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„Open Books“ in der Nationalbibliothek: Und die anderen?

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Von: Judith von Sternburg

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Kim de l’Horizon. Foto: Alexander Paul Englert
Kim de l’Horizon. © Alexander Paul Englert

Horizonterweiterungen bei den „Open Books“.

Interessant auch, dass die Suche nach der eigenen Identität nicht nur wichtig und sogar ausschlaggebend für eine schriftstellerische Existenz sein kann (vielleicht immer ist). Sondern dass es beim Lesen – und was wäre das Schreiben ohne das Lesen, denken Sie an die Hieroglyphen als Tapetenmuster – vor allem darauf ankommt, die eigene Identität für kurze Zeit hinter sich zu lassen. Das Lesungsmeer, das sich während der Buchmesse über der Stadt ausbreitet, ist dafür denkbar geeignet. Die Eröffnung von „Open Books“ in der Deutschen Nationalbibliothek machte mit Verve den Anfang.

Missverständnis auf der Lauer

Zuerst ging es wie immer um den mit dem Buchpreis ausgezeichneten Roman, „Blutbuch“ von Kim de l’Horizon, hier nun mit dem abrasierten Schädel vom Montagabend. Kim de l’Horizon wollte klarstellen, dass es dabei nicht darum gegangen sei, die eigenen Erfahrungen mit denen von Iranerinnen gleichzusetzen. Missverständnisse lauern überall, aber dieses ist besonders merkwürdig. Jedenfalls zeigte sich: Die Resonanz sei in erster Linie positiv gewesen, auch wenn, so Kim de l’Horizon, immer das Negative sich im Kopf festsetze. Wir sind in der anstrengenden Welt der Kurznachrichten.

Leicht wird darüber vergessen, aber Cécile Schortmann erinnerte beharrlich daran, dass „Blutbuch“ als literarisches Werk geehrt worden ist. Es sei zunächst um einen Entwicklungsroman gegangen, der aber immer wieder gescheitert sei, erklärte Kim de l’Horizon. So sei immer deutlicher geworden, dass die „klassischen Formen“ für diesen Körper und diese Geschichte nicht taugten. „In einem Körper ohne Vorbild zu sein“ habe bedeutet, auch einen neuen „Textkörper“ herstellen zu müssen.

Im Folgenden dann Gespräche über stark irritierte Identitäten. Manja Präkels – eingeladen mit dem Essayband „Welt im Widerhall oder war das eine Plastiktüte?“ – sprach mit Eva Schmidt über Ostdeutschland und die Frage, ob wir uns hier in Frankfurt am Main eine korrekte Vorstellung davon machen, was in Brandenburg oder Mecklenburg los sei. Womöglich nicht, wenn man über die Geschichten nachdachte, die sie erzählte. Sie erinnerte ferner an Kohls „Merkel konnte nicht mit Messer und Gabel essen“, das kannten im Raum keineswegs alle, es wurde mucksmäuschenstill vor Scham. Der Westen, so Präkels mit Blick auf rechtsextreme Strukturen im Osten, komme ihr oft so sorglos vor. Was tun? Kleine Theater, kulturelle Angebote, schlug Präkels vor, und: Busverbindungen.

Der Dresdner Lyriker Durs Grünbein, soeben 60 Jahre alt geworden, mit dem Band „Äquidistanz“ auf der Messe und mit Sonja Vandenrath im Gespräch, sieht einen „moderaten Faschismus am Horizont“. Mit Blick auf die eigene Biografie sagte er: Er habe die Demarkationslinie seinerzeit natürlich hingenommen, hinnehmen müssen. Dresden auf dieser Seite, Fulda auf der anderen. Er sei aber nie bereit gewesen, daraus seine eigene Identität zu bilden, er habe sich ideologischen Klammergriffen immer entziehen wollen.

Das war nicht nur ein großes Wort gelassen ausgesprochen, es korrespondierte auch großartig – und auf einer Buchmesse subversiv – mit seinem Eindruck, dass Gedichte per se nicht in einer ökonomischen Sphäre funktionierten. Dass sie nicht „Produkt“ geworden seien.

Jürgen Kaube sprach schließlich mit Thorsten Jantschek über „Die gespaltene Gesellschaft“ (zusammen mit André Kieserling verfasst) und las uns (uns, den Medien, uns, den Leuten) die Leviten. Werde ein Mann auf der Straße gefragt, ob er evangelisch oder katholisch sei, sage der Mann, er sei Jude, werde er gefragt, ob er ein evangelischer oder katholischer Jude sei – das, so Kaube, das sei eine gespaltene Gesellschaft. Nordirland nannte er also als Beispiel, die USA, sagte er, seien dicht daran. Wir wollen das Wort „gespaltene Gesellschaft“ nicht mehr unnütz im Munde führen.

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