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Safiye Can: Eugen Gomringers "avenidas".

Lyrik

Operationen am Leib der Sprache

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Das Wort beim Wort nehmen: Zwei Bände der Literaturzeitschrift „die horen“ versammeln zeitgenössische Spielarten konkreter Poesie.

Ulla Hahn, Jan Wagner, Franzobel und Safiye Can gehören zu den Autorinnen und Autoren, die in zwei Bänden mit konkreter Poesie vertreten sind, jüngst erschienen als Nummern 271 und 272 der Literaturzeitschrift „die horen“.

Konkrete Poesie, das ist doch jene Bewegung, die sich Mitte des 20. Jahrhunderts als Avantgarde verstand und, wie alle Avantgarden, mit jeglicher Tradition brechen und die Lyrik völlig neu erfinden wollte? Statt Schwelgerei in Metaphern Reduktion auf objektive Strukturen. Technisches Experiment statt subjektiver Imagination. Metrum, Vers, Strophe, überhaupt alle Konventionen der Lyrik sollten über Bord geworfen und die Sprache als Material hergenommen und in völlig neue Zusammenhänge gestellt werden.

Kein Zufall, dass das wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geschah. Adornos Diktum „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“, so umstritten es war, brachte die Notwendigkeit eines radikalen Neuanfangs auf den Punkt, die viele Schriftsteller empfanden und die sie nach neuen Formen des Schreibens suchen ließ.

Eugen Gomringer gilt zumal wegen seines 1954 verfassten Manifests „vom vers zur konstellation“ als Begründer der konkreten Poesie; auf ihn bezieht sich auch Norbert Hummelt in einem Essay im ersten „horen“-Band. Eine gute Idee übrigens, solche Essays einzustreuen. Dank deren Reflektion und Erläuterung fällt es leichter, die aktuellen Beiträge einzuordnen und die Entstehung und kontroverse Diskussion der inzwischen selbst Tradition gewordenen konkreten Poesie nachzuvollziehen. Noch dazu gewähren einige Einblicke in die Entwicklung in anderen Ländern, etwa Chile oder Island.

Die Autorinnen und Autoren sind von der „horen“-Redaktion eingeladen worden, sich an den Themen-Bänden mit konkreter Poesie und anderen Spielformen der Lyrik zu beteiligen. Alle Beiträge, erfährt man in der Einleitung, haben zum ersten Mal einen Platz zwischen zwei Buchdeckeln gefunden.

Und siehe da: Die konkrete Poesie lebt! Zwar ohne die Attitüde von Traditionsbruch und Avantgarde, die ist längst Literaturgeschichte. Doch die Methode, die Sprache beim Wort zu nehmen und mit ihr zu spielen, funktioniert nach wie vor. Es macht Spaß und versetzt in Erstaunen, beim Blättern zu entdecken, wie unterschiedlich die poetischen Formen sein können, wie groß die Vielfalt der Ideen und Laborversuche, wie weit das Feld vom (grafischen) Sprach-Bild bis hin zu Textvariationen, die neuen medialen Publikationsformen künstlerisches Potential abzugewinnen suchen.

Sätze, Wörter und Buchstaben werden ganz im klassischen Sinne konkreter Poesie als Material verstanden und seziert, die Dichter operieren am Sprachleib, nicht jedes Experiment gelingt, doch manche Operateure dringen vor bis hin zum offenen Herzen der Poesie.

Anatol Knoteks Eingangsbeitrag „sie liebt mich (nicht)“ ermöglicht einen spielend leichten Zutritt in diese Schatzkammer zeitgenössischer Poesie. Knotek hat die Blüte mit ihren Blütenblättern aus dem Wechsel der Sätze „sie liebt mich, sie liebt mich nicht“ kreisförmig als Buchstabenbild geschrieben (gemalt?). Im echten Leben werden die Blütenblätter ausgezupft, in der visuellen Poesie bleiben sie ein unendliches Versprechen.

Barbara Köhler nimmt ihre Profession wörtlich und „stellt Schrift“. Mit Fotos und Texten umkreist sie in ihrem Beitrag „Schriftstellen. Eine Unterrichtung“ buchstäblich die Frage, wie Dichtung eigentlich hergestellt wird. Überraschende Einsichten inklusive.

Die groteske Debatte um den vermeintlichen Sexismus in Eugen Gomringers „avenidas“-Gedicht findet vielfältigen Niederschlag. Sehr hübsch: Safiye Cans „Emojigedichte“, in denen sie „avenidas“ in Whatsapp-Bildchen übersetzt und politisch korrekt variiert.

Humor ist möglich, politischer Kommentar ist möglich, klingender Quatsch und sogar Reim und Schönheit finden Platz in der aktuellen konkreten Poesie.

Die zufällig gewählten Beispiele sollen lediglich Lust machen, sich selbst in die „horen“-Bände zu vertiefen, mitzuspielen, sich zu erfreuen oder auch vor den Kopf stoßen zu lassen, kurz, auf Entdeckungsreise zu gehen in eine äußerst gegenwärtige poetische Welt.

die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik, Nr. 271/272: Das Wort beim Wort nehmen. Konkrete und andere Spielformen der Poesie, zusammengestellt von Safiye Can und Jürgen Krätzer, Wallstein Verlag, Göttingen 2018, je 14 Euro.

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