächte der Pest“ entwickelt sich. Ich versinke in der Illusion, werde geweckt und an Realitäten erinnert, versinke darin und wache wieder auf in der Erzählung von Pakize Sultan. Die Zwickmühle öffnet und schließt sich. Ich beginne zu begreifen, dass es lesend keinen Ausweg aus ihr gibt. Es macht die Schönheit des Lesens und des Schreibens aus, dass man niemals sich entscheiden muss zwischen dem Traum und der Wirklichkeit, dass unser Gehirn jeder Wirklichkeit zu widersprechen versteht und ebenso virtuos jedem Traum. Aus Schillers Wallenstein stammt jenes Zitat, das bis in die sechziger Jahre hinein Studienräte rebellischen Schülern entgegenhielten:

„Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit. / Leicht beieinander wohnen die Gedanken, / doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.“

Einige Schüler gaben damals den empörten Lehrern recht, drehten ihnen den Rücken und wandten sich der Praxis zu.

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