Buchpreis

Der opferreichste aller Bürgerkriege

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Stephan Thome liest in der Romanfabrik aus seinem nagelneuen Roman „Gott der Barbaren“, der auch auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht.

In Sneakern, legerem Hemd, Jeans und mit Ledertasche kommt Stephan Thome auf die Bühne. Zu erzählen hat er von seinem bislang umfangreichsten Roman „Gott der Barbaren“, der seit Dienstag auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht. Für Thome nicht das erste Mal, waren die beiden Romane „Grenzgang“ (2009) und „Fliehkräfte“ (2012) jeweils an selbigem Ort zu finden.

Allein der Titel erweist der Relevanz des neuen Romans einen ehrenvollen Dienst. Um welchen Gott mag es sich handeln und wer sind die Barbaren? - Fragen, deren Antworten offen bleiben sollen.

Der 46-jährige Philosoph und Sinologe Thome entführt an diesem Abend das Publikum der Frankfurter Romanfabrik ins China des 19. Jahrhunderts, „als Hongkong nichts weiter als eine Insel von Felsen war, darauf wenig mehr als Barackensiedlungen.“ Sein Roman, der so neu ist, dass er hier zum ersten Mal daraus liest, hat sowohl mit Europa als auch mit China zu tun. Er handelt von der Taiping-Rebellion zwischen 1851 und 1864, die mit geschätzten 20 bis 30 Millionen Todesopfern zum größten Bürgerkrieg der Geschichte führte – bei uns jedoch kaum bekannt ist. Ein Aufstand, der von christlichen Missionaren ausging, an dessen Spitze Hong Xiuquan stand, der infolge eines Traumes der Überzeugung war, neben Jesus der zweite Sohn Gottes zu sein. Das dürfte ein starkes Motiv gewesen sein, um einen monotheistischen Glauben flächendeckend dort einführen zu wollen, wo sonst unterschiedlichste Glaubensrichtungen vorherrschen.

Aus drei verschiedenen Perspektiven stellt Thome in Frankfurt seine erzählte Welt vor, deren Figuren teils fiktiv, teils historisch sind: Philipp Johann Neukamp, ein junger deutscher Missionar, schildert seine ganz eigene Sicht auf die Einheimischen (fiktiv), Lord Elgin, Abgesandter der britischen Krone, will sich im zweiten Opiumkrieg verdient machen (historisch) und der intellektuelle General Zeng Guofan (historisch) berichtet davon, die „Himmlische Hauptstadt“ Nanking von den Rebellen zurückzuerobern.

Die Idee zu „Gott der Barbaren“ hatte der seit seinem 23. Lebensjahr in verschiedenen Ländern Asiens lebende Schriftsteller, wie er berichtet, in Hongkong, als ihm das Buch „Autumn in the Heavenly Kingdom“ in die Hände fiel, das eben von jener Geschichte handelt. Manch einer sagt, so erzählt es Thome, dass Chinas Aufstieg zur Weltwirtschaftsmacht bereits 100 Jahre früher stattgefunden hätte, wäre dieser Krieg nicht gewesen.

Trotz des komplexen Themas ziehe das 700 Seiten starke Werk in einen nicht zu entkommenden Sog, berichtet Michael Hohmann, Leiter der Romanfabrik, und ermutigt damit die Anwesenden, sich der Lektüre zu widmen, die bei ihm nur dreieinhalb Tage dauerte. Dieser Rat wurde gerne angenommen, denn der Büchertisch war sehr gut besucht.

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