136404891.jpg
+
Das Lesefest zur Frankfurter Buchmesse „Open Books“ ist eröffnet.

Frankfurter Buchmesse

Weil wir Menschen sind und die anderen auch

Buchmessenmäßige Kontraste und springende Punkte bei der Eröffnung von „Open Books“.

Feine Bezugslinien bei der Eröffnung der Lesereihe Open Books, die unversehens zum Wenigen gehört, was von der Frankfurter Buchmesse noch anregend und weitgehend unramponiert übrig geblieben ist. In der Nationalbibliothek reichte der Platz für distanziertes Sitzen, und es sah nicht jammervoll aus. Schauen wir auf das, was möglich ist, sagte Generaldirektor Frank Scholze, und das war nun zwar kein Blaues Sofa, wie es sich gehört – das sendet diesmal live aus Berlin, na ja –, aber auch auf schwarzen Sesselchen kamen zwei Autorinnen und zwei Autoren mit zwei Moderatorinnen und zwei Moderatoren lebhaft ins Gespräch.

Kulturdezernentin Ina Hartwig hatte Buchpreisträgerin Anne Weber schon am Vorabend gefragt, wann „Annette, ein Heldinnenepos“ (Matthes & Seitz) denn auf Französisch erscheine. Dabei zeigte sich, erzählte Hartwig, dass es bereits Webers eigene französische Fassung gibt. Die seit Jahrzehnten in Frankreich lebende Schriftstellerin arbeitet immer so, man wusste und vergaß es wieder, erst jetzt lenkt sich (endlich) der Blick aller darauf. Dem deutsch-französischen Thema, der Geschichte einer Résistancekämpferin, gibt das einen schönen Zusatzdreh. Das französische Publikum mag speziell interessiert auf den Algerienkriegs-Teil des Buches schauen. Sie habe, sagte Weber, im Gespräch mit Cécile Schortmann, in diesem Fall auch den französischen Erfolg (der sich offenbar bereits einstellte) mehr erwartet als den deutschen. Sie wolle, betonte sie, keine Lektionen erteilen. Die echte Anne Beaumanoir, 97, vielleicht schon, wenn sie noch heute vor Klassen auftrete – um Kindern den Ungehorsam beizubringen.

Dann aber, eine irre und originalbuchmessenmäßige Wendung, gab es gleich eine ganze Reihe von Lektionen: Der bekannte Ex-Boxer Wladimir Klitschko und seine aus dem Marketingbereich kommende Ko-Autorin Tatjana Kiel sprachen mit Michael Sahr über ihr Buch & ihre Methode „F.A.C.E. the Challenge“ (Ariston). Hier gehe es, machten die beiden deutlich, um nicht weniger als die Frage, was man mit seinem Leben anfange. „Was ist meine Mission“, fragte Klitschko. Es lief darauf hinaus, nicht „the best version of me“, sondern „the next (version of me)“ zu machen. Ersteres bringe es doch langfristig nicht, denn wie solle es danach weitergehen? Klitschko war allerdings (obwohl die Fotografen schon in Position gingen) nicht bereit, einen echten Schattenboxkinnhaken zu zeigen, um es auf diese Weise offensiv mit der Zukunft aufzunehmen. Damit, sagte er lächelnd, zerreiße er sich das Jackett, und es blieb offen, ob das ein Späßchen war.

Definitiv zu Scherzen aufgelegt dann Kristof Magnusson, der mit Open-Books-Einfädlerin Sonja Vandenrath vom Kulturamt über seinen Roman „Ein Mann der Kunst“ (Kunstmann, auch ulkig) sprach. Ein Künstler- oder ein Fördervereinsroman?, fragte Vandenrath, jedenfalls eine Geschichte, so Magnusson, die nach Frankfurt und in den Rheingau gehöre. Die Rheinromantik, so zerstört sie sei, sei dort dennoch spürbar, erklärte er trefflich. Sie funktioniere trotz der mordsmäßigen Verbauungen, ein einmaliger Fall.

In einer letzten fabelhaften Volte schwenkte die Aufmerksamkeit zu Eva von Redeckers Buch „Revolution für das Leben“ (S. Fischer). Mit Gert Scobel sprach sie über die Sonderbarkeit, dass der Kapitalismus nicht nur als Ausbeuter auftrete, sondern mittlerweile auch als Zerstörer der Lebensgrundlagen. Zum Eigentum gehöre die Freiheit, dieses Eigentum zu missbrauchen, was aber sei das für ein „System, das prämiert, wenn man diesen Zerstörungsspielraum voll ausschöpft“? Redecker, von brillanter Auffassungsgabe, zitierte beeindruckt eine umwerfende Wendung aus „Annette, ein Heldinnenepos“. Der versteckte Jude, der mit den Seinen ein neues Versteck braucht, fragt sich, wer Annette ist, die „ohne Grund / oder nur aus dem einen, dass sie ein Mensch ist / und sie auch Menschen, sie alle retten will“. Scobel zitierte noch einmal von Redecker: Rettung heiße, die Rettung zu organisieren. So ist das: Man redet über Bücher und dringt zum Wesentlichen vor.

von Judith von Sternburg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare