Onkel Pauls Kinder

In der "Colonia Dignidad"

Von KERSTEN KNIPP

Die Fragen erübrigen sich fast. Der Mann redet auch so. Ohne Pause spricht er in das Mikrofon, Minute um Minute. In den Interviews, die Efraín Vedder in diesem Frühling gibt, redet er sich gleichsam den Druck von 35 Jahren von der Seele - exakt so lang war er Gefangener des Sektenführers Paul Schäfer in dessen in Chile gelegener "Colonia Dignidad".

Im Herbst 1969, wenige Monate war er da alt, vertrauten ihn die leiblichen Eltern den Ärzten der in der Nähe gelegenen Colonia Dignidad zur Behandlung eines Hustens an. Die Ärzte, heißt es, kurierten die Kinder der Nachbarschaft kostenlos. Tatsächlich ist ihr Preis hoch: Manche der Kinder behalten sie auf immer da, viele von ihnen für die pädophilen Gelüste Paul Schäfers.

Acht Jahre alt ist "Hans", wie José Efraín Morales Norambuenas in der Kolonie heißt, als er zum ersten Mal in Schäfers Bett gezwungen wird. Als väterlicher Freund, als "Onkel Paul" gibt der sich dort, doch überzeugt die Rolle nicht. Schäfer, Efraín ahnt es allmählich, geht es ausschließlich darum: "Die Gemeinschaft tagsüber zu kontrollieren und nachts, wann immer er wollte, sich sexuell an den Jungen zu vergehen. Keiner wagte, dies anzuprangern."

Es ist eine perverse, von reaktionären Reflexen durchzogene Welt, die Vedder in seinem Buch beschreibt. Gepflegt wird das Bild eines vordergründig anmutigen Landlebens; darüber allerdings schwebt kaum merklich die Forderung nach absolutem Gehorsam, formuliert etwa in Liedern und Versen, die bis in die altertümliche Sprache hinein den Moder einer isolierten, aller Gegenwart enthobenen Welt erkennen lassen. "Wenn dich einmal der Hafer sticht, aus deiner Haut zu fahren", heißt es etwa in einem in der Kolonie häufig angestimmten Lied, "so bleib nur drin. Es lohnt sich nicht, du kannst das Fahrgeld sparen."

Dass es dazu meist nicht kommt, dafür sorgt Schäfer durch ein perfides Kontrollsystem. Dessen wichtigstes Instrument sind die Gruppengebete. Einmal pro Tag müssen die Mitglieder der Kolonie im Gebet mit mindestens zwei anderen Personen ihre Sünden bekennen - Sünden, die eben auch den Mitbetenden zu Ohren kommen, die sie ihrerseits umgehend an Paul Schäfer weiter tragen. Der zeigt sich für solche Informationen erkenntlich, belohnt die Zuträger, über deren Vergehen er wiederum von anderen ins Bild gesetzt wird: ein System totaler Kontrolle, geeignet, den Bewohnern der Kolonie alles Vertrauen ineinander von Grund auf auszutreiben. Wer aufbegehrt, muss mit harten, vor aller Augen vollzogenen körperlichen Strafen rechnen. Schlimmer noch sind allerdings die Beruhigungstabletten, die man besonders renitenten Bewohnern verabreicht.

Die ganze Dimension des in der Kolonie ausgeübten Terrors nimmt Vedder indessen erst Anfang der neunziger Jahre wahr. Soeben ist General Pinochet abgetreten, und unmerklich schwindet die Unterstützung für die Kolonie. Es gilt, Beweise für Schäfers Verwicklung in die vom Militärregime ausgeübte Gewaltherrschaft zu entsorgen. Dazu gehören auch einige ältere Autos, die eines Tages auf einen Hänger geladen und verfrachtet werden. Was mit ihnen denn passiere, fragt Vedder die Transporteure. "Die müssen weggeschafft werden", erhält er zur Antwort, "das sind doch die Autos von den Vermissten."

Doch die Verbrechen lassen sich nicht verheimlichen. Als die Behörden immer mehr belastendes Material gegen den Leiter der Kolonie zusammenstellen, taucht Schäfer 1997 unter. Erst vor wenigen Monaten ist er in Argentinien gefasst worden, bald soll er nach Chile ausgeliefert werden. An der Aufklärung der in der Kolonie begangenen Verbrechen will Vedder sich beteiligen. Denn erst ein Prozess würde den Abschied von einer grauenhaften Vergangenheit bringen, deren Schrecken er in seinem Buch aus der Perspektive des unmittelbar Betroffenen eindrucksvoll beschrieben hat.

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