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Der Optimist

Moshe Zuckermann diskutiert mit "Konkret"-Autoren

Von Elke Schubert

Als sich Moshe Zuckermann im September 2002 zu einem Gespräch mit den Konkret-Autoren Hermann L. Gremliza, Thomas Ebermann und Volker Weiß traf, hatte die Diskussion um den Irak-Krieg noch nicht seine volle Schärfe erreicht, und Arafat war noch in seinem Amt. Das ist vielleicht der große Vorteil des jetzt erschienenen Gesprächs-Bandes, in dem es auch um die Frage geht, wie Frieden in der Region des Nahen Ostens geschaffen werden könnte. Moshe Zuckermann steht nicht erst seit dem Erscheinen seines Buches Zweierlei Holocaust zwischen allen Fronten. Der Direktor des Instituts für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv hat mit seinen Eltern in Deutschland gelebt, bevor er sich in Israel niederließ, und ist ein profunder Kenner der Verhältnisse und Animositäten in beiden Ländern.

Wenn Zuckermanns Kritik an Israels Politik gegenüber den Palestinänsern von deutschen Linken instrumentalisiert wird, ist dies allein ein Beleg für deren Denkfaulheit. Zuckermann nämlich ist ein Intellektueller, der sich nicht mit einfachen Wahrheiten und Lösungen zufrieden gibt. Die Intention seiner Interviewpartner, eine mögliche missbräuchliche Instrumentalisierung seiner Positionen in den Mittelpunkt des Gesprächs zu stellen, wurde rasch zugunsten einer Diskussion über deutsche und israelische Verhältnisse aufgegeben. Irgendwann im Laufe der Debatte stellt Zuckermann fest: "Mir fällt nur auf, dass wir in eine interessante Rollenaufteilung geraten sind: Ihr wehrt meine vehemente Israelkritik ab, ich wehre eure vehemente Deutschlandkritik ab." Und gerade aus diesem scheinbaren Makel bezieht das Gespräch seinen Reiz.

Dennoch ist genug Raum, um einige Vorurteile zu thematisieren, beispielsweise das über Zuckermanns angeblichen Antizionismus. Er sei nämlich keineswegs Antizionist, vielmehr begreife er sich als Nicht-Zionist, was ein bedeutender Unterschied ist: Der Anti-Zionist war von vornherein ein Gegner des Zionismus, der Nicht-Zionist ist es im Nachhinein. Auch einigen Ansichten seiner Gesprächspartner widerspricht er heftig: Die Shoa mag in den fünziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch eine historische Legitimation für die Gründung des Staates Israel gewesen sein, heute werde sie von den verantwortlichen Politkern fetischisiert, um die besetzten Gebiete zu legitimieren und den Friedensprozess zu verhindern.

Darüber hinaus wehrt sich der Historiker gegen das Argument, Israel sei einer permanenten existentiellen Bedrohung durch die arabischen Nachbarstaaten ausgesetzt. Dabei habe die israelische Armee in vergangenen Kriegen ihre erdrückende Übermacht hinreichend demonstriert. Weil die Gründung Israels aber mit einer "großen Katastrophe des palästinensischen Volkes" einherging, müsse man sich einer besonderen Verantwortung bewusst sein. In der friedlichen Koexistenz mit den Palästinensern, die aber nur für den Preis der Räumung der besetzten Gebiete zu haben ist, sieht Zuckermann die einzige Chance für die Zukunft des Staates.

Dass man mit diesen Ansichten in Deutschland leicht von der falschen Seite vereinnahmt wird, liegt auf der Hand. Besonders mit der Linken muss sich Zuckermann unentwegt über das Existenzrecht Israels auseinandersetzen, obwohl er der festen Überzeugung ist, dass das "keine Frage ist, die ich mit Deutschen gut diskutieren kann". Warum gerade die hiesigen "Antiimperialisten" sich besonders für die Sache der Palästinenser einsetzen, warum die Wahrnehmung der Realität in Israel von Projektionen überlagert ist und die Debatte um die israelische Politik emotionaler und ideologischer geführt wird als andere, diese Fragen konnten in dem Gespräch nicht befriedigend geklärt werden.

Dabei ist nicht gerade hilfreich, wenn die Konkret-Autoren auf eine negativ definierte Sonderstellung Deutschlands insistieren, etwa wenn sie von einem von "Deutschland geführten Europa" sprechen oder im latenten Antisemitismus gleich einen "Vernichtungswillen" impliziert sehen. Die Rede vom "Vierten Reich", die nach der Wiedervereinigung Konjunktur hatte und mittlerweile angesichts ökonomischer und politischer Entwicklungen jeder Grundlage entbehrt, scheint immer noch in ihren Köpfen herumzuspuken.

Zuckermanns Antwort auf derlei Übertreibungen ist einerseits, die Publizisten listig aufzufordern, ihren Lesern die Emigration nahezulegen, und andererseits, vorzuführen, warum Alarmismus wenig hilfreich ist. Er ist nämlich Optimist: "Ich halte alles, was historisch gewachsen ist, für historisch überwindbar." Das schließt den in Israel virulenten Rassismus gegenüber den Arabern ebenso ein wie den Antisemitismus in Deutschland. "Wenn ich daran nicht mehr glauben kann, wenn Gebilde grundsätzlich nicht veränderbar wären ... dann ist alle Arbeit und sind auch diese Gespräche hier zwecklos."

Auch wenn die Positionen der Konkret-Autoren manchmal nerven, so haben sie immerhin den Vorteil, dass Zuckermann eine ideale Plattform geboten wird, im Widerspruch scharfen Verstand und unorthodoxe Überzeugungen vorzuführen. Im Gegensatz zu seinen Gesprächspartnern bewertet er die Rolle der 68iger in der Auseinandersetzung um die deutsche Vergangenheit zwar positiv, doch Auswüchsen der "Vergangenheitsbewältigung", insbesondere dem Philosemitismus, begegnet er mit Misstrauen . Dieses Misstrauen hat sich ein ums andere Mal als begründet erwiesen und Zuckermanns Optimismus nachhaltig erschüttert: "... ich fühlte, dass sich im Philosemitismus eine Aggression verbarg, die nur auf eine Chance wartete zurückzuschlagen. Die Chance kam, als der Staat Israel Unrecht beging." Die linken Antisemiten sind seine "Todfeinde", und aus dieser Einstellung spricht nicht nur persönliche Enttäuschung.

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