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Antje Ravik Strubel, erstaunte Buchpreis-Gewinnerin.
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Antje Ravik Strubel, erstaunte Buchpreis-Gewinnerin.

„Open Books“

„Open Books“ in Frankfurt: Macht und Ohnmacht von Romanfiguren

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Fragen nach der Identität und nach der Mutter bei der Eröffnung des Lesefests „Open Books“, unter anderem mit Buchpreisgewinnerin Antje Rávik Strubel.

Ist Antje Rávik Strubel immer noch erschüttert? Ja, schon, aber schön erschüttert, auf die Art, auf die man erschüttert sein will als Mensch. Die Trägerin des Deutschen Buchpreises gab zur Eröffnung der großen Lesereihe „Open Books“ im abgezirkelt luftig besetzten Saal der Deutschen Nationalbibliothek also geduldig Auskunft über die „Blaue Frau“. Nützlich für Leserinnen und Leser ihr Hinweis, dass die präzise Topografie ihrer die Dinge durchaus zum Schweben bringenden Romane ihr Boden unter die Füße gebe (denn nach Boden unter den Füßen suchen die Leserinnen und Leser womöglich auch).

So habe sie ihre Hauptfigur Adina praktisch aus ihrem frühen Episodenroman „Unter Schnee“ heraus in ihre, Strubels temporäre finnische Wohnung „verpflanzt“, um zu sehen, was dort passiere. Nicht viele werden sich an die alte, damals sehr junge, zwölfjährige Adina erinnern. Sie selbst, erzählte Strubel, sei überrascht gewesen, wie kurz der Abschnitt war, den sie ihr im Buch gewidmet hatte. Nun habe sie sich an Adina herangeschrieben, auch ohne schon genau zu wissen, was ihr in der Zwischenzeit widerfahren sei (eine Vergewaltigung, die im Roman tatsächlich lange verkapselt bleibt).

Aufschlussreich auch ihr Gespräch mit Wiebke Porombka über die Figur von Adinas sensiblem und doch gegenüber dem Trauma seiner Freundin merkwürdig ignorantem Liebhaber Leonides, mit dem Strubel, so Porombka, doch sehr nachsichtig umgehe. Das spiegelte sich nachher im Gespräch zwischen Sasha Marianne Salzmann und Cécile Schortmann wider, die die Vaterfiguren in „Alles im Menschen muss herrlich sein“ etwas „blass“ fand. Salzmann erzählte dagegen von den Mühen, gerade diese Figuren liebevoll zu zeichnen.

So war einiges darüber zu erfahren, wie sich ein Buch verselbständigt und spätestens mit dem Hinzutreten des Lesepublikums, aber auch schon vorher, der Kontrolle entzieht. Und: Ohne jetzt übertreiben zu wollen, laufen namentlich männliche Romanfigur dieser Tage anscheinend Gefahr, unter einen kuriosen Rechtfertigungsdruck zu geraten. Salzmann in anderem Zusammenhang und gewiss zu Recht: „Ich widerspreche meinen Figuren nie“ – denn eigentlich habe sie in diesem Fall eine lesbische Liebesgeschichte erzählen wollen. Aber mit diesem Etikett bekommt man den Roman „Alles im Menschen muss herrlich sein“ gar nicht in den Griff.

Wie in allen Gesprächen des Abends – wie vielleicht immer im Leben – ging es um Identitätsfragen. Salzmann formulierte anregend, dass hinter der Frage: „Wo kommst du her“ doch eigentlich immer die Frage stehe: „Wer ist deine Mutter“.

Globaleres Nachdenken

Per Leo, mit seinem Buch „Tränen ohne Trauer“ auf einem der schwarzen Sessel, die in der Nationalbibliothek das Blaue Sofa repräsentieren, sprach über das mögliche Ende der Erinnerungskultur. Er führte aus, wie problematisch es sei, wenn ausgerechnet Deutsche alle anderen darüber belehren wollen, was Antisemitismus ist. Er konnte sich mit seinem Gesprächspartner René Aguigah zumindest darauf einigen, dass seine, Leos, Tochter als Urenkelgeneration der Nazis mit einem globaleren Nachdenken über die Welt aufwachsen werde.

Am deutlichsten außerhalb hielt sich theoretisch Gert Loschütz, der mit Sonja Vandenrath über seinen Roman „Besichtigung eines Unglücks“ sprach und das schwere Zugunglück von Genthin im Jahr 1939. Praktisch ist Genthin freilich Lotschütz’ Geburtsstadt und ein Ort vieler Erinnerungen. Vor allem aber stockte dem Publikum hörbar der Atem, als noch die letzten begriffen, was bei dem Eisenbahnunfall, der als schwerster in der deutschen Geschichte gilt, passiert ist. Und wie vier Sekunden den Unterschied machen können. Und selbst wenn es also ein Zufall sei, so gebe es doch auch für den Zufall zumindest eine Ursache, ein Zustandekommen.

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